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Opelvillen Dia-Abend erlebt Renaissance

Dia-Abende sind fast schon vergessen. Wer seine eigenen Schnappschüsse noch mal im Projektor-Licht sehen will, kann das jetzt in den Opelvillen in Rüsselsheim tun.

Opelvillen
Ein Dia des Piloten und Amateurfotografen Axel Herrmann. Foto: Axel Herrmann

Das Surren des Projektors. Ein mechanisches Klicken, wenn das Dia gewechselt wird. Die Sehenswürdigkeiten des vergangenen Urlaubs wurden eingefangen, um sie nun stolz an der Wand zu präsentieren. Dazu Salzstangen, ein kühles Getränk und natürlich Freunde: Eine fast schon vergessene Tradition aus einer Zeit, in der Instagram-Stories noch Dia-Abende hießen.
Die Kunst- und Kulturstiftung Opelvillen Rüsselsheim lässt sie wieder aufleben: „Zeigt her Eure Dias!“, heißt das Motto. Im Rahmen der Ausstellung „Die reine Leidenschaft“ lädt das Museum vom 2. Mai an jeden Mittwoch zum Dia-Abend ein. Jeder darf sich anmelden und seine eigenen Bilder präsentieren. Leinwand, Salzgebäck und Projektor werden gestellt. Wer seine Dias lieber anonym vorstellen möchte, kann trotzdem teilnehmen: Dann führt das Team der Opelvillen vor.
Drei Jahre Abenteuer in Mittelamerika habe er in seinen Dias festgehalten, berichtet der 1985 mittzwanzigjährige Geologe Wolfgang Kolb. Er war in Costa Rica und Nicaragua unterwegs. Dort arbeitete er mit einem Stipendium an der Vorbereitung seiner Promotion. Mit dabei hatte der passionierte Hobbyfotograf natürlich seine Kamera.

Er habe versucht, in seinen Bildern das damalige Leben in den Ländern einzufangen, erzählt er. Als er von der Veranstaltung in den Opelvillen hörte, meldete er sich für den 13. Juni an. Aus den rund 1000 Dias hat er etwa 150 ausgewählt. „Ich mache leidenschaftlich gerne Dias“, sagt er. Der Vortrag, das Licht des Projektors und die Auswahl der Dias habe für ihn etwas haptisches. Die aufgenommen Erinnerungen verstauben bei ihm nicht im Regal. Er hat einen eigenen Raum, in dem er immer noch Dias vorführt und dazu auch Freunde einlädt.

Heute fotografiert Kolb fast nur noch digital. „Leider“, sagt er. Doch die Kosten für einen Diafilm hätten stark zugenommen. Mitte der 1980er habe er samt Film und Entwicklung etwa fünf Mark bezahlt, heute komme er auf 25 Euro. Gleichzeitig habe die Qualität der Entwicklung stark abgenommen.

„Wir wollen diese Erinnerung wachhalten“, sagt Kuratorin Beate Kemfert. In ihrer Generation habe es viele Dia-Abende gegeben. Hobbyfotografen, die leidenschaftlich gern ihre Bilder machten und dabei teilweise einen eigenen Blick bewiesen, sind auch Thema der Ausstellung „Die reine Leidenschaft“, die ebenfalls ab dem 2. Mai in den Opelvillen startet. „Die Amateur-Fotografie soll in der Ausstellung nicht zur Kunst erhoben werden. Wir behandeln sie so, wie sie auch gemeint war“, sagt Kemfert. Auch die vier Fotografen, deren Werke ausgestellt werden, hätten sich selbst nicht als Künstler verstanden. Sie hielten in ihren Bildern Momente aus ihrem Leben fest.

Einer von ihnen ist Axel Herrmann, der als Pilot arbeitete. In den 1970ern Jahren kam er laut Kemfert insbesondere durch Langstreckenflüge viel herum in der Welt. Seine damals noch viel schwerer erreichbaren Reiseziele hat er dann für das eigene Archiv auf Dia festgehalten.
Oftmals sind es die Kinder, die nun die Bilder wieder heraussuchen. So war es auch bei Axel Herrmann. Sein Sohn macht die Erinnerungen nun wieder zugänglich.

Neben den Dias werden auch analoge Fotografien von Hobbyfotografen gezeigt. „Das spannende ist die Auswahl des Motivs“, sagt die Kuratorin. Was wurde von den Fotografen als wertvoll gesehen? Das sei im Gegensatz zur digitalen Fotografie ein wichtiges Thema, denn der Aufwand bis zum fertigen Film war ungleich höher.

Die Amateurfotografen hätten teils in ihren eigenen Kellern entwickelt, sagt Beate Kemfert. So auch Vasilii Lefter, der seine Bilder auf sowjetisches Fotopapier abzog. Im moldauischen Teil der UdSSR lebend, fotografierte er vor allem in den 70er Jahren. Dabei porträtierte er die dortige Landbevölkerung. Seine Fotos sind in Schwarz-Weiß aufgenommen. Ein magisch schönes zeigt zwei Frauen, die im Wald stehen und in die Kamera schauen. Rund 25 Jahre lagerten sie unentdeckt bei Lefters Tochter.

Über vierzig Jahrzehnte hinweg fotografierte Eugen Gerbert seine Frau Gerti in teils erotischen Posen. Ein eigenwilliges Bild zeigt sie mit offenen Badeanzug vor einer Burg. Auch er selbst ist auf einer Bilder-Reihe zu sehen, vermutlich aufgenommen von Gerti: Gerbert im Wasser mit einem Strohhut. Auf den ersten Bildern schaut sein Kopf heraus, später schwimmt nur noch der Hut im Wasser.

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