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Natur in Stein gemeißelt

27.07.2010 21:01
Mia Beck

Wer mich ganz kennenlernen will, muss meinen Garten kennen, denn mein Garten ist mein Herz“, befand Hermann Fürst von Pückler-Muskau. Der war ein berühmter Landschaftsarchitekt des 19. Jahrhunderts, man könnte auch sagen ein Garten-Künstler. Vermutlich würde der Fürst dem Ausstellungstitel „Garten – natürlich künstlich“ zustimmen, den die Organisatoren der Freiluft-Schau im Klosterhof der ehemaligen Seligenstädter Benediktinerabtei gaben.

Platziert wurden die Werke von sechs Bildhauern auf der großen Wiese vor der Einhardbasilika. Sie verwenden zwar verschiedene Materialien, nähern sich aber auf ähnliche Weise dem Thema der Ausstellung an. Entweder wird dem natürlichen Material, etwa durch Verformung oder Übermalung, eine künstliche Anmutung gegeben oder für Künstliches wieder eine natürliche Form gefunden.

Gleich beim Betreten des Hofes fällt die Arbeit „Kapuzinerkresse“ von Peter Lindenberg auf, die von der Natur vorgegebene Dimensionen in Frage stellt. Hohe, senkrecht aus dem Boden ragende Metallstangen verbog und bemalte Lindenbeg so, dass sie an zierliche Blütenstiele erinnern. An die Stangenenden schweißte er Blätter aus Blech, die den Stängel von oben beschirmen wie ein Dach. Trotz des robusten Materials und der stattlichen Höhe von etwa sechs Metern wirkt das Blätter-Ensemble erstaunlich zart und fragil.

Der Städel-Absolvent Andreas Rohrbach lässt sein „Webervogelnest“ an einem groben Seil von einer der mächtigen Eschen des Klosterhofes hinunterbaumeln. Aus einiger Entfernung ähnelt die leicht hin und her schwingende Figur an die traditionellen mexikanischen Piñatas, hängende Pappmachégebilde, auf die Kinder mit verbundenen Augen mit einem Stock so lange einschlagen, bis die Figur zerbricht und sich deren gesammelter Süßigkeiteninhalt über sie ergießt.

Kommt man näher, ist Schluss mit dem Gedanken an harmlose Kinderspiele: Man erkennt die massive Holzstruktur des Gebildes und macht schließlich auch die herausgearbeiteten Brüste und die mächtigen Phalli aus, mit denen der Bildhauer sein hölzernes Werk nach unten hin auslaufen lässt.

Rohrbach, der bevorzugt zu menschlichen Urthemen wie Wärme, Bewegung und Fortpflanzung arbeitet, zeigt noch eine bemerkenswerte Skulptur: In den kleinen Wassergraben auf dem Gelände setzte er mehrere Sandsteinblöcke und bearbeitete sie so, dass der Bach ein neues, künstliches Bett erhielt. In den rötlichen Stein meißelte der Künstler Strukturen, die an stark vergrößerte und vom Wind bewegte Grashalme erinnern.

Regen begießt die Kunst

Ebenfalls sehenswert: die aus Abfallmaterialien gebastelten Blumen des Künstlerduos Trash/Treasure, die im Rasen stecken. Die Regengüsse seit der Eröffnung haben an dieser Arbeit bereits ihre Spuren hinterlassen: Einige Objekte wurden auf natürliche Weise wieder in ihre Einzelteile zerlegt und erscheinen nun als das, was sie eigentlich sind: durchsichtige Eistüten, bunte Pfeifenreiniger, Plastiklöffel und Strohhalme.

Kultivierte Natur findet sich in einem winzigen Gärtchen voller Nachtkerzen, Stockrosen, Olivenbäume und Wein sowie im prachtvoll rekonstruierten Klostergarten. Hunderte edler und seltener Pflanzen wie Federmohn, Scharlachsalbei und Schwarzer Pfeffer werden dort liebevoll gepflegt. Dass man außen an der Kapelle der Basilika eine geschnitzte Paar-Figur („Adam und Eva“) Stephan Balkenhols entdeckt, die aus einer älteren Ausstellung stammt, ist ein überraschender Abschluss des Gartenrundgangs.

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