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Maifestspiele Wiesbaden Grusel und Gewusel

Die 121. Internationalen Maifestspiele Wiesbaden kommen ziemlich politisch und progressiv daher: Mit dem Motto „Die Welt in Bewegung“, dem Schwerpunkt „German Angst“ und der ersten Molotov-Cocktail-Oper der Welt.

Goethes „Faust“ – in einer Version aus China. Foto: Zhang Xinwei

Die Tochter ist üppig, ihr wallendes Kleid groß gemustert wie der Fußboden, ihre Haare sind rot, so wie die Häupter des Rests der Bagage. Abgesehen von Oma, die hat graue Haare. Mit Staubsauger schleicht sie durch das schrille Wohnungs-Ambiente, fast erwartet man, dass sie im nächsten Moment wie einst Freddie Mercury „I want to break free“ schmettert. Wäre da nicht dieser Blick, diese Haltung: Verkrampft, angespannt, ängstlich.

Genau darum geht es in dem Stück „Tyrannis“ des jungen Regisseurs Ersan Mondtag: Um eine spießige, deutsche Kleinfamilie, die sich in ihrem Haus verbunkert. Aus Angst vor dem Fremden – das sich so einfach allerdings nicht aussperren lässt.

„German Angst“, das ist der Themenschwerpunkt der Internationalen Maifestspiele vom 26. April bis 28. Mai in Wiesbaden, die sich heuer in vielen Stücken weit weniger staatstragend und mondän geben als gewohnt, sondern vielmehr politisch, kritisch, radikal. Zuweilen auch drastisch, düster, dadaistisch.

Am Warmen Damm kommt es am Eröffnungsabend gar zu einem „anarchisch-musikalischen Weltenbrand“, lässt das Programmbuch verlauten über die Performance „Verbrannte Erde“ von Markus Öhrn und Arno Waschk, eine Oper für acht Sänger und zwei Molotov-Cocktail-Werfer. Das Stück bezieht sich direkt auf den Programm-Schwerpunkt der Festspiele: Richard Wagners „Ring des Nibelungen“, von dem zwei komplette Zyklen aufgeführt werden.

Zu erleben ist zudem der Klassiker: Goethes „Faust“ – allerdings in einer eher undeutschen Version, nämlich in der der China National Peking Opera Company. Wie ein quietschig-hysterischer Trip präsentiert sich derweil das Stück „Murmel Murmel“ nach Diether Roth, und selbst in der „Jungen Woche“ geht es mitunter krass zur Sache, etwa wenn eine Barbie-Puppe von einem Spielzeugsoldaten vergewaltigt wird. Kein Wunder, dass „Plastic Heroes – Ein kleines Stück gegen die Gewalt der Welt“ erst ab 16 Jahren empfohlen ist.

Leichte Kost servieren die diesjährigen Festspiele also nicht unbedingt, selbst das Motto spielt an auf die globalen Wirrnisse und Krisen: „Die Welt in Bewegung“. Dazu passt die Gestaltung des Programmbuches: Überall Käfer, Insekten, Falter; bunt, sechsbeinig, unberechenbar. Alles scheint zu krabbeln, zu wuseln, zu lauern. Angst und Bewegung eben.

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