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Laubbläser Föhnfrisur für den Rasen

Bunte Blätter sind schön, machen aber viel Arbeit, wenn sie fallen. Unsere Autorin will sich wie die Profis das Harken im Garten ersparen und hat einen Laubbläser ausprobiert.

Bläser an und weg mit dem Laub! Wenn es so einfach wäre... Foto: Sascha Rheker

Bunte Blätter sind schön, machen aber viel Arbeit, wenn sie fallen. Unsere Autorin will sich wie die Profis das Harken im Garten ersparen und hat einen Laubbläser ausprobiert.

Mein neuer Freund hat ein langes Rohr und viel Kraft: SH 85 soll der jährlichen Fronarbeit im Oktober und November ein Ende setzen. Er hat das Format einer gut gefüllten Schultertasche, knapp fünfeinhalb Kilo schwer, glänzt er in leuchtendem Orange und ist deutlich handlicher als erwartet. Wahrscheinlich hatte ich ein falsches Bild im Kopf. Die Laubbläser, mit denen Mitarbeiter der Grünflächenämter derzeit allerorten Bürgersteige und Rasen säubern, leisten mehr, sind lauter und größer. SH 85 eignet sich für den Hausgebrauch. Jeder kann ihn mieten, man braucht keinen Führerschein, nur einen Personalausweis und die Kaution. Technisches Grundverständnis vom Gebrauch eines Rasenmähers reicht vollkommen aus.

Allerdings nur in einer Stellung: SH 85 kann saugen und blasen, was ihn besonders reizvoll macht. Je nach Funktion wird er umgebaut, das eine Rohr in die andere Öffnung, an das andere den Auffangsack und umgekehrt. Da kommt man schnell durcheinander, zumal Löcher und Gewinde schwer zusammenzubringen sind. Selbst der Fachmann im Baumarkt muss mit Werkzeug nachhelfen.

Aber ich will sowieso lieber blasen. Saugen ist aus ökologischer Sicht absolut verwerflich. Zwar produziert auch das Pusten Lärm und Abgase und stört Spinnen, Käfer, Würmer und was sich ansonsten unter welkendem Grün versteckt, einige können sich aus dem freien Fall aber noch in Sicherheit bringen. Wenn dagegen eingesaugtes Gut im integrierten Häcksler komprimiert wird, haben kleine Krabbler, die sich an ihm festklammern, nicht die geringste Überlebenschance.

Um Ökologie geht es bei diesem Versuch trotzdem nicht, nur um Ökonomie, um Arbeitsersparnis. Kompromisse sind daher unausweichlich. Also Zweitakter-Benzingemisch rein, auf Schock gestellt, und den Spezialanwerfgriff gezogen. Das kennt man vom Rasenschnitt, man zieht einmal – aus Angst, dass die Schnur am Griff reißt, zu leicht – stärker, bis der Arm fast auskugelt, noch mal, und er tuckert: eindeutig leiser als ein Benzinmäher, etwa im stotternden Sound eines Mofas in Warteposition.

Erst auf leichten Druck mit dem Zeigefinger auf den Gasschalter dreht SH 85 sehr laut auf, vibriert in der Hand und pustet Dreck auf die Terrasse – und die Blüten der letzten Sommerblumen weg, in deren Richtung ich dummerweise stehe. Ich drehe um 90 Grad auf den Kirschbaum zu. Mindestens zwanzig Säcke Blätter produziert er jedes Jahr, dazu Blasen an den Händen, Kreuzschmerzen und manchmal kahle Flecken auf dem Rasen. Das passierte in den Jahren, in denen sich keiner zur Gartenarbeit aufraffen konnte, weil in den wenigen Tagen, in denen das Laub massenweise fällt, Dauerregen herrschte und nicht mehr aufhören wollte, bis sich die goldene Pracht in eine braune schmierige Schicht verwandelt hatte.

Arm schmerzt, Ohren klingen

Noch ist der Boden nur lose bedeckt, das könnte ideal für Ungeübte sein, die den Luftstrahl nicht beherrschen. Falsch gedacht. Mit Vollgas versuche ich, aus den staubenden Wirbeln einen Haufen zu ordnen. Das fällt schwer, weil es ständig Querflieger gibt. Beim Nachjagen gerät der künstliche Sturm außer Kontrolle, verteilt das Sammelgut erneut oder treibt es in die falsche Richtung.

Das ist wenig effektiv, weckt aber den Spieltrieb. Ich schlage luftige Haken und weite Kreise, schwenke das Rohr hin und her und mache das, was bei der Handarbeit mein Kater übernimmt, den der Krach längst in die Flucht geschlagen hat: Ich jage gegen alle Vernunft die Ausreißer, notfalls einzeln versuche ich, sie zum Schwarm zurückzubringen. Der Haufen wächst extrem langsam.

Der Arm schmerzt vom Gewicht und unkoordiniertem Herumfuchteln. Die Ohren klingen, weil ich im Gegensatz zu Profis keine Schützer trage. Und die Nachbarn wundern sich sehr, wissen aber offenbar nicht, dass ich mich nach der Geräte- und Maschinenlärmschutzverordnung für Wohngebiete einer Ordnungswidrigkeit schuldig mache: Für den Einsatz von Laubbläsern gilt ein engeres Zeitfenster, als für Motorsägen, Mäher oder Musikinstrumente. Nach 17 Uhr dürfen sie nicht mehr dröhnen.

Männer, hat ein Moderator im Radio gesagt, finden Laubbläser besonders toll und können damit viel mehr als Gartenarbeit anfangen. Sein Sender lud am vergangenen Wochenende zum ersten Laubbläser-Challenge in eine Sporthalle in Wiesbaden. Die Disziplin: Man dirigiert mit dem Blasrohr einen Ball ins Tor, natürlich ohne Materialkontakt.

Einige technikverliebte Schweizer bewiesen mehr Phantasie: In Interlaken gab es vor Jahren ein Segway-Laubbläser-Poloturnier, bei dem es so hart zur Sache ging, dass es zu Rohrbrüchen kam. Aber auch Frauen, lehrt das Internet, setzen die Geräte gewinnbringender ein als ich, zum Beispiel in Kombination mit Haarspray als Hyperföhn für Sturmfrisuren.

Ich frisiere nur den Fotografen und wechsele zum Abschluss unseres Tests das Spielfeld: die Wege ums Haus, auf denen der Laubbläser endlich Stärke zeigt: Blätter vom Pflaster auf Beete pusten geht schneller als Besenarbeit, macht mehr Spaß und kostet weniger Kraft. Ab morgen werde ich trotzdem weiter harken. Ich sehne mich nach Ruhe und frischer Luft.

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