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Kloster Lorsch Knochen erzählen eine Geschichte

Der Schädel eines Mann, der vor etwa 1100 Jahren als Mönch im Kloster Lorsch lebte, erzählt aus einer Zeit, in der das heutige Weltkulturerbe eine reiche Siedlung war.

Kloster Lorsch
Der Schädel des Mönches. Foto: Gabi Dewald/Kloster Lorsch

Technik macht heute vieles möglich in der Archäologie. Aber die Ohren bleiben ein Geheimnis. Denn Ohren hinterlassen keine Spuren im Schädelknochen. Und auch die Mimik eines Menschen können Wissenschaftler nicht anhand des Schädels rekonstruieren. Aber wie das Gesicht ausgesehen hat, das lässt sich heute sehr genau darstellen. Daher ist Claus Kropp sicher: Den Mönch, der vor rund 1100 Jahren im Kloster Lorsch gelebt hat und dessen Gesicht dreidimensional rekonstruiert worden ist, „den würden Sie anhand dieses Phantombildes auf der Straße wiedererkennen“.

Und Claus Kropp weiß, wovon er spricht. Denn in der Weltkulturerbe-Stätte Kloster Lorsch ist er als Leiter des Freilichtlabors Lauresham auch für experimentelle Archäologie zuständig und hat die aktuelle Sonderausstellung mit geplant. Über Jahre sind einige ausgewählte Knochenfunde, die in den vergangenen hundert Jahren auf dem Areal ausgegraben wurden, mit neuesten Techniken untersucht worden. „Wir können anhand der Spuren an den Knochen auslesen, welche Belastungen jemand aushalten musste oder ob er Arthrose hatte“, erzählt Kropp. Aber das sei eben nur die körperliche Ebene, „zu den einzelnen Biografien können wir leider nicht viel sagen“.

Es sei denn, man nehme die Zähne unter die Lupe, oder genauer: den Zahnstein. „Im Zahnstein verbergen sich bis heute Nahrungsreste“, erzählt Kropp. Und so wie die Knochen von Größe, Belastung und Gebrechen eines Menschen berichten, so verraten die Ablagerungen an den Zähnen, was die Menschen damals gegessen haben. So muss es – laut Zahnsteinanalyse – in der Gegend einmal Lachse und Störe gegeben haben. Außerdem kam im Kloster und den dazugehörigen Betrieben auch getrockneter Meeresfisch auf den Tisch.

„Wir können also nicht nur sagen, dass die Menschen, die damals im Kloster gelebt und gearbeitet haben, gut versorgt waren – wir können sogar nachvollziehen, was sie gegessen haben und ein bisschen spekulieren, woher die Nahrungsmittel kamen“, erklärt Claus Kropp.

Neben all den wissenswerten Informationen über das mittelalterliche Leben gehe es in der Sonderschau, die jetzt eröffnet wurde und aus rund 50 Exponaten besteht, auch darum, „die Besucher zu sensibilisieren“, wie Kropp es nennt. Denn: Nicht nur der gut erhaltene Schädel, der 1999 auf dem als Mönchsfriedhof bezeichneten Areal nahe der Königshalle ausgegraben wurde, „auch eine Rippe kann eine Geschichte erzählen – aber diese Knochen waren einmal Menschen und wir versuchen, uns diesen pietätvoll zu nähern“.

Dass dies nicht immer der Fall war, zeige jener Teil der Ausstellung mit Fotos der Ausgrabungen von den 1920er Jahren bis heute. „Aus dieser Zeit um 1920 herum haben wir leider nur ein, ich sage jetzt mal etwas salopp: kunterbuntes Knochenpuzzle.“ Und da es sehr teuer sei, Knochen zu untersuchen, wurden nur ein paar ausgewählte Funde bearbeitet.

Ein weiterer Aspekt ist die Kontextualisierung, also die Einordnung der Erkenntnisse in den Alltag, wie er vor 900 oder 1100 Jahren gewesen sein könnte. Höhepunkt der Ausstellung sei aber die dreidimensionale Rekonstruktion des Mönch-Kopfes, die zum einen als Computer-Animation bestaunt, aber auch als dreidimensionaler Ausdruck angeschaut werden kann.

Und für Claus Kropp ist dieser 3D-Ausdruck eine Möglichkeit, dem Kloster Lorsch ein Gesicht zu verleihen: „Bislang war das alles so abstrakt, aber wenn wir uns dieses Gesicht anschauen, dann können wir über einen Menschen sprechen – und darüber auch zu uns und unseren Wurzeln finden.“

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