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Kaugummiautomaten Fossilien der Kindheit

Beim 87. Drehen kam der Ring mit Daisy Duck: Unkaputtbar sprenkeln rostige Kaugummiautomaten deutsche Stadtbilder. Sie konservieren als kuriose Zeugen vergangener Glücksmomente die Optik der alten Bundesrepublik.

Rostrote Erinnerung: 87 Mal gedreht, 86 Mal kam Kaugummi - und dann der Hauptgewinn. Foto: Sascha Rheker

Beim 87. Drehen kam der Ring mit Daisy Duck: Unkaputtbar sprenkeln rostige Kaugummiautomaten deutsche Stadtbilder. Sie konservieren als kuriose Zeugen vergangener Glücksmomente die Optik der alten Bundesrepublik.

Kathi, Andi und ihre Eltern wollten unbedingt nach Frankfurt kommen, denn sie durften ja jetzt. Wir schrieben seit einigen Wochen die Jahreszahl 1990 in die oberen rechten Ecken unserer Schulhefte, unsere erste bewusste Datumsnull. Doch wir hatten keine Ahnung, was wir Kathi und Andi bieten, womit wir vor ihnen angeben sollten.

Kathi, Andi und ihre Eltern lebten in Thüringen, wir hatten sie jahrelang besucht, als wir dafür noch mit unserem roten Opel Kadett eine Grenze überqueren mussten, die nur in eine Richtung durchgängig war. Meine Eltern bestachen meinen kleinen Bruder und mich jedes Mal mit Gummibärchen, wenn einer der bemützten Männer mit den fiesen Visagen seltsame Fragen ("Bücher? Druckerzeugnisse? Waffen?") bellte. Damit wir die Klappe hielten.

Einmal schafften sie es sogar, eine Frankfurter Rundschau zu schmuggeln. Das gab ein großes Hallo bis in die weitläufige Verwandtschaft von Andi und Kathi.

Es waren die 80er Jahre, und wir freuten uns auf jeden Ostbesuch. Kathi und Andi hatten, was uns fehlte: einen Hund, eine Katze, ein Haus, einen Garten, einen Grill, Westfernsehen. Wir hatten: eine Mietwohnung, einen Balkon, einen Topf zum Frankfurter-Würstchen-Heißmachen, Fernsehverbot, einen Kaugummiautomaten vor der Tür. Und schämten uns. Unnötigerweise, wie sich schnell herausstellen sollte.

„Wah, ein Kaugummiautomat!“, brüllte Andi, kaum dass er vor unserem Hoftor aus dem Wartburg seiner Eltern sprang. „Da gibt’s ja Daisy-Duck-Ringe, ey, das fetzt“, rief Kathi völlig enthusiasmiert in schönstem Ost-Slang. Die nächsten zwei Tage stopften die beiden mit glühenden Wangen Zehnpfennigstücke in den Schlitz und bekamen Muskelkater in den Unterarmen vom Drehen. Kathi bekam dazu nach 87 Versuchen endlich ihren Daisy-Ring.

An diese Episode aus der Wendezeit muss ich immer denken, wenn ich heute, 23 Jahre später, an so einem roten, gelben, eddingbemalten ollen Kasten vorbeilaufe. Also quasi 18-mal am Tag.

Dass sich unsere Ost-Freunde beim ersten Besuch im Westen ausgerechnet in einen roten Kaugummiautomaten verliebten, hat eine gewisse Folgerichtigkeit, wie mir aber erst viel später klar wurde. Unkaputtbar (wenn auch oft halb verrostet) sprenkeln Hunderttausende von den Dingern (west-)deutsche Stadtbilder zwischen Nordsee und Alpen. Sie konservieren als kuriose Zeugen vergangener Glücksmomente (Daisy!) von Menschen, die in den 60er, 70er und 80er Jahren groß wurden, nichts weniger als die Optik der alten Bundesrepublik. Retro für zehn Cent, verwachsen mit der Architektur Nachkriegsdeutschlands.

Schon kurz nach Einführung der D-Mark hielten die Kaugummiautomaten Einzug. Seit die amerikanischen GIs ihr Grundnahrungsmittel mitbrachten, hat sich erstaunlich wenig an ihnen verändert. Ästhetik und Funktionsweise sind gleich geblieben, der technische Fortschritt eines halben Jahrhunderts ist den Geräten kaum anzumerken.

Sie sind rot oder gelb, immer eckig, mal mit einem, meistens aber mit zwei bis vier Sichtfenstern ausgestattet und hängen in der Nähe von Kiosken und Schulwegen. Zwar sind die meisten mittlerweile mit Panzerglas und Gittern bewehrt, doch benötigt ihre Technik noch immer keinen Strom. Fast schon ein Fall für Archäologen.

Aber nur fast. Ungefähr 500.000 Kaugummiautomaten gibt es in Deutschland, erklärt Thomas Witt, Geschäftsführer des Bundesverbands der Warenautomatenaufsteller (BWA). Die genaue Zahl sei unbekannt, aber er schwört, dass alle bis heute regelmäßig aufgefüllt werden und keine steinharten Plombenzieher von 1987 enthalten. Beruhigend.

Automaten werden eins mit der Hauswand

Zwar gab es vor 33 Jahren noch keine Schnuller mit Licht und „Sticky Perlmutt Monsters“. Doch der Klassiker ist immer noch da: die 15-Millimeter-Standardkugel in Rot, Gelb, Grün und Weiß. Auch viele andere Gimmicks findet, wer sich die Nase nach ihnen platt drückt: Mini-Taschenmesser, Schlüsselanhänger, Flummis, Würfel, Ringe (wie viele siebenjährige Stefans und Dirks haben damit einer Kathrin oder Sabine aus der Parallelklasse einen Verlobungsantrag gemacht?). Die Chance, einen solchen Hauptgewinn zu ergattern, ist allerdings heute wie damals klein. Ob die nachgeborenen Leons und Niklasse, Laras und Luisas von diesen Schätzen wissen?

Fest steht nur: Einen Jungen oder ein Mädchen zwischen fünf und elf vor einem roten Kaugummiautomaten zu sehen, ist ein deutlich selteneres Ereignis als das Herausflutschen eines Daisy-Rings. Eine zweistündige Feldstudie der Autorin (12 bis 14 Uhr) vor dem Automaten in Höhe der Hartmann-Ibach-Straße 106 im Frankfurter Nordend ergab eine Zahl: null. Null Kinder drehten in dieser besten Von-der-Schule-nach-Hause-schlender-Zeit am Rad.

„Kindheit hat sich verändert“, glaubt Automatenexperte Witt. „Viele werden mit dem Auto zum Ballett, zum Musikkurs und sogar in die Schule und wieder nach Hause gefahren. Wann sollen die da Kaugummi kaufen?“ Zuckerhaltiges noch dazu! Nein, da fahren Mama und Papa schnell dran vorbei, die Dinkelkeks-Packung zückend. Endlose Sommer auf der Straße, das war einmal.

Kaugummiautomaten werden zunehmend eins mit der Hauswand. Die letzten Plünderungsanschläge sind in der Hartmann-Ibach-Straße und anderswo nicht spurlos an ihnen vorbeigegangen, sie werden als Müllhalter und Urinierziel missbraucht. Viele Apparate hängen nur noch als Gerippe an den Hauswänden.

Das wirklich Interessante an ihnen war ohnehin nie die Extraration Zucker im Vorbeigehen. Sondern etwas ganz Anderes: Sie waren Lotto für Kinder. Wer sein Sparschwein plünderte, der konnte sich für eine Handvoll Zehner in die Erwachsenenwelt des Glücksspiels begeben. Ein erstes eigenes Geschäft abschließen.

So hatte der Kapitalismus Andi und Kathi begrüßt: mit einem Daisy-Duck-Plastikring. Und 87 blöden Kugeln.

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