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„Jazz zum Dritten“ King of Swing

Hugo Strasser kann auch mit 91 Jahren nicht von seiner Klarinette lassen. Am 3. Oktober ist er in Frankfurt bei „Jazz zum Dritten“ zu hören.

Viele Tanzturniere und Bälle hat er begleitet: Hugo Strasser. Foto: REUTERS

Gerade hat er Abschied nehmen müssen von einem langjährigen Weggefährten. „Der Paul, das ist ein ganz großer Verlust – das war ein phantastischer Musiker und ein super Kollege.“ Der Tod seines Freundes Paul Kuhn, des legendären Jazz-Pianisten, lässt Hugo Strasser zurückdenken an die gemeinsamen Anfänge, die Monate unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Klarinettist Strasser bekommt 1945 erste Engagements in US-Soldatenclubs in der Trümmerwüste von München.

Zur gleichen Zeit beginnt Kuhn seine Karriere in amerikanischen Bars in Frankfurt. „Ich habe Mitte August 1945 schon angefangen zu spielen“, erinnert sich der 91-jährige Strasser in seiner Münchner Wohnung. Im Gespräch mit der FR unternimmt er eine Tour d‘Horizon durch seine lange Laufbahn als Musiker. Als Siebenjähriger hatte er sein erstes Mundharmonika-Solo im Rundfunk gespielt – jetzt kommt er als höchst lebendige Legende nach Frankfurt, tritt beim „Jazz zum Dritten“ auf dem Römerberg auf, am Tag der Deutschen Einheit.

„Tanzplatte des Jahres“

„Die GIs waren damals sehr nett, die Jazzclubs schossen in München und anderswo wie Pilze aus dem Boden.“ Der Jazz „etablierte sich“ als musikalische Bewegung in Deutschland. Für die jungen deutschen Musiker eröffnete sich endlich eine Welt, die sie in der Zeit der nationalsozialistischen Terrorherrschaft nur heimlich und unter großen Gefahren auf englischen und amerikanischen Schallplatten erlebt hatten. Die Welt des Jazz, des Swing insbesondere.
„Ich bin halt ein alter Swing-Heini“, sagt Strasser und lacht. Seine musikalischen Vorbilder waren Benny Goodman, Glenn Miller, Count Basie und Duke Ellington mit ihren Orchestern. Strasser tigert durch seine Wohnung, immer in Bewegung.

Noch heute übt er täglich, spielt stundenlang. Er nimmt seine Klarinette zur Hand und lässt sie durchs Telefon klingen. Ein ganz weiches, tiefes Vibrato, das Markenzeichen des Musikers bis heute, sein unverwechselbarer Sound. „Mit der Klarinette kann ich mich einfach am besten ausdrücken“, sagt er. Und spielt langsame, dunkle Melodielinien.
Es ist schwer, die Karriere von Hugo Strasser in einige Sätze zu fassen. Mehr als 100 Schallplatten hat er bis heute eingespielt, noch immer ist er mit seiner Big Band auf Tournee. 34 Jahre lang hat er jedes Jahr den Titel „Tanzplatte des Jahres“ gewonnen. „Tanzmusik ist mein Leben.“

„Unendlich viele Tanzturniere“ und Bälle hat er begleitet. Ab 1949 als Alt-Saxofonist und Klarinettist im Max-Greger-Sextett, ab 1955 dann mit einer eigenen 16-köpfigen Big Band. Mit Max Greger tourt Strasser noch heute. „Nach dem Tod vom Paul sind nur noch der Max und ich übrig“, es klingt wehmütig. Erinnerungen. Wie er 1955 mit Paul Kuhn im legendären Althoff-Bau in Frankfurt auftrat, vor Tausenden begeisterten Fans.
Für den Musiker Strasser ist bis heute „die Melodik entscheidend in meinem Spiel“, mit den freien Formen des Jazz kann er „nichts anfangen“. In seiner Big Band gibt es seit fünf Jahrzehnten kaum personelle Wechsel – nur der Tod reißt manchmal Lücken.

Auftritte als Medizin

Mehr als sechs Millionen Schallplatten verkaufte der Klarinettist. Auf dem Römerberg wird er ein klassisches Programm spielen, „Standards aus der Swing-Ära“. Strasser ist ein disziplinierter Arbeiter, „ich rauche nicht, ich trinke nicht.“ Seine Kraft, sagt der 91-Jährige, holt er sich bei seinen Auftritten auf der Bühne. „Das ist wie eine Medizin für mich.“

Titel wie der „Wild Cat Blues“, oder „You‘re the Cream in My Coffee“, ein Quickstepp, gehören zu den großen Hits des Musikers. Dass er solange arbeiten kann, lässt ihn „sehr demütig und dankbar“ werden. Strasser greift wieder zur Klarinette.

Eine Melodie weht von fern durchs Telefon. „I Can‘t Give You Anything but Love“, auch so ein unverwüstlicher Standard.

Dann spricht der Klarinettist wieder. Über die „phantastischen Arrangements“, die Paul Kuhn für ihn geschrieben hat, als sie vor zwölf Jahren gemeinsam auf Tournee waren, unter dem einprägsamen Motto „Swing-Legenden“. Über die Reaktionen des Publikums, die er ganz genau spüre: „Du fühlst die Aufmerksamkeit des Publikums, und sie trägt dich.“ Von den USA bis Japan ist Hugo Strasser aufgetreten. Aber noch immer freut er sich auf die nächsten Konzerte: „Erst nach Frankfurt – und dann wieder mit Max Greger in München.“

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