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Interview mit John Lydon "Ich hatte mehr Chemie in mir als jede Apotheke"

Als Johnny Rotten war er Sex Pistols-Sänger und Punk-Wegbereiter: Nun spielt John Lydon mit seiner Band Public Image Ltd. im Wiesbadener Schlachthof und spricht im FR-Interview über Drogen und das Altern.

John Lydon alias Johnny Rotten spielt im Mai mit seiner Band PIL in Wiesbaden.

Mr Lydon, Sie kommen mit Ihrem Projekt Public Image Ltd. für ein Konzert in den Schlachthof Wiesbaden. Wussten Sie, dass der Laden gerade von den Lesern eines Musikmagazins zum besten Club Deutschlands gewählt wurde?
Na, das passt doch wunderbar. Die beste Band spielt im besten Club. Das allein ist doch schon ein Grund zu kommen.

Was erwartet denn die Besucher, wenn sie auf ein PIL-Konzert gehen?
Wir sind alle eine große Familie, niemand wird wegen irgendwas diskriminiert und wir haben einfach ne richtig gute Zeit zusammen. Wir geben auf der Bühne immer alles. Die Leute sollen vor allem verstehen, dass wir alle zusammen menschliche Wesen sind. Das ist unser Mantra. Nationalitäten und Kulturen, Links und Rechts, das ist doch alles Schwachsinn.

Werden Sie auch alte Sex-Pistols-Songs spielen?
Ich hab‘ die geschrieben, verdammt. Warum sollte ich sie also nicht auch spielen?

Glauben Sie, dass die Leute zu Ihren Konzerten kommen, weil sie PIL sehen wollen? Oder ist es dieser alte Sex-Pistols-Godfather-of-Punk-Mythos, der die Menschen in die Konzerthallen treibt?
Was die Leute sehen wollen, ist mir, um ehrlich zu sein, scheißegal. Wir sind PIL und wir haben immer gemacht, was wir wollten. Das Punk-Ding war nach dem Hype schon engstirnig genug.

Ich habe den Eindruck, dass PIL als Band in den vergangenen Jahren gereift ist. Das jüngste Album „What The World Needs Now“ ist viel erwachsener als die Vorgängeralben. Zeitgemäße Musik mit einem Blick in den Rückspiegel.
Freut mich, dass Ihnen die neuen Sachen gefallen. Es hat uns auch echt Spaß gemacht, uns auf dem Land einzuschließen, in diesem Bauernhof zwischen all den Schafherden, und das Album aufzunehmen. Davon gibt’s übrigens auf unserer Website einen Making-of-Film, auf den ich ganz stolz bin. Man sieht, wie viel Spaß wir haben, und wie ernsthaft wir dann doch dabei sind.

Das klingt jetzt aber wirklich alles viel erwachsener als der Godfather of Punk. Fehlt Ihnen die alte Zeit manchmal?
Überhaupt nicht. Die Pistols hatten eine Menge Probleme, deshalb bin ich da ja auch nach drei Jahren ausgestiegen. Wir waren echt Avantgarde, die Speerspitze einer Bewegung, aber schon gegen Ende der 70er war in der ganzen Szene nur noch Stillstand. Es gab eine Menge Scheißbands, die versucht haben, uns nachzumachen. Das war langweilig, da ist nichts mehr passiert. Und dann wollten die mir noch erzählen, wie Punk zu sein hat. Ich hab das erfunden; die müssen mich fragen, was Punk ist. Deshalb habe ich PIL gegründet. Es musste weitergehen.

Sie sind kürzlich 60 geworden. Wie fühlen sich solche Punk-Slogans wie „live fast, die young“ aus der heutigen Perspektive an?
Der Spruch war noch nie mein Ding, den fand ich schon immer bescheuert. Du kennst doch bestimmt den Song „My Generation“ von The Who. Da ist ja die Zeile drin „I hope I die before I get old“. Ich hab damals schon mit Pete Townshend drüber gelacht und ihm gesagt „I hope I get old before I die“.

Haben ja nicht alle von den Sex Pistols geschafft …
Nee.

Vermissen Sie Sid Vicious manchmal? Sie und er waren ja der Kern der Sex Pistols.
Natürlich vermisse ich Sid noch irgendwie. Aber das ist schon echt lange her und wie gesagt: Die Sex Pistols hatten eine Menge Probleme. Auch Sid. Der hat die Dinge in seinem Leben echt falsch angepackt.

Aus der heutigen Sicht bestimmt. Aber waren Sie damals nicht auch auf Drogen?
Natürlich war ich das. Ich hatte mehr Chemie in mir als jede Apotheke. Aber vom Heroin hab ich immer die Finger gelassen. Das war einfach nicht mein Ding, weil es mich müde gemacht hat.

Woher kommt diese Aversion?
Ich lag als Siebenjähriger eine Zeit lang im Koma, weil ich mir eine Meningitis eingefangen habe. Als ich dann aufgewacht bin, hatte ich alles vergessen. Ich hab niemanden mehr erkannt, auch meine Familie nicht. Ich hab nicht mehr lesen oder schreiben können, ich musste alles neu lernen. Das war vielleicht ein Scheißgefühl, kann ich Ihnen sagen. Und seitdem hab ich echt ein Problem mit dem Schlafen. Für mich hat sich das alles so angefühlt, als sei ich eingeschlafen und dann beim Aufwachen war alles weg. Das macht mir heute noch eine Scheißangst. Deshalb hab ich nur Sachen genommen, die mich hochgepeitscht haben. Aber das ist auch schon lange her. Mittlerweile bin ich total clean, trinke nicht mal Alkohol. Heute ist die beste Droge für mich, wenn ich mit Leuten zusammen sein kann, die mir was bedeuten, wenn wir zum Beispiel mit PIL Spaß auf der Bühne haben.

Heute leben Sie in Kalifornien, genauer gesagt in Hollywood. Auch komisch für einen alten Punk.
Ach, wissen Sie, ich hab echt ne üble Bronchitis, und dann das britische Klima und so (lacht).

Wenn Sie so ein sozialer Mensch sind, war es dann nicht schwer, die ganzen Freunde auf der Insel zurückzulassen?
Nein, eigentlich nicht. Nora und ich verbringen hier in Los Angeles wirklich viel Zeit allein miteinander. Es gibt Tage, da sehen wir niemanden außer uns. Und das genieße ich sehr. Und wenn es mich packt, dann stürme ich mit PIL die Bühne und feiere wieder mit allen eine gute Party. Kommt mich alle in Wiesbaden besuchen, Ihr da draußen! Wir lassen es richtig krachen.

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