Lade Inhalte...

Freizeittipp Pausenprogramm

Ob Schauspiel oder Oper Frankfurt: Die großen Bühnen der Stadt bleiben im Sommer leer. Die FR macht Vorschläge, wie Theaterfans diese harte Zeit überstehen können.

Theater in Frankfurt
So schaut der Sommer auf den meisten Bühnen aus. Foto: IStock

Theatergeschichte lesen

Mit zwei wunderbaren Büchern, die vor kurzem erschienen sind, kann man auch auf dem Sofa oder im Garten-Liegestuhl die theaterfreie Zeit sehr unterhaltsam verbringen. In dem Band „Mord und Totschlag. Theater/Leben“ (Alexander Verlag, 29,90 Euro) zieht der legendäre Regisseur und Intendant Claus Peymann, lange am Burgtheater, zuletzt beim Berliner Ensemble, die Bilanz seines Theaterlebens. Zugleich ist das Buch ein umfassendes Nachschlagewerk zur deutschen und österreichischen Theatergeschichte der vergangenen fünfzig Jahre. Peymann ist ein Mensch voller Widersprüche, er kann schimpfen wie wenige in der Theaterlandschaft. Ein Höhepunkt des Bandes ist das legendäre Interview, das André Müller 1988 für die „Zeit“ mit Peymann führte. Halb Österreich fühlte sich beleidigt. Kein Wunder, dass Peymann und Thomas Bernhard, der ähnlich über sein Heimatland Österreich herzog, sich in ihrer Wut und ihrem Humor trafen.

Über Luc Bondy staunen

Das Buch „In die Luft schreiben. Luc Bondy und sein Theater“, herausgegeben von Geoffrey Layton (Alexander Verlag, 30 Euro), behandelt in etwa dieselbe Zeit wie Peymanns Erinnerungen – und ist doch völlig anders. Nach einem Einleitungsessay von Peter Iden, dem langjährigen Theaterkritiker der FR, kommen viele Freunde und Kollegen zu Wort, aber auch Bondy selbst, der 2017 gestorben ist. Er liebte seine Schauspieler, Jutta Lampe, Ilse Ritter, Bruno Ganz, Otto Sander und viele andere. Er liebte die Literatur. Er hatte Witz, er galt als bester Erzähler jüdischer Witze neben Daniel Barenboim. Er schrieb Gedichte. Er dachte auch über den Eisernen Vorhang nach oder das Husten im Theater. Attraktiv machen den Band auch 300 Fotografien von Ruth Walz. 

Benjamin Britten verstehen

Nun ein kleines Rätsel. Wer nannte wann die USA „so engstirnig, so selbstzufrieden, so chauvinistisch, so oberflächlich, so reaktionär und überdies so hässlich“? Das war Benjamin Brittens Urteil über die USA, als der überzeugte Pazifist während des Zweiten Weltkriegs in Europa einige Zeit in den USA lebte. Norbert Abels, Chefdramaturg der Oper Frankfurt, hat ein großartiges Buch über den Komponisten geschrieben (Boosey & Hawkes, 34,95 Euro), eine spannende Biografie und eine umfassende Werkanalyse. Abels kann die Opern, die Konzerte, die Kammermusik so anschaulich beschreiben, dass auch der musikalisch interessierte Laie sie versteht. Brittens Opern, die wie „Peter Grimes“ meist von Außenseitern, unschuldig Schuldigen handeln, werden regelmäßig in Frankfurt aufgeführt, nicht zuletzt dank Abels‘ Engagement.

„Martha“ auf CD hören 

Ein Kontrastprogramm zu Britten ist die Oper „Martha“ von Friedrich von Flotow, 1847 uraufgeführt, eine Lieblingsoper unserer Eltern und Großeltern, mit Wunschkonzert-Hits wie „Letzte Rose“ oder „Ach so fromm, auch so traut“. Sie wird inzwischen kaum mehr gespielt, die letzte Frankfurter Aufführung war 1949. Passt das freundlich-unterhaltsame Werk noch in unsere Zeit? Sebastian Weigle, Chefdirigent der Frankfurter Oper, hat im Herbst 2017 eine Neuinszenierung gewagt, die ein großer Erfolg wurde. Die komplette Musik der Oper ist jetzt auf CD erschienen (Oehms Classics). Weigle lobt die Spieloper „Martha“, die alles hat, was Oper ausmacht: Intrigen, Missverständnisse und ein Liebes-Happy End. 

Beschimpfung anschauen

Wer aber doch nicht auf einen Theaterabend verzichten will, kann auf Youtube eine legendäre Aufführung sehen: die Uraufführung von Peter Handkes „Publikumsbeschimpfung“ vom 8. Juni 1966 im Frankfurter Theater am Turm, inszeniert von Claus Peymann. Sie wurde damals vom Fernsehen aufgezeichnet. Das Stück gilt als theatralischer Vorläufer des Jahres 68. Die noch sehr bürgerlich gekleideten meist jungen Zuschauer ließen sich durch die Frechheiten des Textes nicht provozieren, sie folgten dem Spiel vergnügt, sogar begeistert, besonders der Schimpforgie, mit der das Stück endet. Beim Beifall kam ein eher schüchterner junger Mann auf die Bühne, mit seiner Pilzfrisur an die Beatles erinnernd: Peter Handke. 

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen