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Freizeittipp In tiefen Stollen

Bergbau gab es einst nicht nur im Ruhrgebiet, sondern auch in der Wetterau. Das Wölfersheimer Energie-Museum (WEM) dokumentiert diese fast vergessene Geschichte.

Wetteraukreis
Ein Museum erinnert heute in Wölfersheim an den Bergbau. Foto: Detlef Sundermann

Das merkwürdige Gebilde im Wölfersheimer See gibt dem Ortsfremden Rätsel auf - ein gut eineinhalb Fußballfelder großes Raster aus Betonstreifen. Eine Raketenbasis aus den Zeiten des Kalten Kriegs? Bei Einfahrt in das hinter dem idyllischen Gewässer liegende Dorf klärt sich, was es mit diesem riesigen Fremdkörper auf sich hat.

Knapp 200 Jahre wurde in und um Wölfersheim Braunkohle abgebaut, unter Tage und im gewaltigen Tagebau. Nahe dem See stand zunächst eine Schwelerei zur Herstellung von Öl, Benzin und Koks, später ein Kraftwerk, dessen Kühlwasser im See auf der Betonkonstruktion meterhoch gen Himmel gesprüht wurde. Es soll eine einzigartige Methode gewesen sein. In dem 38 Hektar großen Gewässer herrschten so hohe Temperaturen, dass sich ausgesetzte südamerikanische Buntbarsche prächtig vermehrten. Das „Wölfersheim Energiemuseum“ (WEM) erinnert an den Bergbau und die damit verbundene Industrie.

Als die Preußenelektra am 30. September 1991 die letzte Kohle im Kraftwerkskessel verheizt hatte, wurde die Anlage verschrottet und dem Boden gleich gemacht. Neun Beschäftigte versuchten zu retten, was noch zu retten war, gründeten den Verein zur Pflege der Bergbau- und Kraftwerkstradition und eröffneten mit ihren Objekten ein Museum, das in Hessen neben dem Bergwerksmuseum in Borken Seltenheitswert besitzt.

„Wer diese grüne Plakette am Revers trug, durfte während des Kriegs den geheimem Bereich betreten, wo Benzin destilliert wurde“, erzählt Helmut Rieß und legt das münzgroße Abzeichen mit einer Nummer auf seiner Handfläche. Die Alliierten wussten jedoch, was am Ortsrand geschah und bombardierten die Anlage, wie die Ausstellung dokumentiert.

In einer anderen Vitrine reihen sich historische Karbid- und schlagwettersichere Grubenlampen. „Die Gefahr durch explosives Grubengas war groß. Vor dem Betreten eines Stollens wurde daher die Lampe auf Kniehöhe geschwenkt, stieg dabei im Glaszylinder die Flamme, war schleunigst der Ventilator anzuwerfen“, sagt Rieß, der als Bergbauingenieur tätig war. Bis 1962 wurde in der Region noch im Tiefbau Kohle abgebaut. Wie gefährlich diese Arbeit war, zeigen die Exponate, etwa der bis zuletzt genutzte Wiederbelebungstornister mit einem Pulmotor oder die dünne Erst-Hilfe-Fibel für die Hauer. Einen Eindruck von den Arbeitsbedingungen gibt auch der nachgebaute Schacht aus Originalgrubenholz samt Gleisstrang und Lore. Durchschnittlich ging es bis zu 50 Meter in die Tiefe, um an die Braunkohle zu gelangen.

Generationen von Wölfersheimern arbeiteten im Bergbau oder in der Braunkohleverarbeitung vor Ort. Für Söhne und Enkel war es oft selbstverständlich, zur Hefrag (Hessen-Frankfurt AG), später Preußen-Elektra, zu gehen. Zeitweilig zählte die Hefrag knapp 1500 Beschäftigte, sagt Rieß. Sein Bruder Hugo lernte und arbeitete im Kraftwerk. Und wie im Ruhrpott hatten auch die Bergleute in der Wetterau eine Bergmannstradition. „Das ist meine Paradeuniform“, sagt Rieß und deutet auf einen der kohlrabenschwarzen Anzüge. Eine Bergmannskapelle gab es natürlich auch, die besteht allerdings nur noch auf Fotografien.

Die Braunkohle und deren industrielle Verwertung haben dem Dorf einen eher bescheidenen Wohlstand gebracht. „Der Reichtum von Wölfersheim ließ sich daran feststellen, dass die Straßen schon früh gepflastert waren und es einen Abwasserkanal gab“, sagt Rieß. Die Straßen mit den Werkshäuser für die Arbeiter wirken heimelig, ein wenig protzig zeigen sich die Direktorenvillen. Für Helmut Rieß steht auch fest: „Der Wert der Landschaft ist mit dem Bergbau besser geworden. In der Wetterau gab es zuvor nur Ackerland und Wald, aber keine Seen.“

Heute kann der Kreis mit der Wetterauer Seenplatte touristisch werben. Und in Wölfersheim ist die lange Tradition der Energiegeschichte fortgeschrieben worden. Das 14 Hektar große Kraftwerksgelände ist heute überdeckt von Photovoltaikpaneelen. Im Ortsteil Berstadt läuft eine große Biogasanlage. Beide Energieerzeuger haben im Museum bereits ihr eigenes Kapitel.

Wer die Wölfersheimer Bergbau- und Industriegeschichte kennen lernen will, sollte nicht nur dem Museum im ehemaligen Umspannwerk mit seinen vielen Exponaten und den schön sanierten Werkbahnen nebenan Aufmerksamkeit schenken. Rieß und seine ehemaligen Kollegen, alle samt um die 80, verstehen es, mit Erläuterungen und Geschichten aus dem Alltag durch die Ausstellung zu führen.

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