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Frankfurter Hauptfriedhof Von Scheintoten und Werwölfen

Der Tag des Friedhofs bietet verschiedene Möglichkeiten, sich mit der letzten Ruhestätte auseinander zu setzen. Die Führung „Vampire, Werwölfe & Scheintote“ zeigt den Frankfurter Hauptfriedhof im Zwielicht.

Eine Plastik auf dem Frankfurter Hauptfriedhof. Foto: Christoph Boeckheler

Sie rufen sich Mauerhocker, Nachzehrer, Klopfer oder Vampir und machen des Nachts den Friedhof unsicher. Um diese Gestalten ranken sich zahllose Legenden und Geschichten. Sascha Stefan Ruehlow erzählt sie – am Ort des Geschehens, bei seiner Führung namens „Vampire, Werwölfe & Scheintote – Friedhofsgruseln zwischen Legenden und Wirklichkeit“ über den Frankfurter Hauptfriedhof. „Aber keine Angst, wir graben niemanden aus“, beruhigt Ruehlow die Teilnehmer.

Der Friedhof, der Ort, an dem die Liebsten bestattet liegen, ist von alters her auch ein Ort, den Menschen fürchten. Dahinter verberge sich aber oft die Angst vor dem Sterben und vor den Fantasien, die wir mit diesem Unbehagen verbinden, sagt Ruehlow.

Dabei kann der Religionswissenschaftler aus Offenbach beispielsweise den Vampirismus durchaus rational erklären. Wenn Leute etwa früher erzählten, sie hätten auf dem Friedhof mit einem Schlotzgeräusch Vampire Blut saugen hören: „Diese Töne entstehen, wenn aus den Leichen Verwesungsgase entweichen. Aber damals wusste man es nicht besser“, erläutert Ruehlow.

Es komme außerdem vor, dass dem Leichnam aus dem Mund etwas Blut herausläuft. Was wie ein Vampirbiss anmutet, sei Blut, das post mortem aus dem Magen herausgedrückt wurde.

„Woran erkennen wir, dass jemand wirklich tot ist?“, fragt Ruehlow in die Runde. Leichenstarre und -blässe seien sichere Todeszeichen, antworten die Teilnehmer der Führung mit dem Wissen von heute. In der Zeit des 30-jährigen Krieges wurden Gefallene noch geköpft, um sicherzugehen, dass sie tot sind, wie Ruehlow berichtet. Die Angst vor dem Scheintod machte die Menschen erfinderisch. So wurden etwa Orgelpfeifen in Särge eingebaut oder die Verstorbenen bekamen im Sarg die Schnur zu einem Totenglöckchen in die Hand gelegt.

Auf dem Weg zur Gruftenhalle erzählt Ruehlow von Graf Dracula und über die Rezeption der Figur in der Literatur. Sei es „Dracula“ von Bram Stoker, „Der Untergang des Hauses Usher“ von Edgar Allan Poe oder der moderne Vampir Eduard Cullen aus den Twilight-Romanen Stephenie Meyers – jede Generation und Gesellschaft, so scheint es, entwickelt ihre eigene Art Vampir, um dem Rätsel Tod Gestalt zu geben, um es fassen und darüber sprechen zu können.

Ruehlow spricht darüber, erzählt die Geschichte der Blutgräfin oder warum auch die Gebrüder Grimm auf untote Kinder in ihren Märchen zurückgriffen. Dabei wechselt der Ethnologe geschickt zwischen Fakten und Sagen – auf diese Weise entsteht allerlei Raum zum Gruseln.

Wem nach der Führung allzu mulmig zumute ist und wer für den Weg nach Hause noch den Friedhof kreuzen muss, für den hat die Führung Tipps parat: Vampiren werde Zählzwang und Knotenzwang nachgesagt. Insofern sei es vorsorglich, Erbsen oder Reis hinter sich zu werfen oder beim Gang über den Friedhof die Schuhe mit einem Doppelknoten zu schnüren.

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