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Flohmärkte in Rhein-Main Schatzsuche auf dem Flohmarkt

Wahre Schätze gibt es auf den Flohmärkten in Frankfurt und Rhein-Main zu entdecken – man muss sie nur suchen. Oder sie verkaufen.

Flohmärkte in Frankfurt und Rhein-Main
Nippes, Geschirr, Puppen, Spiegel: Es gibt nichts, was es nicht gibt auf dem Flohmarkt. Wie hier auf dem Berger Straßenfest. Foto: Andreas Arnold

hr Blick ist so abhold, als fühle sie sich von der Auslage persönlich beleidigt. Mit spitzen Fingern fischt sie ein Engelsfigürchen vom Stand und beäugt es kritisch von allen Seiten – um dann noch mürrischer dreinzuschauen. Gut: Der Porzellanengel mit den güldenen Flügeln ist in punkto Kitsch kaum zu toppen, aber das muss ja niemandem derart die Laune verhageln. 

„Was soll das denn kosten?“, erkundigt sich die auffallend elegant gekleidete Dame plötzlich. Verdutzt antworte ich: „Zwei Euro.“ Als hätte der Engel sie gebissen, stellt sie ihn wieder zurück. „Ich gebe Ihnen einen Euro“, konstatiert sie und kramt in ihrem Portemonnaie. Sie hält mir eine Münze entgegen und will sich mit der anderen Hand wieder den Engel schnappen. Ich komme ihr zuvor. „Zwei Euro hätte schon gern dafür“, sage ich mit zuckersüßer Stimme. „Dann können Sie ihn behalten“, schnaubt die Frau und macht auf dem Absatz kehrt. „Mit Vergnügen“, rufe ich ihr hinterher. 

Eigentlich wäre ich ja froh gewesen, das hässliche Nippes-Ding los zu werden. Und eigentlich lasse ich auch mit mir handeln. Aber auf dem Flohmarkt geht es eben oft weniger um das „Wieviel“ als vielmehr um das „Wie“. 

Prinzipiell gibt es auf dem Flohmarkt zwei Perspektiven: hinter dem Stand und vor dem Stand, die des Verkaufens und die des Kaufens. Ich kenne beide, wobei mir   die letztgenannte wesentlich vertrauter ist. Schier unzählige Preziosen habe ich seit meiner Kindheit auf Flohmärkten aufgestöbert: Comics, Hörspiel-Kassetten, Schallplatten, Schreibmaschinen, Musikinstrumente, Schlaghosen und Blumenblusen, Fahrräder für meine Kinder. Zu den Prachtstücken zählt der Raclette-Grill für fünf Euro im original 70er-Jahre-Design mit Emaille-Pfännchen, der meiner Familie und mir seit fast einer Dekade zuverlässig Käse schmurgelt. 
Gleichsam dazu zählt die rustikale Steingut-Pfeffermühle, die leider just vorige Woche dem Verschleiß anheimfiel und zerbröselte. Eine wahre Kostbarkeit war das 90 Jahre alte Hollandrad, das ich als Studentin bei meinen Eltern deponierte, um es irgendwann zu restaurieren – wozu es nicht mehr kam, weil mein Vater es versehentlich zum Sperrmüll stellte. 

Mein unangefochtener Favorit vom Flohmarkt aber ist das Trödel-Schild. Zu Besuch in Berlin hatte mein Freund die wuchtige Leuchtreklame frühmorgens nach turbulenter Nacht zufällig auf einem Trödelmarkt entdeckt und als Mitbringsel für mich auserkoren. Mehr als zehn Jahre ist das jetzt her. Drei gemeinsame Wohnungen hat das Trödel-Schild seitdem illuminiert, aktuell ziert es die Sitzecke unterm Balkon. 

Egal, auf welcher Standseite man steht: Auf dem Flohmarkt braucht man Zeit, Geduld und Nerven. Freundlichkeit hilft meist auch weiter. Seit geraumer Zeit kenne ich auch die andere Perspektive, nämlich die des Verkaufs. Zwar habe ich schon zuvor ein paar Mal (und nur mäßig erfolgreich) aussortierten Krempel und Klamotten verscherbelt. 

Seit ich mich jedoch vermehrt mit Nachlässen befassen muss, stehe ich mittlerweile auch öfter hinter Flohmarktständen. Und das ist nicht immer spaßig. Aufbau ab 6 Uhr früh, kurz darauf Ansturm der semi-professionellen Händler, die sondieren, was sich bei der Konkurrenz günstig abgreifen und teurer weiterverkaufen lässt; dann stundenlanges Ausharren bis zum Ende, bei Wind und Wetter, schließlich will man wenigstens die Standgebühr wieder reinkriegen. 

Überhaupt ist es nicht mein Ziel, mit Erbstücken den Reibach zu machen. Doch bevor ich vollständige Kaffee-Services, handgeklöppelte Spitzendeckchen oder mundgeblasene Cognac-Schwenker schnöde in den Container kloppe, versuche ich zunächst, jemanden zu finden, der die Sachen wertzuschätzen weiß - und seien sie noch so hässlich oder kitschig. Liebhaber gibt es auch dafür. Wie für den Porzellanengel. Als sich ein Mädchen schüchtern nach seinem Preis erkundigte, habe ich dem Kind die Figur geschenkt.

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