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Bill Ramsey „Alles, was Hitler hasste“

Im Interview spricht der Sänger Bill Ramsey über seine Zeit in Frankfurt, den US-Soldatensender AFN und Jazz, der damals für Freiheit stand.

20.08.2012 18:27
Tim Gorbauch
Der Umzug ist abgeschlossen und das Filmtheater Valentin zeigt sein Programm ab sofort im Bolongaropalast in Frankfurt-Höchst. Bei der heutigen Wiedereröffnung läuft der Dokumentarfilm "Radio Star - Die AFN Story". Mit dabei ist Bill Ramsey, der zunächst Chief Producer für den US-Soldaten-Sender AFN in Höchst war und später selbst zum Sänger wurde. Das Konzert mit dem leidenschaftlichen Jazz-Musiker beginnt um 18 Uhr im Garten des Bolongaropalastes, Bolongaro-Straße 105. Der Dokumentarfilm wird gegen 21 Uhr gezeigt. Foto: Imago (2)

Das Filmtheater Valentin bezieht übergangsweise seine neue Heimat im Höchster Bolongaropalast. Zur Eröffnung am 27. August läuft der Dokumentarfilm „Radio Star – Die AFN Story“. Als Stargast ist der großartige Jazzsänger Bill Ramsey geladen, der in den 1950er Jahren als Chief Producer für American Forces Network (AFN) in Frankfurt-Höchst arbeitete. Ramsey gibt ein Extra-Konzert, das Standards aus dem Great American Songbook und spätere Werke, etwa von Otis Redding, umfasst.

Wie sind Sie damals aus den USA nach Frankfurt gekommen?

Es war die Zeit des Koreakriegs, ich war damals 21 und musste zum Wehrdienst. Und statt nach Korea haben sie mich, zum Glück, nach Frankfurt geschickt. Zuerst war ich Offiziersberater. Und dann hat mich AFN entdeckt, wahrscheinlich weil ich schon damals viel mit Musik gemacht habe. So wurde ich Chief Producer bei AFN in Frankfurt.

Chief Producer – was kann man sich darunter vorstellen?

Ich war verantwortlich für die AFN-Produktionen, die aus Frankfurt kamen. Ich hatte eine eigene tägliche Sendung, habe Soldaten interviewt – was man so macht. Wir haben aber auch viele Jazzkonzerte damals für AFN aufgenommen, große Konzerte wie Jazz at the Philharmonic etwa. Count Basie, Duke Ellington auf ihrer Europa-Tournee. Und auch Ella Fitzgerald, als sie 1953 in Frankfurt war.

Sie mussten danach für sie singen, stimmt das?

Ja, wirklich. Wir saßen nach dem Konzert zusammen, und man bat mich, für sie zu singen. Ich war irrsinnig aufgeregt, Ella Fitzgerald war damals schon eines meiner größten Idole. Ich sang einen Blues. Als ich fertig war, drehte sich Ella zu meinem Chef um und sagte: „All you got to do is close your eyes“.

Und meinte damit, dass Sie eine schwarze Stimme haben.

Genau. Das war das schönste Kompliment, das ich jemals bekommen habe.

Der Jazz hatte überhaupt damals eine ganz andere Bedeutung.

Der Jazz war damals die Musik der Jugend. Der Jazz war ein Symbol der Freiheit. Und vor allem: Er war antifaschistisch. Alles, was Hitler hasste, Individualität, Freiheit, Improvisation, das war im Jazz drin.

Sie kennen sicher den Spruch von Fritz Rau, dem legendären Konzertveranstalter: „Der Jazz hat mich entnazifiziert.“

Ja, natürlich. Der Fritz. Er hat den Jazz geliebt.

Der AFN war damals für die Verbreitung des Jazz in Deutschland enorm wichtig. Paul Kuhn, der in Wiesbaden aufgewachsen war, arbeitete nach dem Krieg ja auch ein paar Jahre dort. Er sagte mir mal: Der AFN, das war meine Quelle. Alles, was sein Repertoire wurde, lernte er über die riesigen Schallplatten des US-amerikanischen Soldatensenders kennen.

Das waren 20-inches. Die Platten waren wirklich riesengroß. Sie wurden zusammengestellt für die amerikanischen Militärsender auf der ganzen Welt, da war immer die neueste Musik drauf. Musik, die sonst noch nirgends zu kriegen war. Die Platten hießen V-Disc. V für Victory. Und was Paul sagt, stimmt. Der AFN war die Quelle für wahnsinnig viele junge Musiker. Nicht nur für Paul, sondern auch zum Beispiel für Hansi James Last. Der war nämlich ursprünglich, das wissen die wenigsten, ein begnadeter Jazzbassist.

Er wurde in den 1950er Jahren sogar zum besten Jazzbassisten Deutschlands gewählt.

Stimmt. Und Ernst Mosch war ein sehr guter Jazzposaunist. Sie alle fingen nach dem Zweiten Weltkrieg mit Jazz an.

Frankfurt war damals ja die Jazzhauptstadt Europas. Wenn Sie zurückdenken, woran erinnern Sie sich am liebsten?

An die Jamsessions im Jazzkeller. Mit den Mangelsdorff-Brüdern und all den anderen. Auch ganz berühmte Amerikaner kamen nach den Konzerten vorbei, packten ihre Instrumente aus und spielten. Und ich durfte manchmal mitsingen. Das war eine tolle Zeit.

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