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Bach Konzerte Frankfurt Klassik für die Stadt

Sein Weg nach St. Katharinen war verschlungen. Seit gut zwei Jahren ist der Schwabe Michael Graf Münster mit ganzer Kraft Kantor an der großen Frankfurter Kirche – und macht dort Musik auf höchstem Niveau.

Routine klappt bei Bach nicht. Da müsse man „saumäßig schaffen“, sagt Kantor Michael Graf Münster.. Foto: Michael Schick

St. Katharinen an der Frankfurter Hauptwache, kurz vor Konzertbeginn. An diesem Abend steht Johann Sebastian Bach auf dem Programm, ein großes Stück mit Chor, Solisten und Sängern. Kantor Michael Graf Münster ist ziemlich beschäftigt, gleich muss er dirigieren. Doch erst mal sucht da jemand noch Stühle, und wo sind die restlichen Programme? Und dann will jemand bei der Gelegenheit gleich auch eine Veranstaltung Ende Januar absprechen, es ist die übliche Hektik vor Konzertbeginn. „Manchmal ist man als Kantor eben auch Hausmeister“, sagt er gelassen. Seit zwei Jahren ist Michael Graf Münster hauptamtlicher Kantor der Kirche an der Hauptwache, evangelisches Gegenstück zum das Stadtbild prägenden katholischen Dom.

Wer nur in Hierarchien denkt, für den mag Münsters Wechsel vom einflussreichen Landeskirchenmusikdirektor der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau ins Kantorenamt an St. Katharinen als Karriereknick erscheinen – doch der Kantor muss allein schon über die Frage lachen. „Vom protokollarischen Ansehen ist das vielleicht so, und man riskiert auch, dass Außenstehende das so sehen, aber wenn man mit 39 Jahren Landeskirchenmusikdirektor wird, ist es auch recht, wenn man mit 53 wechselt und sich den Rest des Lebens auf die Kunst konzentrieren kann.“ Vom musikalischen Leiter einer der größten evangelischen Landeskirchen in Deutschland zum hauptamtlichen Kantor – für den leidenschaftlichen Musiker war der Verzicht auf Amt und Würden folglich ein konsequenter Schritt.

Der gebürtige Kölner, der aus einem alten westfälisch-sächsischen Adelsgeschlecht stammt, ist in Stuttgart aufgewachsen und sagt auch nach mittlerweile 15 Jahren in Hessen immer noch ziemlich oft „Grüß Gott“. Stuttgart ist eine Stadt mit einer traditionell starken Chormusik, Heimat etwa von Helmuth Rillings weltberühmtem Bach-Collegium und der Gächinger Kantorei. „Ob ich ohne Rilling Kirchenmusiker geworden wäre, weiß ich nicht“, sagt er. Musik hat ihn seither begleitet, in guten wie in schlechten Zeiten. „In der Trauer wird die Welt sehr eng, die Musik bringt Helligkeit und Weite“, sagt er.

Internationalität Frankfurts fasziniert

Münster studierte Theologie und Kirchenmusik, unter anderem beim weltberühmten Dirigenten Sergiu Celibidache, unterrichtete am traditionsreichen Evangelischen Stift in Tübingen und wurde schließlich für fünf Jahre Gemeindepfarrer in Reutlingen. Der Wechsel 1997 nach Hessen auf das Amt des Landeskirchenmusikdirektors war da doch recht ungewöhnlich; Theologen bleiben ihrer heimischen Landeskirche in der Regel ein ganzes Leben lang erhalten.

Frankfurt und das Rhein-Main-Gebiet kannte er da erst wenig, doch die Internationalität, „die Ortlosigkeit, die Frankfurt hat“, fasziniert ihn bis heute. Mittendrin steht die Katharinenkirche, ein Bauwerk, das nicht der Landeskirche, sondern der Stadt und ihren Bürgern gehört. „Wir geben als Katharinenkirche einen wägenswerten Beitrag für diese Stadt“, sagt er.

Schon 1998, kurz nach dem Wechsel von Württemberg nach Hessen, übernahm Münster hier den Kantorenposten im Nebenamt. Es ist ein durchaus bedeutendes Amt, schon Georg Philipp Telemann war hier zu Anfang des 18. Jahrhunderts Kapellmeister.

Alle Bach-Kantaten: Ein einzigartiges Projekt

Seit 2004 führen Münster und sein Wiesbadener Kollege Martin Lutz an jedem ersten Samstag im Monat hier und am darauffolgenden Sonntag in Wiesbaden nach und nach alle 200 Kantaten des wohl bedeutendsten Komponisten-Kollegen Telemanns, Johann Sebastian Bach, auf.

„Für mich bedeutet das ein großes Glück. Ein vergleichbares Projekt gibt es weltweit nur noch ein weiteres Mal“, sagt Münster – in Stuttgart. Etwa die Hälfte ist bereits aufgeführt, bis 2023 wird die Reihe dauern, und mit jeder weiteren Kantate wächst Münsters Bewunderung für Bach und dessen Kantatenwerk. „Das ist irrsinnig viel auf sehr hohem Niveau – und er hat sich nie wiederholt. Das ist immer neu und immer schwierig. Routine klappt bei Bach nicht.“ Da müsse man „saumäßig schaffen“. Und Münster ist ein Schaffer, wie man auf Schwäbisch sehr anerkennend sagt, er ist nicht nur Kantor, sondern dazu auch noch Fortbildungsdozent, Autor und Herausgeber – und einer derjenigen, die das Musikleben in der Stadt ganz maßgeblich prägen.

Die fehlenden Konzertprogramme sind inzwischen aufgetaucht und werden am Eingang ausgeteilt, die Musiker stimmen die Instrumente. Die ersten Besucher haben sich einen Platz gesucht, Münster begrüßt sie. Seit dem Wiederaufbau in den 50er Jahren ist St. Katharinen keine besonders schöne Kirche mehr, zu weit, zu leer, zu wenig feierlich. Und doch verwandelt sich der nüchterne Raum in einen strahlenden Festsaal, wenn hier Pauken und Trompeten erschallen. Das geschieht zum Glück regelmäßig, denn St. Katharinen ist, das kann man so sagen, Frankfurts Musik-Kirche.

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