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Ausstellung und Filmreihe Schattenspieler

Das Deutsche Filmmuseum blickt in der Ausstellung „Film noir!“ auf die vielleicht coolsten Werke der Filmgeschichte. Unser Autor traf die beiden Kuratorinnen Jule Murmann und Stefanie Plappert.

21.06.2012 13:24
Stephan Loichinger
Finden die Welt der schwarzen Serie bunt: Stefanie Plappert (l.) und Jule Murmann. Foto: Monika Müller

Berühmt wurde zum Beispiel die Szene, in der Orson Welles als Harry Lime den Film „Der dritte Mann“ betritt. Nachdem Joseph Cotton als Holly Martins seinen Freund Lime schon viele Filmminuten lang gesucht hat, wird dieser plötzlich ins Licht gerückt: Sein Gesicht leuchtet inmitten des Dunkels eines Hauseingangs im Schein einer Straßenlampe kurz auf. Er verzieht den Mund zu einem schmalen, spöttischen Grinsen, und vielleicht sah Orson Welles nie besser, sein Gesicht nie makelloser aus. Im Film macht er sich gleich wieder aus dem Staub, seine Schritte verhallen auf dem Kopfsteinpflaster einer Gasse im kriegsversehrten Wien des späten Jahres 1948.


Regisseur Carol Reed setzte seinen allürenhaften Star nach allen Regeln des Film noir in Szene. Er scheint mit seinem Klassiker „Der dritte Mann“ umgesetzt zu haben, was dann 1995 der Regisseur Martin Scorsese so formulierte: „Zuallererst war Film noir ein Stil. Er verband Realismus und Expressionismus, Szenen an Originalschauplätzen und einen ausgetüftelten Einsatz von Licht und Schatten.“

Schräge Kamera

Film noir ist ein Stil, das finden auch Jule Murmann und Stefanie Plappert. Sie sind die Kuratorinnen der an diesem Donnerstag im Deutschen Filmmuseum Frankfurt eröffnenden Ausstellung zu der Schwarzen Serie, „Film noir!“ ist die erste Ausstellung der beiden jungen Film- und Medienwissenschaftlerinnen. Das Scorsese-Zitat platzieren sie an prominenter Stelle. Die These sei anerkannt, sagen sie, auch wenn es Experten gibt, die im Film noir eher das Genre des Kriminalfilms sehen oder die Zuschreibung nur für US-amerikanische Produktionen gelten lassen.
„Zu dem Stil gehört eine neuartige Kameraführung“, sagt Jule Murmann. Im Fall von „Der dritte Mann“ war oft von der „schrägen Kamera“ die Rede, die Figuren standen selten aufrecht in den Bildern. Das mag mit der Zeit zu tun haben, in der die Filme aufkamen, Anfang der 1940er. „Es war eine Zeit der Verunsicherung, während des Zweiten Weltkriegs gingen die Männer an die Front und die Frauen in die Fabrik“, sagt Stefanie Plappert.


Entsprechend wimmelt es im Film noir vor starken Frauen und verschlossenen Männern, auch Kriegsheimkehrern, denn nach Kriegsende waren die Verunsicherung und Verwirrung ja nicht schlagartig vorbei. Eine düstere Stimmung, die sich in spärlicher Ausleuchtung der Filmsets widerspiegelte, während die Hollywood-Studios jeden Winkel ihrer Breitwandproduktionen ins Licht rückten.


Nächtliche Drehs

„Im Film noir konnten sich Zuschauer nicht so leicht orientieren“, sagt Jule Murmann. Das war experimentierfreudigen Regisseuren, geringen Budgets und brutal knappen Produktionszeiten mit teils zehn Drehtagen und nächtlichen Shootings geschuldet. Der Film noir, dessen Blütezeit mit John Hustons „The Maltese Falcon“ 1941 einsetzte und mit Orson Welles’ „Touch of Evil“ 1959 endete, dessen Einfluss aber bis ins heutige Kino sichtbar bleibt, wurzelte in der B-Movie-Szene. Hier trafen sich junge Talente und aus Europa emigrierte, mit Teilarbeitserlaubnissen ausgestattete Größen wie Fritz Lang, Billy Wilder, Peter Lorre.


Jule Murmann, 28, verguckte sich schon als Schülerin in die Filme der Schwarzen Serie, ihre vier Jahre ältere Kollegin Stefanie Plappert kam als Studentin auf den Geschmack: „Schmissige Sprache, starke Frauenfiguren, und am Ende löst sich nicht alles in einer heilen Welt auf.“ Zur Vorbereitung der Ausstellung sichteten sie an die 150 Filme. Zur Bebilderung ihrer Thesen vom neuen Stil in Lichtsetzung, Kameraführung, Bildaufbau, Figurenzeichnung, Drehorten und Inhalten schnitten sie aus vielen Szenen Filme zusammen, die der Besucher anschauen kann. Exponate gibt es dagegen kaum, nicht mal das berühmte Büro von Privatdetektiv Sam Spade, das nach Auflösung der alten Dauerausstellung des Museums versteigert wurde.


Ein Kniff der Ausstellung ist augenfällig: Sie ist bunt! Möbel und Wandtexte strahlen in Blau, Grün, Orange und Gelb. „Wir wollten nicht zu viel Schwarzweiß“, sagt Stefanie Plappert. „In den Romanen tragen die Frauen ja auch Mäntel in kräftigen Farben mit rosa Püscheln.“

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