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Ausstellung Das alternde Wunderkind

Obwohl Ferry Ahrlé schon 88 Jahre alt ist, malt er noch jeden Tag. Seine neuen Arbeiten zeigt der Frankfurter Maler, Zeichner und Autor jetzt in einer Ausstellung.

Der Maler, Zeichner und Autor Ferry Ahrlé in seinem Atelier. Foto: Peter Jülich

Nur Vogelgezwitscher bricht die morgendliche Stille in dieser schmalen Straße im Dichterviertel. Bescheidene Häuschen mit winzigsten Vorgärten reihen sich hier. Schon die ersten Schritte ins Innere irritieren, das Auge sucht Halt, findet ihn aber nicht. Jeder Quadratmeter der Wände ist mit Aquarellen, Grafiken, Skizzen bedeckt, die Decken sind mit farbigen Arabesken bemalt.

Der Hausherr, der seit 1966 hier wohnt, tritt dem Besucher mit einem ironischen Lächeln entgegen, im gewohnten schwarzen Rollkragenpullover, der elegant kontrastiert zum schlohweißen Haar. Ferry Ahrlé hat schon an der Staffelei gestanden an diesem Morgen. „Ich male jeden Tag“, sagt er fröhlich. Im Juni feiert der Maler, Zeichner, Autor seinen 89. Geburtstag.

Seit den 50er Jahren ist dieser Mann im Frankfurter Stadtleben, aber auch weit darüber hinaus, eine Ausnahmeerscheinung – er selbst tut sich schwer, diesem Phänomen einen Namen zu geben. „Ich war ein Wunderkind“, sagt er einmal. Sein Vater, der Werbegrafiker René Ahrlé, zählt in Berlin zu den Großen seiner Profession, bringt dem Sohn schon im frühen Kindesalter das Zeichnen und Malen bei. Mit zwölf Jahren zeigt Ferry seine erste Ausstellung: „Szenen aus dem Stadtleben, mit Feder, Farbe, Pinsel – zum Beispiel die Doppelstöcker-Busse.“ Zur Eröffnung kommen berühmte Freunde des Vaters wie der Autor Erich Kästner und loben das Talent von Ferry.

Ein begnadeter Selbstdarsteller

Der Maler, der an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin studiert hat, ist ein begnadeter Selbstdarsteller – wer ihn besucht, gerät in einen Strudel von Anekdoten, Begegnungen, in einen wilden Erzählstrom, aus dem sich ein Leben herauskristallisiert. Ahrlé ist immer in Bewegung, steigt die Treppe hoch, führt durch sein Haus, eine biografische Dauerausstellung.

Doch Ahrlé ist kein Schwafler, sondern er hat etwas zu sagen. Und er spielt gekonnt, mit leichter Hand, sein Leben lang mit Stilrichtungen der Malerei und Grafik. Da: die geradezu expressionistischen Filmplakate, mit denen er in den 50er und 60er Jahren in Frankfurt Aufsehen erregt hatte, für Fellinis „La Strada“ oder „Abschied von gestern“ von Alexander Kluge.

Oder dort: die Stadtlandschaften aus Paris – drei Jahre lebte er an der Seine. Oder seine Skizzenbücher, in denen er seit 1945 Prominente porträtiert und in denen man sich stundenlang verlieren kann. Wilhelm Pieck, der spätere Staatspräsident der DDR, die Schauspielerinnen Marianne Hoppe, Berta Drews, Erika Pluhar, der Geiger Yehudi Menuhin.
„Ich habe nie Moden mitgemacht – ich habe mich nie bestimmen lassen“, sagt er stolz. Im Zimmer, das sein Archiv mit 5000 Zeichnungen beherbergt, ruft er aus: „Hier ist die ganze Welt drin!“ Oben unter dem Dach befindet sich das eigentliche Atelier, in dem gerade die jüngste Serie „Gemalte Musik“ entsteht: auf der Staffelei seine Fantasie zum Komponisten Erik Satie, an der er arbeitet.

1993 fürs OB-Amt kandidiert

Als er Ende der 70er Jahre mit Fernsehserien begann, in denen er Besucher porträtierte oder in der Maske berühmter Künstler auftrat, sagten einige, er verschwende sein Talent an das Show-Business. Ahrlé ließ sich nicht irritieren – er liebt es nun mal, im Mittelpunkt zu stehen. Als junger Mann wollte er Schauspieler werden. Doch als sein Vater seine ersten Auftritte auf einer kleinen Berliner Bühne gesehen hatte, sagte er: „Ich glaube, du malst besser.“

Der Sohn lacht noch heute in der Erinnerung daran. Geblieben ist dem gebürtigen Frankfurter, dass er sich gerne einmischt. Unvergessen seine OB-Kandidatur 1993, als er die Bewegung Deutsche Mitte gründete: „Wir wollten, dass die Leute wieder wählen gehen.“ Prominente wie der Kaufhaus-König Ammerschläger unterstützten ihn: „Wir hatten mehr Geld als die Grünen.“ Am Ende sammelte er 8000 Stimmen beim Ausflug in die Kommunalpolitik – und zahlte das Spendengeld zurück, das er nicht gebraucht hatte. Heute schimpft Ahrlé, dass das Volkstheater von der Stadt im Stich gelassen werde: „Dagegen müssten die Leute auf die Straße gehen!“ Seit zwölf Jahren lebt und arbeitet er auch in Berlin – und hinterlässt in der Hauptstadt Spuren. Etwa die 100 Bilder zu Leben und Werk des Komponisten E.T.A. Hoffmann, mit denen er das Kult-Restaurant Lutter&Wegner am Gendarmenmarkt schmückte.

Einer wie Ahrlé versucht zu ignorieren, dass die Zeit vergeht. Und kann es am Ende doch nicht. „Das Wunderkind ist alt geworden“, sagt er, als ob es ihn überraschen würde. Aber ist das Leben nicht wunderbar, wenn er bald wieder mit Freunden zusammenhockt? „Ich habe keine Galerie, dafür habe ich die Kneipen.“ In seinem Skizzenbuch sind noch Seiten frei.

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