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Frankfurter Kulturpass Das Ein-Euro-Prinzip

Mit dem Kultur-Pass öffnet Götz Wörner armen Leuten Konzertsäle und Museen. Er sagt: Nach einer Sinfonie von Mozart kommt auch ein Hartz IV-Empfänger "erhobenen Hauptes wieder raus". Von Friederike Tinnappel

Der ehemalige Musikproduzent lebt von Hartz IV, aufgegeben hat er nicht und wurde jetzt von der Bundeskanzlerin geehrt. Foto: Andreas Arnold

Er sei ein "schillernder Typ", sagt Götz Wörner (50) über sich selbst. Mit 18 Jahren die erste Platte produziert - im Studio von Konstantin Wecker, der "verschlafen hatte". In der Welt herumgereist, vor allem in Lateinamerika. Die Musik dieses Subkontinents hatte es dem jungen Pforzheimer angetan. Er brachte die großen Stars aus Brasilien, Argentinien, Kuba, die "schlecht verpackt hier ankamen", in Deutschland groß heraus. Produzierte Platten, organisierte Konzerte.

Über zwanzig Jahre ging das so, dann kam "der Absturz" - Wörner musste Insolvenz anmelden. Statt Waldorf Astoria "volle Kanne Sozialamt". Die "schöne Wohnung im Nordend": weg. Von einem Verein, der sich um Obdachlose kümmert, wird ihm zusammen mit der Freundin ein kleines Einzimmer-Appartement zugewiesen.

Wörner beginnt, sich durchzuschlängeln, wie er sagt. Lernt mit den derzeit 359 Euro Grundsicherung zu überleben. "Wenn es für eine Zahnpasta-Umfrage fünf Euro gibt, dann mach´ ich das." Das "Essen für alle" in der Christuskirche am Merianplatz schätzt er als "gute Hausmannkost". Auch als Ein-Euro-Jobber sammelt er Erfahrungen.

Doch wie man es dreht und wendet, "das Geld reicht nicht" - schon gar nicht für die Kultur, meint Wörner. Und das in Frankfurt, wo der ehemalige Kulturdezernent Hilmar Hoffmann mit dem Slogan "Kultur für alle" Furore machte.

Wörner will das wörtlich nehmen und hat deshalb den Kulturpass erfunden. Der hat das Format einer Kreditkarte und zeigt das fröhlich bunte Gemälde "Commedia dell Arte" von Marc Chagall, das in der Frankfurter Oper hängt. "Ich wollte einen ästhetischen Ausweis, den man gerne vorzeigt", sagt Wörner und zieht zum Vergleich seinen eher schäbigen Frankfurt Pass hervor.

Der Frankfurt Pass beschert Frankfurtern mit geringem Einkommen viele Vergünstigungen - auch in der Kultur. Doch selbst damit hätte der Besuch der Boticelli-Ausstellung acht Euro gekostet. Beim Kultur-Pass zählt das Ein-Euro-Prinzip. Egal ob Städel oder Popkonzert - Erwachsene sind mit einem Euro dabei, Kinder zahlen 50 Cent. Für Wörner eine Frage der Würde: "Die Kinder sehen, die Mutti hat gezahlt."

Auch der Kulturpass selbst kostet einen Euro. Schauspiel und Oper verlangen drei Euro. Aber immerhin, sie machen mit. Noch immer sucht Wörner Veranstalter, die entweder ein bestimmtes Kontingent an Ein-Euro-Plätzen zur Verfügung stellen oder bei nicht ausverkauften Vorstellungen den Billig-Eintritt gewähren. 150 Veranstalter kooperieren mit dem Verein "Kultur für alle", der inzwischen entstanden ist. Was gerade im Angebot ist, steht im Internet (www.kulturpass.net).

Seit einem Jahr wird der Kulturpass ausgegeben und schon fast 3000 haben ihn erworben. Jetzt kommen die ersten, um ihn, wiederum für einen Euro, verlängern zu lassen. So erfährt Wörner, dass der Pass auch genutzt wird - und Wirkung zeigt: Nach einer Sinfonie von Mozart kommt auch ein Hartz IV-Empfänger "erhobenen Hauptes wieder raus".

Im Januar wurde der Kulturpass von Bundespräsident Horst Köhler ausgezeichnet, am Freitag wurde Wörner im Bundeskanzleramt von Angela Merkel empfangen. Die Anerkennung tut dem 50-Jährigen gut. Für ihn ist das Projekt Kulturpass so etwas wie eine zweite Karriere. Endlich hat er etwas gefunden, das ihm wichtig ist - wie früher die Musik Lateinamerikas. Etwas, für das sich der Einsatz lohnt, das seine Talente fordert und das aufgrund der vielen Kontakte, die er noch immer hat, funktioniert.

"Jeder, der das Konzept kapiert hat, ist begeistert." Und so gewinnt Wörner immer mehr Mitstreiter und hat noch lange nicht genug: "Kultur ist alles, was der Mensch gestaltend schafft", sagt er. Dazu gehöre auch der Sport. "Für einen Euro zur Eintracht - da komme ich noch hin."

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