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Frankfurter Freies Schauspielensemble Auf der Bühne ist das Leben

Seit bald 60 Jahren lässt den Regisseur und Schauspieler Reinhard Hinzpeter das Theater nicht los. Für den Direktor des Frankfurter Freien Schauspielensembles ist das Theater ein Verjüngungsmittel.

Reinhard Hinzpeter, vorne links, ausnahmsweise mal im Zuschauerraum. Foto: peter-juelich.com

Da sitzt er nun. Ganz allein, auf einem Stuhl, mitten auf der Bühne. Nur wenige Scheinwerfer geben ein fahles Licht, die Sitze des Publikums verschwimmen im Halbdunkel. Schwer zu sagen, wie viele Stunden Reinhard Hinzpeter schon vor Zuschauern gespielt, wie viele Tage seines Lebens er mit dem Inszenieren zugebracht hat. Seit bald 60 Jahren lässt den Mann mit den langen weißen Haaren nun das Theater nicht los. Der Direktor des Frankfurter Freien Schauspielensembles lebt und atmet Theater, er liebt es über alles. „Es ist ein Verjüngungsmittel“, sagt der 73-Jährige unumwunden und lächelt quietschvergnügt.

Und hier, im Titania an der Basaltstraße in Bockenheim, einem historischen Ort der Arbeiterbewegung, an dem schon Rosa Luxemburg gesprochen hat, fand das Freie Schauspielensemble 2010 endlich ein angemessenes Domizil. Mit städtischem Geld modern ausgestattet, mit einem kleinen, nach oben ansteigenden Zuschauerraum, mit gerade einmal 90 Sitzplätzen. Klein, aber fein.

Hier ist der gebürtige Hannoveraner Hinzpeter ans Ziel gekommen, nach einem Wanderleben in den Jugendjahren, das ihn viele Theater kennenlernen ließ, von Düsseldorf bis Heidelberg, von Wiesbaden bis Tel Aviv. „Ich wollte nie ein eigenes Theater führen – aber es blieb mir nichts anderes übrig“, ein Lachen. Denn der Sohn eines Physik-Professors passte einfach nicht in den festgefügten Rahmen des bürgerlichen Stadttheaters.

Der studierte Germanist und Romanist sprengte mit seinen Vorstellungen dieses Korsett, nur einmal hielt er es länger an einem Ort aus: Das war am Schauspiel Frankfurt in den 70er und frühen 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts, in den wilden Zeiten des von Kulturdezernent Hilmar Hoffmann (SPD) initiierten Mitbestimmungs-Modell. „Das war eine ganz, ganz starke Zeit“. Hinzpeter war ein Kind des Krieges. „Aufgewachsen allein unter Frauen, die Männer waren entweder schon gefallen oder noch im Krieg.“

Wir durchmessen langsam im Gespräch das kleine Theater. Die Kriegserinnerungen des Dreijährigen lassen ihn bis heute nicht los. Gemeinsam mit der Mutter vor den heftigen Bombenangriffen auf Hannover evakuiert aufs Land, ein Bauernhof bei Duderstadt, ein winziges Dorf. Doch auch dorthin kam 1945 der Krieg. „Aus allen Fenstern hingen weiße Laken und dann hörte ich ein dumpfes Dröhnen, das machte Angst.“ Die Panzer der US-Armee rückten vor, besetzten den Dorfplatz. „Und dann haben die Soldaten dort Schokolade verteilt, ich fand das toll, aber die Frauen fürchteten sich immer noch.“

Im Wohnzimmer der großbürgerlichen Familie stand nach dem Krieg das in diesen Kreisen übliche Klavier. Und Reinhards zwei Schwestern übten Sonatinen. „Ich hab improvisiert.“ Auf dem Gymnasium in Hannover kam die Querflöte hinzu. „Aber mein Vater erwartete, dass ich etwas mit Naturwissenschaften machen würde – tatsächlich wollte ich lange Zeit Medizin studieren.“

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Doch dann drängte sich mit Macht das Theater dazwischen. Der Sohn war fünfzehn Jahre alt und bekam, auch das war so üblich, von den Eltern ein Jugend-Abonnement der Landesbühne Hannover. Er sah eine Inszenierung von „Don Juan“, der Komödie von Molière. Es packte den Jungen mit Macht. „Ich hab von einer Karriere als Schauspieler geträumt.“

In der neunten Klasse stand er selbst zum ersten Mal auf der Bühne – es war wie ein Befreiungsschlag aus bürgerlicher Beengtheit. „Ich konnte mich austoben!“ Der Jugendliche machte die Erfahrung, dass er ein Publikum in seinen Bann ziehen konnte. „Plötzlich schauen mir 1000 Leute in der großen Aula zu – ich hatte Aufmerksamkeit.“ Der Abiturient begeisterte sich für das absurde Theater von Eugène Ionesco und Edward Albee. Sein Entschluss stand fest: Er würde selbst an einer Bühne arbeiten, spielen und inszenieren.

Doch schon den ersten Schritt, den Besuch der Schauspielschule, verhinderte der Vater. „Er hat es mir verboten, alles Geld gestrichen, es gab Terror ohne Ende.“ Die Zeit der 68er-Revolte war gekommen: Überall in Deutschland brachen Jugendliche mit ihren Eltern, so auch im Hause Hinzpeter. Der Sohn zog durch Frankreich und Spanien, auf der Spur des modernen Theaters.

Er studierte, mochte aber an der Universität nicht bleiben: „Ich wollte nicht länger reden über Kunst, sondern selbst Kunst machen!“ 1976 stieß er zum Schauspiel Frankfurt, zunächst als Assistent von Peter Palitzsch. Es hatte sich bundesweit herumgesprochen, dass in Frankfurt ein aufregendes Experiment lief: Keine Hierarchien mehr am Theater, totale Gleichberechtigung aller Ensemble-Mitglieder, gleiche Bezahlung, gleiche Rechte. Es war ein Modell, dass sich voll gegen die Macht der Generalintendanten alten Schlages richtete – und Hinzpeter war begeistert.

Ästhetisch und inhaltlich nahmen die Künstler in dieser Zeit der Mitbestimmung Abschied vom bürgerlichen Stadttheater. 1976 inszenierte Hinzpeter am Schauspiel Frankfurt die deutsche Erstaufführung des Stücks „Nur Kinder, Küche, Kirche“ des italienischen Autorenpaares Franca Rame und Dario Fo. Eine aggressive Abrechnung mit der Gewalt gegen Frauen, gekleidet in sieben Frauenmonologe – über Vergewaltigung, häuslichen Terror und Einsamkeit.

Es war ein erster Höhepunkt in der Karriere des jungen Regisseurs, der auch an anderen Theatern inszenierte: „Medea“ von Grillparzer, „Die Wildente“ von Henrik Ibsen, „Vor dem Ruhestand“ von Thomas Bernhard und vieles mehr. „Ich war Gastregisseur überall“ – und stets ging es dem Künstler auch um die Kritik an den bestehenden kapitalistischen Verhältnissen.

Premiere Ende Februar

Am Ende, es war im Jahr 1982, scheiterte das Mitbestimmungsmodell am Frankfurter Theater auch an wirtschaftlichen Interessen: Die beteiligten Regisseure und Schauspieler ließen sich von anderen lukrativen Angeboten verlocken, auch von Film- und Fernseh-Offerten.

Drei Jahre später zog Hinzpeter die Konsequenzen. Am 6. November 1985 erschien eine Art Gründungsaufruf in der Frankfurter Rundschau. Insgesamt sieben Schauspieler und Regisseur taten sich zum Frankfurter Freien Schauspiel Ensemble zusammen. Sie versprachen den Menschen nicht weniger als ein Theater, dass „den Zuschauer im Innersten treffen und noch lange bewegen“ werde.

Die Produktionsbedingungen am städtischen Schauspiel dagegen schränkten die Kreativität und die persönliche künstlerische Entwicklung ein.

Am Maßstab von 1985 orientiert sich die Gruppe um Hinzpeter bis heute. Vierzehn Schauspieler sind es mittlerweile, zwei Regisseure, ein Dramaturg, zwei Komponisten und vier Techniker: „Alles freie Mitarbeiter, es gibt keine festen Verträge, jeder Schauspieler erhält das gleiche Honorar“, sagt der Chef stolz. Die gewählte Leitung des Teams besteht aus der Schauspielerin Bettina Kaminski und ihm.

Im Grunde knüpft das Freie Schauspiel Ensemble an die Zeiten der Mitbestimmung am Stadttheater Frankfurt in den 70er Jahren an – formal wie inhaltlich. „Jeder kann Stücke für den Spielplan vorschlagen.“ Hinzpeter bekommt tatsächlich ein wenig mehr Geld – weil er auch für Inszenierungen bezahlt wird.

Draußen vor der Tür des Theatersaals hängen Plakate mit großen Erfolgen des Ensembles. Dazu gehören der radikale Politdiskurs „Ich werde sein“ über Rosa Luxemburg, Kafkas „Prozess“, Brechts „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“, aber auch „Tschernobyl – eine Chronik der Zukunft“ von Swetlana Alexijewitsch aus Weißrussland, die gerade eben den Literaturnobelpreis bekommen hat. „Wir sind die einzige Bühne in Deutschland, die dieses Stück zur Zeit spielt.“ Gewiss, der Chef bekennt: „Wir haben den Anspruch, ein politisches Theater zu sein.“ Aber das alleine greift zu kurz. Das Ensemble versucht zugleich, „mehr vom Menschsein zu begreifen und erfahrbar zu machen.“

Es geht also, so steht es in einer Selbstdarstellung des Teams, um „Liebe, Verantwortung, Macht, Habgier, Neid.“ Drei aktuelle Produktionen, die als Einheit zu sehen sind, „kreisen um das Thema Glück“.

Ende Februar 2016 steht die dritte Premiere an, bisher gibt es nur einen Arbeitstitel: „Das Glück rennt hinterher“.

Es existiert keine Handlung. Statt dessen kommen „eine Menge von ganz unterschiedlichen Materialien“ auf der Bühne zusammen. Reinhard Hinzpeter strahlt: „Szenen, Fragmente, Musik, Comedy, Filme, Interviews, Songs.“ Denn schließlich, sagt der Theatermann mit einem Lächeln, „ist auch unsere Wirklichkeit eine Montage“. Er stellt sich die Frage nicht, wie es weitergeht im Leben. Er arbeitet einfach weiter.

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