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Frankfurt für Anfänger Das letzte Fachwerk

Haus Wertheym hat als einziges mittelalterliches Bauwerk den Bombenhagel überstanden. Von Anita Strecker

24.10.2008 00:10
ANITA STRECKER
Vis-à-vis de Historischen Museums ist das Haus Wertheym besonders attraktiv. Foto: FR/Grimm

Er sieht die abgetretene Sandsteintreppe noch vor sich. Und das lederumwickelte Halteseil, das im Bogen der Treppe vom Dach bis runter zum Eingang baumelte. Heimlich ist er immer daran heruntergerutscht. War streng verboten, weil die Öse an der Deckenbefestigung schon ziemlich wacklig war. Oder der gruselige Dachboden. Zum Wäscheaufhängen ist er mit der Mutter hochgestiegen.

Spitz, eng, staubig "und mit Regalen voller Marmeladengläser". Oder das Etagenklo. Oder dass zum Badetag die Wanne in die Küche getragen wurde, während es in den modernen Häusern rund um den Römerberg schon Bäder gab. Und natürlich die alten Ölöfen in den winzigen Zimmern. Ein großer Ofen stand winters auch unten im Café, "im Sommer wurde er abgebaut, damit ein Tisch mehr reingepasst hat".

Dass er im einzigen noch erhaltenen mittelalterlichen Fachwerkhaus der Altstadt geboren und aufgewachsen ist - in einer touristischen Pretiose sozusagen - hat Manfred Anderlohr nie wirklich interessiert. "Es war halt so." Zufall, weil die Mutter, Hausmädchen bei den Hollhorsts, seinen Vater Georg Anderlohr heiratete, der 1949 als Konditor im Haus anfing. Und weil beide das Geschäft vererbt bekamen, weil die Hollhorsts kinderlos geblieben waren. Auch heute macht der Konditormeister mit dem historischen "Haus Wertheym" vis-à-vis des historischen Museums, in dem er sein Café samt Konditorei Hollhorst betreibt, keine Werbung. Er sei eitel genug, dass die Qualität seiner Bethmännchen, Striezel und Torten als Publikumsmagnet reicht.

Im Grunde hält es Manfred Anderlohr schlicht so, wie es früher "normal" war. Das Haus Wertheym am Fahrtor war ein Fachwerkhaus von vielen. Imposant zwar wegen seines massiven Unterbaus aus rotem Mainsandstein und den mächtigen steinernen Pfeilern, die das kunstvolle Fachwerk tragen - aber eben nur eines von mehreren 1000.

Erst als das 1378 erstmals erwähnte Haus den Bombenangriff vom 22. März 1944 als einziges überstanden hatte, rückte das einstige Kontorhaus als Kostbarkeit ins Rampenlicht der Öffentlichkeit. Die Gaststätte nebenan, die eine Nichte der Hollhorsts mit ihrem Mann Heinz Lautenberger 1961 übernahm, wurde der touristischen Anziehung wegen immerhin von "Kulmbacher Braustüberl" in "Haus Wertheym" umbenannt.

Dass einige die Altstadt wieder in alter Fachwerkmanier rekonstruiert sehen wollen, nennt Anderlohr absurd. Auch dass der Abriss des Historischen Museums nur unter ästhetischen Gründen diskutiert wurde, lehnt er ab. "Jede Zeit hat ihre Ästhetik." Mit dem Nebeneinander von Beton und Fachwerk hatte er keine Probleme. Er ist sich auch ziemlich sicher, dass ohne das Bombardement heute kaum noch was von den mittelalterlichen Fachwerkhäusern übrig wäre.

"Die armen Leute zogen in die Fachwerkhäuser, die reichen zogen weg"~

"Das wäre in den 50ern alles platt gemacht worden und wir hätten genauso neu gebaut wie die Schweizer." Weil die alten Fachwerkhäuser eben unmodern waren, nicht komfortabel genug, um dem neuen Wohnstandard zu entsprechen. Und vor allem viel zu klein, um überlebensfähige Geschäfte zu führen.

Auch Anderlohr ist Ende der 80er mit Backstube und Wohnhaus nach Sachsenhausen ausgewichen. Die alte Backstube hinterm Café dient nur noch, um das angekarrte Backwerk anzurichten und aufzuschneiden. Auch das Café wäre ohne die Freiluftplätze draußen vor der Tür zu klein.

"Mein Vater hat früher, in den 1930er Jahren, immer vom Römer-Zores gesprochen", erinnert sich Anderlohr und lacht. Das waren die armen Leute, "die Randgruppen". Sie bewohnten die alten unkomfortablen Fachwerkhäuser in der Altstadt rund um den Römerberg, während Mittelstand und gutbürgerliche Kreise in moderne Häuser in den Neubauvierteln zogen. Das Café Hollhorst und die Anderlohrs sind geblieben. Weil sich die Altstädter in den 50er Jahren im Aufbruch fühlten.

Alles neu und modern gebaut wurde. Viele junge Familien zogen damals ein. Tolles Umfeld für den Jungen Manfred. "Es gab viele Spielkameraden" und mit der Degussa unweit, dem neuen Bundesrechnungshof, der Bethmannbank und der Stadtverwaltung auch genug Kundschaft, die mittags in der Gaststätte einkehrte und danach was Süßes mitnahm. Das hat sich geändert. Der Römerberg ist touristischer geworden - und das Haus Wertheym eine berühmte Sehenswürdigkeit.

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