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Frankfurt Flughafen Wissenschaftler bezweifeln Nutzen von Nachtflügen

Die Flughafen-Lobby behauptet, Nachtflüge seien unerlässlich für die Schaffung und den Erhalt von Arbeitsplätzen. Eine Umfrage ergibt das Gegenteil, und das ist nicht die einzige Überraschung.

19.03.2012 21:51
Von Johannes Schmitz
Eine Boeing 777 der südkoreanischen Asiana Airlines ist nach Medienberichten bei der Landung in San Francisco verunglückt. Foto: dpa

Die Flughafen-Lobby behauptet, Nachtflüge seien unerlässlich für die Schaffung und den Erhalt von Arbeitsplätzen. Eine Umfrage ergibt das Gegenteil, und das ist nicht die einzige Überraschung.

Immer mehr Wissenschaftler und Wirtschaftsführer entkräften das Argument, dass Nachtflüge für das Gedeihen der Volkswirtschaft notwendig seien. Die Anzeichen mehren sich, dass Flugbewegungen zu nachtschlafender Zeit überwiegend Flughäfen, Logistikkonzernen und Tourismusbranche nutzen, deutlich weniger der Industrie und der Allgemeinheit.

Den von der Flughafenlobby behaupteten Effekt der neuen Frankfurter Landebahn für den Arbeitsmarkt hat kürzlich eine – wenngleich nicht repräsentative – Befragung von Report Mainz rund um den Flughafen in Zweifel gezogen.

Von angeblich neu entstanden 7000 Arbeitsplätzen waren mindestens 5300 nur an den Flughafen verlegt und nicht neu geschaffen worden. Und eine Umfrage unter 220 Führungskräften im Rahmen des unter anderem von der FR in Auftrag gegebenen Rhein-Main-Kompasses ergab, dass nur zehn Prozent der Manager wirtschaftliche Nachteile fürchten, wenn nachts nicht geflogen würde.

Die Notwendigkeit, warum zwischen 23 und 5 Uhr Flugzeuge mit Frachtgut oder Passagieren in Frankfurt starten und landen sollten, konnte offenbar auch das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig nicht erkennen. Nach Abschluss der Anhörung am vergangenen Mittwoch ist damit zu rechnen, dass die Richter mit ihrer Entscheidung am 4. April diese Sperrzeit für Deutschlands größten Flughafen festschreiben.

Gesundheitsschäden kosten mehr

Dazu passt, dass der Epidemiologe Prof. Eberhard Greiser in Ergänzung zu seinen Studien über die Gesundheitsschädigungen durch dauerhaften Nachtfluglärm nun erstmals eine Schätzung abgegeben hat, welche Kosten bei den gesetzlichen Krankenkassen entstehen. Am Frankfurter Flughafen kommt er für eine Zeitspanne von zehn Jahren auf 1,8 Milliarden Euro. 400 Millionen Euro davon entfallen laut Greiser auf die Behandlung von Herz- und Kreislauferkrankungen. Der mit 1,4 Milliarden Euro größte Batzen kommt durch die Therapie von Depressionen und Psychosen zustande, die in Folge von Dauerfluglärm während der Nacht ausbrechen oder verschlimmert werden können. Für die Behandlung psychisch Kranker seien Arzneien besonders teuer, stationäre Aufenthalte dauerten länger als bei Herz- und Kreislaufkrankheiten.

Psychologen, sagt Greiser, hätten ihm bestätigt: „Wenn ein Mensch labil ist und sich dazu noch der ständige Lärmstress addiert, dann ist es plausibel, dass Depressionen und andere psychische Krankheiten zum Ausbruch kommen oder sich verstärken.“

Nicht in seiner Schätzung enthalten sind die Kosten für Behandlungen von Krebs infolge von nächtlichem Fluglärm. Greiser macht dafür die Schwächung des Immunsystems verantwortlich.

Bei den Spitzenverbänden der gesetzlichen Krankenkassen ist der Zusammenhang zwischen Nachtfluglärm und Behandlungskosten aber noch kein Thema: Studien seien nicht verfügbar.

Verfall der Immobilienpreise

Greiser hat seine Erkenntnisse für das Umland des Frankfurter Flughafens auf drei Studien gestützt: seine eigene zu den Auswirkungen des Nachtfluglärms am Airport Köln-Bonn. Zweitens auf die vom Statistischen Bundesamt berechneten durchschnittlichen Behandlungskosten für bestimmte Krankheiten. Und drittens auf eine Studie des Regionalen Dialogforums von 2007, die den Verfall von Immobilienpreisen in vom Nachtfluglärm geplagten Gebieten untersucht hatte. Sie lieferte ihm die Informationen, wo und wie viele Häuser von welcher Lärmintensität betroffen seien. Der Epidemiologe ging zudem davon aus, dass die Menschen in den Ballungsräumen Frankfurt und Köln in vergleichbarer Weise auf nächtlichen Lärm reagieren.

„Die 1,8 Milliarden Euro sind eher noch eine Unterschätzung“, sagt Greiser. Denn er habe nur die Auswirkungen ab einem nächtlichen Dauerschallpegel von 45 Dezibel berücksichtigen können, weil die Studie des Dialogforums erst bei diesem Wert ansetze.

Die Berechnungen Greisers erscheinen dem Umweltbundesamt so plausibel, dass es die 400 Millionen Euro Kosten für Herz- und Kreislauferkrankungen rund um Frankfurt schon öffentlich vertreten hat. Es verweist auf eine weitere Studie, die besagt, dass die britische Volkswirtschaft binnen zehn Jahren rund eine Milliarde Euro sparen würde, wenn in London-Heathrow nachts nicht mehr geflogen werden dürfte.

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