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Passiver Schallschutz Euro für die Ohren

Mit der neuen Nordwestlandebahn wird die Region ab Mitte Oktober in Teilen neu belastet. Für die Kommunen ist die Grenze der Belastbarkeit aber längst erreicht. Die Fraport überlegt nun, Geld für passiven Schallschutz schneller auszuzahlen

17.09.2011 19:34
Jürgen Schultheis
Tiefflieger über Raunheim – hier ist es besonders laut, mit und ohne die neue Landebahn in Rhein-Main. Foto: dapd

Am Kopf der neuen Bahn lärmt es demnächst. Vom 21.Oktober an, spätestens aber mit dem Beginn des Winterflugplanes 2011/2012 am 1. November wird der Ausbau des Frankfurter Flughafens spürbar auch jene Menschen erfassen, die bislang nicht stark von Fluglärm belästigt worden sind. Dort, westlich und östlich der Nordwestlandebahn – je nach Betriebsrichtung – „entstehen neue Betroffenheiten“, sagt Fraport-Chef Stefan Schulte am Freitagvormittag im Da-Vinci-Haus am Flughafen.

Schulte weiß in etwa, was das bedeutet. Seit Monaten führen Bürgerinitiativen und Politik eine intensive Debatte darüber, wie stark die Region verlärmt ist, ob Flugrouten neu berechnet oder Flughöhen korrigiert werden müssen. „Wir können die Bürger nicht einfach schutzlos zurücklassen, da müssen wir Wege finden“, sagt der Mann, der am 21. Oktober zusammen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel die umstrittene neue Landebahn in Betrieb nehmen wird.

Fraport prüft vorzeitige Erstattungsansprüche

Und deshalb prüft Fraport in diesen Tagen, ob der Gruppe der Neubetroffenen nicht vorzeitig die „Ansprüche auf Erstattung“ gewährt werden können – und nicht erst in sechs Jahren, wie es der Entwurf der neuen Verordnung zum Lärmschutzgesetz vorsieht. Die Landesregierung hatte kürzlich den Auslösewert für den Anspruch auf passiven Schallschutz von 53 auf 50 Dezibel in der Nacht gesenkt, was die Gruppe der Anspruchsberechtigten deutlich vergrößern wird.

Im Osten ragt die Zone auf dieser Grundlage und nach vorläufigen Berechnungen von Fraport über Offenbach hinaus, im Süden strecken sich die Bereiche wie Finger östlich über Wixhausen bis fast nach Roßdorf, südlich über Eschollbrücken hinaus und westlich bis nach Geinsheim. „Wir prüfen das intensiv“, sagt Schulte. „Wir geben damit ein klares Signal, in welche Richtung wir uns Gedanken machen.“ Ob der Flughafenbetreiber am Ende die Verordnung akzeptiert und wie viele Menschen dann Anspruch darauf hätten, dass beispielsweise Lärmschutzfenster von Fraport finanziert werden, das macht Schulte vom endgültigen Text der Verordnung abhängig. „Wenn es aber Punkte gibt, die uns komplett überraschen, werden wir neu nachdenken müssen.“

Rund 140 Millionen Euro wird das den Flughafenbetreiber und die Luftfahrtgesellschaften kosten – wer dabei welchen Anteil zu zahlen hat, werden die Beteiligten noch klären müssen.

Höhere Kosten für Fluggäste

Schulte macht am Freitag klar, dass die Summe in die Flughafenentgelte einfließen wird, die von den Airlines für die Nutzung des Airports bezahlt werden müssen. Was bedeutet, dass mindestens ein Teil der Summe vermutlich an die Fluggäste weitergegeben werden wird. Grob überschlagen müsste ein Fluggast in den nächsten fünf Jahren womöglich bis zu einem Euro pro Abflug mehr bezahlen, damit der passive Lärmschutz für die Betroffenen in der Region finanziert werden kann.

Schulte tritt am Freitag dem Eindruck entgegen, dass mehr Flugzeuge am Himmel verkehrten. Zum Jahresende werde Fraport vermutlich 470000 Flugbewegungen für 2011 gezählt haben. 2007 sind es rund 490000 gewesen. Der teils starke Protest wegen der Lärmbelastung „hat mich inhaltlich nicht überrascht, in Einzelfällen aber schon“.

Seit Offenlegung des Planfeststellungsbeschlusses zum Ausbau des Flughafens sei bekannt gewesen, dass Gegenanflüge verschoben werden würden. Aber „die Kommunikation aus den Gremien heraus, in der Fluglärmkommission und über die Medien zum Bürger hat nicht richtig funktioniert“, räumt Schulte ein. Zwar gebe es neu vom Lärm Betroffene. Mit jeder neuen Betroffenheit gebe es aber auch Entlastung an anderer Stelle.

Laut Schulte gibt es sehr unterschiedliche, absolute Lärmniveaus, die subjektiv, je nachdem, wo man wohne, anders wahrgenommen würden. In Raunheim sei es lauter, als es in Bad Soden je sein werde, „aber der Bad Sodener fühlt sich dennoch stärker betroffen, weil er vorher eine wesentlich geringere Lärmbelastung hatte“. Das ändere nichts daran, sich weiter intensiv ums Thema zu kümmern. Maßnahmen des aktiven Lärmschutzes, etwa der gekrümmte Landeanflug um Offenbach herum, wertet Schulte als Erfolg. „Wir können das über den Fluglärmindex eindeutig nachweisen.“

Der Flughafenkoordinator für Deutschland hat für den Winterflugplan 2011/2012 dem Frankfurter Flughafen 200622 Slots zugewiesen, die 134 Fluggesellschaften für Starts und Landungen nutzen können. Das sind 4,7 Prozent mehr Zeitnischen als im Winterflugplan 2010/2011.

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