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Kommentar zur 100. Montagsdemo Wiederkehrende Mahnung

Mit der Inbetriebnahme der Landebahn Nordwest im Oktober 2011 ist eine neue Bürgerbewegung entstanden. Seitdem wird es stets laut, wenn die Demonstranten immer wieder montags mit ihren Transparenten, Trommeln und T-Shirts ins Terminal 1 stürmen.

Seit der Inbetriebnahme der neuen Landebahn Nordwest im Oktober 2011 protestieren Fluglärmgeplagte. Foto: dpa

Damit hatte keiner gerechnet. Nicht die Organisatoren der ersten Montagsdemonstration, nicht die Politik und auch nicht die Fraport-Leute. Wohl kein Mensch konnte sich bei der Eröffnung der neuen Landebahn Nordwest im Oktober 2011 vorstellen, dass mit Inbetriebnahme der Piste eine neue Bürgerbewegung entsteht. Schlafen die Proteste doch in der Regel ein, wenn eine Bauprojekt erst realisiert ist. Doch hier im Rhein-Main-Gebiet ticken die Menschen anders. Sie legen dann erst richtig los.

Als die Bauarbeiten zur Erweiterung des Frankfurter Flughafens starteten, war das Klima ein anderes. Der Widerstand gegen das Roden des Kelsterbacher Wald hielt sich in Grenzen. Aus dem bürgerlichen Milieu ließ sich bei der Räumung des symbolischen Hüttendorfs kaum einer blicken. Den Kampf gegen die Zerstörung der Natur überließen sie den jungen Leuten von Robin Wood und den Veteranen der Startbahn-Bewegung. Sie setzten auf ein Heer gut bezahlter Juristen und ignorierten sämtliche Warnungen vor einer spürbaren Verschlechterung der Lebensqualität.

Verpasste Chance. Wach wurden ganz viele Sachsenhäuser, Mainzer, Flörsheimer oder Offenbacher erst von den Jets, die plötzlich direkt über ihre Häuser donnerten. Die Erkenntnis, dass es bei diesem Zustand bleiben würde, wuchs mit der Zeit. Zur ersten Montagsdemonstration am 14. November kamen gerade einmal 400 Menschen. Bis einschließlich 19. Dezember hatte das Bündnis der Bürgerinitiativen zunächst erst die Proteste unter der großen Abflugtafel angemeldet. Doch dann strömten plötzlich Woche für Woche die Massen. Mehrere Tausend waren es zeitweise, die in Terminal 1 ein Massen-Spektakel mit teils grotesken Zügen ablieferten. Eine Geräuschkulisse in der ehrwürdigen Abflughalle, wie bei einem Sieg der Frankfurter Eintracht. Trillerpfeifen, Vuvuzelas, Sirenen, Drucklufthupen. Die Durchsagen des Flughafens gingen in dem Krach komplett unter. Ein Sicherheitsrisiko, urteilten Fraport und die Polizei. Bei diesem einmaligen Konflikt mit den Ordnungsbehörden ist es geblieben.

Der Planfeststellungsbeschluss steht nicht infrage

Noch immer ist es laut, wenn die Mainzer, Flörsheimer oder Oberräder montags um 18 Uhr mit ihren Transparenten, Trommeln und T-Shirts von unten ins Terminal 1 stürmen. Mehrere 100 sind es stets, manchmal viel, viel mehr. Es ist wie ein Spuk. Sie tauchen auf, skandieren "Die Bahn muss weg", nach einer Stunde sind alle wieder verschwunden, sind die Reisenden und das Flughafenpersonal wieder unter sich.

Es ist kein wütender Mob, der die Montagsdemonstrationen wachhält. Viele Rentner sind unter den Teilnehmern, auch mancher Berufstätige, der noch im Anzug gekleidet direkt nach Feierabend zum Flughafen eilt, um seine Forderung nach einem achtstündigen Nachtflugverbot kundzutun. Sie werden ernst genommen, die Leute, die die Hoffnung auf Besserung nicht aufgeben. Gelegentlich mischen sich Landespolitiker unter die Menge, meist von den Linken und den Grünen. Auch Vertreter der betroffenen Kommunen und Landkreise sind als Redner und Gäste willkommen. So wird es auch bei der 100. Montagsdemo sein.

Schon irgendwie verrückt: Bürgermeister, Landtagsabgeordnete, Minister aus Hessen und Rheinland-Pfalz reisen zum Flughafen, um den Lärmgegnern ihre Solidarität zu bekunden. Alleine das kann diese Bürgerbewegung für sich als Erfolg verbuchen: Sie hat dazu beigetragen, dass Fraport und die Landespolitik nach Eröffnung der Landebahn nicht zur Tagesordnung übergehen konnten. Fluglärm ist im Rhein-Main-Gebiet ein Dauerbrenner. Woche für Woche erinnern die wackeren Demonstranten daran, dass dieser Zustand für einen Teil der Bevölkerung unerträglich ist.

Die Montagsdemonstrationen sind nicht nur Ventil für die Frustrierten, sie sind eine wöchentlich wiederkehrende Mahnung. Diese Tradition gehört weiter gepflegt, so lange sie Zuspruch findet. Doch die Teilnehmer sollten sich nicht der Illusion hingeben, dass die neue Landebahn deshalb stillgelegt wird. Das Land und Fraport bemühen sich aktuell um längere Lärmpausen. Doch den Planfeststellungsbeschluss zum Ausbau stellen sie nicht infrage.

Es ist Zeit, dass die Bürgerinitiativen ihre Kräfte auch auf einem zweiten Feld bündeln. Sie müssen sich auf den nächsten Ausbau-Schritt vorbereiten und weitere Formen des Widerstands entwickeln. Der Bau des dritten Terminals soll im nächsten Jahr beginnen. Wieder werden Bäume fallen. Mal schauen, ob dieses Mal mehr Leute den Wald schützen.

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