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Fluglärm Kampf gegen die Zermürbung

Die Rapps leben direkt neben der Landebahn und möchten eine angemessene Entschädigung für den Wertverlust ihres Hauses. Am Dienstag verhandelt das Bundesverwaltungsgericht.

12.03.2012 22:32
Von Oliver Heil
Direkt auf die Triebwerke schauen die Rapps vom Balkon aus. Foto: Kraus

Das ist ein Gefühl, als wenn sich ein Dach über dich schiebt.“ Andreas Rapp brüllt. Er kämpft an gegen den Lärm eines Airbus A340 der Lufthansa, der eben zur Landung auf der Nordwestbahn ansetzt. Offizielle 40 Meter sind es vom Balkongeländer der Familie Rapp bis zur rechten Flügelspitze. Es herrscht Westwind – und das heißt für die Familie Rapp, dass es alle paar Minuten dunkel im Wohnzimmer wird – als wenn sich ein weiteres Dach über das Haus schiebt.

Familie Rapp – Andreas, seine Frau Anette, seine Kinder Sebastian und Stefanie, seine Eltern und die Familie seines Bruders – wohnen im Kelsterbacher Gewerbegebiet Taubengrund und betreiben dort einen Getränkemarkt. Rapps können nicht wegziehen aus der Einflugschneise. Weil der Erlös aus dem Verkauf ihres Hauses niemals das einbringen würde, was sie für einen Neukauf bräuchten. Und so haben sie auf unbestimmte Zeit von ihrem Balkon aus freie Sicht auf die Triebwerke. Es sei denn, das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig gibt ihnen Recht im Revisionsverfahren gegen den Planfeststellungsbeschluss, das am 13. März beginnt.

Familie Rapp gehört dort zu den Musterklägern. Sie verlangt die Aufhebung des Planfeststellungsbeschlusses. So wollen sie eine höhere Entschädigung für ihre Immobilie bekommen. Aktuell sieht die Rechtslage vor, dass ein Gutachter des Landes Hessen den Wert der Immobilie schätzen und Fraport das Haus zu diesem Preis dann kaufen muss. Der Gutachter aber soll den Fluglärm in seine Schätzung einbeziehen. Familie Rapp müsste an den Erzeuger des Fluglärms verkaufen, zu einem Preis, der vom Fluglärm deutlich gedrückt wird.

Rapp ärgert sich über die Gerichte

Hinzu kommt: Das mit dem Umzug ist für Rapps alles andere als einfach. Zusammen mit seinem Bruder besitzt Andreas Rapp den Hugo Rapp Getränkevertrieb. Vor 60 Jahren hat der Uropa den Getränkehandel gegründet, Opa und Vater haben dann 1970 den neuen Standort im Gewerbegebiet an der Flughafenmauer aufgebaut. Wenn er wegziehe, erklärt Rapp, könne er nicht mehr Bereitschaft machen, müsse zusätzlich jemanden einstellen oder gleich mitsamt dem Getränkelager umziehen. Der Mieter von zwei Etagen Bürofläche über dem Lager habe gerade gekündigt. Einen Nachmieter zu finden werde nicht leicht – bei dem Lärm.

Dazu kommt, dass Rapp – wie viele andere in Kelsterbach – vermutet, Fraport habe die Pläne für die große Umgestaltung des Gewerbegebiets, hin zu großen Logistik-Flächen, schon in der Schublade.

Andreas Rapp sitzt also in seinem Wohnzimmer mit dem großen blauen Sofa und zeigt einmal in jede Himmelsrichtung. „Überall hat die Fraport Grundstücke gekauft“, sagt er, lupft die Gardinen an und zeigt auf ein rosafarbenes Haus mit heruntergelassenen Läden. „Die Familie dort drüben hat schon verkauft. Das Haus lässt die Fraport jetzt mal ein paar Jahre leer stehen. Die können es sich leisten in Jahrzehnten zu denken, wir nicht.“ Noch hat der groß gewachsene Familienvater sich seine gute Laune nicht nehmen lassen. Wütend ist er dennoch. „Am Anfang war ich stinksauer auf die Fraport, aber irgendwann habe ich gedacht, vielleicht würde ich genauso handeln.“

Heute ärgert er sich eher über Gerichte und Politik, über diejenigen, die die Spielregeln machen, nach denen sich Fraport richtet. „Ich habe angefangen mich zu fragen, ob da nicht grundsätzlich was falsch läuft.“ Für den Mittelstand rühre niemand einen Finger. „Der Rapp mit seinen sechs Mitarbeitern, wenn der irgendwann zuschließen muss, ist denen das total egal.“

Die Ende Februar verkündete Ausweitung des Immobilienankauf- und Ausgleichsprogramms Casa, mit dem Fraport vom Lärm besonders betroffene Menschen finanziell entschädigen will, ändert an seiner Lage nichts. Rapps Anwalt, Matthias Möller-Meinecke sagt, der Taubengrund sei nie Bestandteil von Casa gewesen.

Von der Entscheidung des Leipziger Bundesverwaltungsgerichts erhofft sich Andreas Rapp, dass er eine Entschädigung für den Wertverlust seiner Immobilie bekommt, die ihm und seiner Familie einen relativ verlustfreien Umzug ermöglicht. „Was mich heute so mürbe macht, ist, dass ich keine Alternative habe.“

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