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Fluglärm am Frankfurter Flughafen Der Mythos von der Kerosin-Verschwörung

Flughafen-Anwohner sind sich sicher: Flieger lassen über ihren Gärten Kerosin ab. Für die Behauptung gibt es keine Beweise, sie lässt sich aber auch schwer widerlegen. Die Verschmutzungen könnten auch von Diesel stammen oder aus Kaminen.

08.02.2012 21:05
Jürgen Ahäuser und Volker Schmidt
Es gibt keine Beweise, dass Flugzeuge Kerosin ablassen. Foto: Michael Schick

Es ist wie ein Geist und wie ein solcher spukt es im Rhein-Main-Gebiet herum: Kerosin. Wer immer in diesen aufgeregten Tagen über den Fluglärm diskutiert, der landet nach wenigen Gesprächsminuten beim Flugbenzin. „Die lassen Kerosin ab.“

Familie Wittko in Sachsenhausen hat wie viele andere auch den Geruch in der Nase und den Schmierfilm in der Regentonne vor Augen. Mit dem Lärmteppich kam auch der Treibstoff in Gärten und auf Dächer. „Die lassen Kerosin ab.“ Man muss Jörg Handwerg nicht in die Augen sehen, um zu erahnen, wie es am anderen Ende der Telefonleitung leicht zu brodeln beginnt.

„Völliger Unsinn"

Jörg Handwerg ist Pilot und Pressesprecher der Pilotenvereinigung Cockpit. „Das ist völliger Unsinn", sagt er.

Er redet von einer unseriösen Position "von Leuten, die in den Krümeln suchen, um dem Flughafen zu schaden.“ Schon aus wirtschaftlichen Gründen wäre es unsinnig, den Treibstoff abzulassen, erklärt Handwerg. Entscheidender sei aber, dass nur in äußerst kritischen Notsituationen zu diesem Mittel gegriffen werden darf. Wenn ein solch großes Problem eingetreten sei, dann sei genau vorgeschrieben, wo und in welcher Höhe Kerosin abgelassen werden dürfe.

Im Spessart oder Bayerischen Wald, über unbewohntem oder sehr dünn besiedeltem Gebiet eben. Der Flugzeugführer ist auch überzeugt, dass selbst in einem solchen Fall von dem Kerosin nichts unten ankommt. „Das verdunstet alles.“ Im Übrigen könnten nur die wenigsten Flugzeuge überhaupt Treibstoff ablassen. Dass ein Triebwerk Abgase produziert , bestreitet der Pilot natürlich nicht. „Bei 1000 Grad wird aber fast alles verbrannt.“

Umweltamt: Messungen nicht auffällig

Im Umweltamt der Stadt Frankfurt ist Stefan Schmitt für die Umweltüberwachung zuständig. Hin und wieder erreichen den promovierten Wissenschaftler Hinweise auf Kerosin. Handfeste Beweise für eine Existenz des Brennstoffes am Boden hat er aber auch noch nicht gefunden. Was daran liegt, dass die sogenannten aromatischen Kohlenwasserstoffe wie Benzol und Toluol in vielen Brennstoffen vorkommen.

Trotz der Nachbarschaft zum Flughafen seien die Messungen im Vergleich zu anderen Orten nicht auffällig, sagt Schmitt.

Das Hessische Umweltministerium nehme Klagen und Hinweise aus der Bevölkerung sehr ernst, sagt Pressesprecher Thorsten Neels. Konkrete Hinweise auf Kerosin seien aber bei verschiedenen Untersuchungen nicht gefunden worden. Das liege auch daran, dass der Chemikalie eine Leitsubstanz fehle. Was im Kerosin drin ist, könne auch vom Diesel aus Autos und Zügen oder aus Kaminen kommen. Studien in München (2008) und Zürich (2004) hätten keine Hinweise auf Luftschadstoffe aus Kerosin ergeben.

2010, als der Flugverkehr in Europa durch den Ausbruch des Vulkans auf Island weitgehend lahmgelegt war, hätten die Luftmessstationen in Höchst und Raunheim erstaunlicherweise keine anderen Werte angezeigt, als zu Zeiten des normalen Flugbetriebs. Eine Untersuchung aus diesem Jahr in den Rheingauer Weinbergen auf Kerosinbelastung sei auch zu keinem Ergebnis gekommen.

Gericht verhandelt Flugrouten

Einige Kommunen aus Hessen und Rheinland-Pfalz klagen gegen die seit März 2011 geltenden An- und Abflugrouten am Flughafen. Die Feststellungsklage gegen das Bundesaufsichtsamt für Flugsicherheit sollte am Dienstag oder Mittwoch eingebracht werden, sagte eine Sprecherin der Gemeinde Trebur. Beteiligt sind auch die Kreisstadt Groß-Gerau, die Gemeinde Nauheim sowie Bürgerinitiativen und Privatkläger aus dem Kreis Mainz-Bingen.

Kein Platz für die Grünen

Wenn das Oberste Verwaltungsgericht am 13. März verhandelt, müssen die Landtags-Grünen draußen bleiben: Sie bekamen keine Plätze im Saal. Vom 16. Januar an nahm das Gericht Anmeldungen an. Am 17. wollten die Grünen per Mail drei Plätze für Abgeordnete reservieren, doch alles war belegt. „Wie bei Konzerten von Weltstars“, sagt Abgeordneter Frank Kaufmann.

Das Gericht bestätigt, dass das Platzkontingent schon am 16. Januar erschöpft war. Auch die Groß-Gerauer CDU-Abgeordnete Sabine Bächle-Scholz bekam keinen Platz. Sie räumt ein, sich zu spät gekümmert zu haben: „Ich bin ja gerade erst in den Landtag nachgerückt.“ Nun hofft sie, das auch im Gericht tun zu können, falls jemand einen Platz freigibt.

Die Linken-Fraktion hat zwei Karten ergattert und wäre womöglich bereit, eine abzugeben, „wenn die Grünen höflich fragen“. Die bitten nun zunächst die Präsidentin des Bundesverwaltungsgerichts, Marion Eckertz-Höfer, sich um einen größeren Saal zu bemühen. Das Thema berühre viele Menschen „so unmittelbar, dass sie sich selbst als Prozessbeteiligte empfinden“, schreibt Kaufmann. Auch die Opposition im Landtag müsse den Prozess verfolgen können.

"Die meisten demonstrieren lieber"

Laut seinem Sprecher Wolfgang Bier tagt das Leipziger Gericht in seinem größten Sitzungssaal mit mehr als 250 Plätzen. Noch sei nicht klar, wie viele Tische für die Beteiligten der Verhandlung nötig seien, zumal auf Klägerseite „in jedem Verfahren eine andere Anwaltskanzlei bevollmächtigt ist“, so Bier. Daher habe das Gericht die Zuschauerzahl vorläufig auf 80 begrenzt, rechne aber „mit einer erheblichen Zahl“ weiterer Plätze, die in etwa zwei Wochen nach Reihenfolge der Anmeldungen vergeben würden. Besondere Vorrechte etwa für Abgeordnete gebe es nicht.

Die außerparlamentarischen Ausbaugegner sehen kein Problem: „Wir haben uns rechtzeitig gekümmert“, sagt Ingrid Kopp, Sprecherin des Bündnisses der Bürgerinitiativen. Ohnehin wollten nur wenige die Verhandlung verfolgen, in der an diesem Tag keine Entscheidung fällt. „Die meisten bleiben lieber draußen“, sagt Kopp. Und demonstrieren.

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