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Flughafenausbau-Gegner Oswald "Ohne uns gäbe es keinen Wald mehr"

Herbert "Jossy" Oswald ist seit mehr als 30 Jahren Mitglied einer Bürgerinitiative gegen den Flughafenausbau. Auf Bäume kann er nicht mehr klettern, er sitzt im Rollstuhl. Jetzt kämpft er als Versammlungsleiter der Montagsdemos mit anderen Mitteln gegen die Expansion des Frankfurter Flughafens.

04.01.2012 19:53
Am 6. Oktober 1981 besetzen Gegner der Startbahn West am Frankfurter Flughafen das schon gerodete Gelände, graben einen 500 Meter langen Graben um ein selbst gebauten Turm. Foto: dpa

Der Aufkleber gegen Fluglärm auf dem Briefkasten ist verblasst. Doch der Kampf ist mal wieder in einer heißen Phase. Ausbremsen lässt sich Herbert Oswald nicht. Den Aufzug vom Keller bis ins Dachgeschoss hat er einbauen lassen, bevor er die Treppen seines Elternhauses nicht mehr schaffte. Die gesamte Wohnung in dem Einfamilienhaus in Mörfelden-Walldorf ist mit Handläufen ausgestattet, Bad und Flur sind barrierefrei gestaltet. Hier lebt und arbeitet der Aktivist, der in der Region bekannt ist wie ein bunter Hund.

Bei der letzten Montagsdemo des vergangenen Jahres war im Flughafen-Terminal eine Spezial-Version von Stille Nacht zu hören. Haben Sie mitgesungen?

Nein, da wären die Leute in meiner Umgebung geflüchtet.

Es geht doch nicht ums Schönsingen, sondern darum, Lärm zu machen.

Ja, es war toll, dass Julia Wolf von der Bürgerinitiative Flörsheim so viele Musiker aus ihrem Bekanntenkreis rekrutiert hat. Das war ein Zufallsorchester mit Kindern, Trompeter, Saxofonisten, Posaunisten, Trommler, Klarinette.

Sie sind Versammlungsleiter der Montagsdemonstrationen.

Ja, weil ich sie angemeldet habe.

Wie leitet man eine solche Großdemo, wenn man im Rollstuhl sitzt?

Das ist schwierig. Man müsste nämlich immer am Anfang und am Ende vom Zug zugleich sein, um zu gucken, was dort los ist. Aber das geht, weil wir ein paar gute Leute haben, die helfen.

Dann gibt es Auflagen, wie das Trillerpfeifen-Verbot. Bei zuletzt 5000 Demonstranten, die Sie gezählt haben, würde es auch einem Gehenden schwerfallen, alles im Blick zu behalten. Geht das überhaupt?

Es ist kontrollierbar, weil es Bürger sind, die nur ihr Ruhebedürfnis zum Ausdruck bringen. Auflagen gibt es immer. Das fängt bei Ordnern an und geht so weit, dass die Durchsagen gehört werden müssen. Das ist das Komplizierteste. Das Ordnungsamt begründet das Pfeifenverbot damit, dass die Sicherheit gewährleistet sein müsse. Das ist natürlich Kokolores. Fraport kann die Sicherheit auch gewährleisten, indem sie selber Warnleuchten aufstellt und sagt, bei Rot ist Ruhe, damit alle eventuelle Warnungen hören können.

Wie lösen Sie das Problem?

Wir haben selbst Warnleuchten gekauft, um die Leute auf Durchsagen aufmerksam zu machen. Das hört sonst keine Socke.

Wer selbst dabei war, sieht, dass das ein anderes Publikum ist als aus Startbahnzeiten.

Damals war das Publikum auch gemischt. Aber jetzt sind es mehr Gutsituierte, die erschrocken sind über das Ausmaß ihrer Betroffenheit.

Schlafmützen, die jahrelang gepennt haben?

Die haben gedacht, der Flughafen ist gut, weil er die Wirtschaft belebt. Der Startbahnkonflikt war ein originärer Konflikt um den Schutz der Natur, des Waldes. Ich glaube nicht, dass von den 5000, die jetzt bei der Demo waren, auch nur zehn Prozent zum Protestieren im Wald waren.

Bei der ersten Montagsdemo waren es 350 Teilnehmer, bei der jüngsten …

... waren es über 5000.

Hat Sie die Menge an Demonstranten überrascht?

Überrascht hat uns die Dynamik. Das ist eine Verzehnfachung in sechs Wochen. Das zeigt die Wut der Leute aus Flörsheim oder Hochheim, vom Lerchesberg, aus Sachsenhausen, aus Niederrad, Erbenheim. Dass sie mal vom Lärm betroffen sein würden, kam ihnen nicht in den Sinn. In Raunheim ist man den Krach gewöhnt. Jetzt passiert das in Wohngegenden, wo man nie damit gerechnet hat. Dabei, dass wir hier so groß geworden sind, spielt auch Stuttgart 21 eine Rolle.

Sie haben vor 30 Jahren gegen den Bau der Startbahn West gekämpft. Die Bahn wurde dennoch gebaut. Woher nehmen Sie die Kraft, wieder zu protestieren und wahrscheinlich gegen Wände zu laufen?

Wenn wir damals nicht gekämpft hätten und heute wieder, wäre der Ausbau viel schneller gekommen und vielleicht noch viel umfangreicher. Die Pläne liegen ja schon ewig in den Schubladen – Südbahn oder zwei Südbahnen, parallel zu den heutigen Betonpisten. Dann gäbe es südlich des Zauns überhaupt keinen Wald mehr. Wenn du nichts machst, hast du auf jeden Fall verloren. Die Aktionen an der Nordwestbahn sind ein Stück Lebensinhalt. Man kann doch nicht 30 Jahre gegen die Erweiterung des Flughafens oder gegen Atomkraft kämpfen und dann alles einfach beiseiteschieben. Wenn ich von der Krankenkasse eine Ablehnung bekomme für etwas, von dem ich glaube, dass es mir zusteht, dann nehme ich das auch nicht hin und wehre mich.

Früher waren es 224.000 Flugbewegungen - heute doppelt so viele

Die Bahn ist in Betrieb. Was können Sie jetzt noch erreichen?

Erstens: Ein Nachtflugverbot von 22 bis 6 Uhr. Man muss doch am Morgen in die Schule gehen, auf die Universität, an der Maschine stehen. Auch alte Leute brauchen ihren Schlaf, sonst werden sie nicht mehr alt. Zweitens: Es muss eine absolute Deckelung der Flugbewegungen geben.

Wie soll das aussehen?

Es kann nicht sein, dass eine Million Flugzeuge über unsere Köpfe donnern. Da ist nicht nur der Lärm, da sind auch Abgase. Zu Zeiten des Protests gegen die Startbahn West hatten wir 224.000 Flugbewegungen. Heute sind es 500.000, nun sollen es 900.000 werden. Das kann man sich gar nicht vorstellen.

Die Ostermärsche, die Demos in Mutlangen oder im Bonner Hofgarten waren politisch. Die aktuellen Proteste wirken dagegen wie eine Bürgerinitiative für ein besseres Umfeld vor der Haustür. Täuscht der Eindruck?

Schwierig. Man kann den Protest nicht isoliert sehen. Dass wir im Terminal protestieren können, haben wir der Abschiebegegnerin Julia Kümmel zu verdanken, die für das Recht auf den Protest in dem Gebäude bis zum Bundesverfassungsgericht gegangen ist. Ohne die Abschiebegegner würde Fraport das weiterhin als sein Wohnzimmer betrachten. Wir werden nur dann erfolgreich sein, wenn wir eine Verknüpfung der verschiedenen Bewegungen hinkriegen. Wenn die Anti-Lärm-Bewegung akzeptiert, dass sie Hand in Hand mit Abschiebegegnern demonstriert, wenn man die Proteste in Gorleben, in Stuttgart sieht, dann wird daraus ein gesellschaftliches Problem wie Anfang der 80er Jahre.

Was ist das verbindende Element?

Die Meinung des Bürgers wird nicht geachtet. Er ist sauer, weil über seinen Kopf hinweg entschieden wird. Er fühlt sich über den Tisch gezogen. Ich will, dass wir ein gerechteres Land bekommen, ein sozialeres.

Aber vor dem Ausbau gab es das Mediationsverfahren, die Anhörung zum Planfeststellungsverfahren, bei dem Einwender Gehör fanden.

Bei der Mediation hat die Bürgerinitiative bewusst nicht teilgenommen, weil die Null-Variante überhaupt nicht geprüft wurde, also der Nicht-Ausbau gar nicht zur Diskussion stand. Und das Nachtflugverbot war sogar in der Mediation festgeschrieben und jetzt will die Landesregierung nichts mehr davon wissen.

Hat der Protest etwas geändert?

Ja, es bewegt sich etwas. Boris Rhein setzt sich als Oberbürgermeister-Kandidat für ein Nachtflugverbot von 22 bis 6 Uhr ein. Das ist noch mehr, als das Verwaltungsgericht in Kassel gefordert hat. Der Ortsbeirat 5 in Frankfurt fordert die Stilllegung der Landebahn. Es mag sein, dass das unrealistisch ist, aber Che Guevara hat gesagt, probieren wir das Unrealistische, dann wird es realistisch. Nie hätte einer gedacht, dass solche Massen im Flughafen stehen und rufen: Die Bahn muss weg.

Hausbesitzer fühlen sich enteignet

Kriegt man da als Veranstalter eine Gänsehaut?

Schon ein wenig. Das rufen ja nicht nur junge Leute, sondern vor allem die im feinen Zwirn. Die Hausbesitzer fühlen sich durch den Lärm enteignet.

Hier liegt ein Reiseführer zum barrierefreien Reisen. Wann kommen Sie mit dem Rollstuhl an die Grenzen?

Ganz schnell. In einem anderen Land, in dem die Straßen nicht gut sind, die Gehwege zu schmal und hoch, es keinen Aufzug gibt, wo einem keiner hilft, wenn du nicht eine liebe Lebenspartnerin hast. Jeder Strand ist für mich fast unpassierbar.

Wie ist es mit der Barrierefreiheit in Deutschland?

Das entwickelt sich ganz gut, auch weil die Bevölkerung älter wird. Aber Altstädte wie etwa Rothenburg zu besuchen, ist katastrophal. So ist das eben.

Und Rathäuser, kommen Sie da ungehindert in die Besprechungsräume?

In vielen Orten gibt es Behindertenbeauftragte, die darauf achten, dass so etwas funktioniert. Aber hier in Walldorf kann ich immer noch nicht Zug fahren. Da gibt es am Bahnhof nur die Treppe. In Mörfelden gibt es zwar einen Aufzug, aber der ist ständig kaputt.

Wie kommen Sie zu den Demonstrationen? Fahren Sie noch Auto?

Selbst ans Steuer setze ich mich nicht mehr. Doch ich kann alleine mit dem Bus zum Flughafen fahren. Der Busfahrer klappt dafür eine Rampe aus. Das ist prima. Aber es ist ein anderes Kämpfen im Rollstuhl.

Sie sind in Biblis bei der Umzingelung dabei gewesen. Waren Sie mit ihrem Rollstuhl auch im Bannwald?

Man kann nicht auf die Bäume klettern. Obwohl die Leute von Robin Wood mir angeboten haben, mich mit auf die Plattform zu nehmen. An die Rundhütte im Kelsterbacher Wald zum Beispiel haben sie extra eine Rampe für mich gebaut. Das zeigt mir, dass sie mich dabeihaben wollen.

Das Interview führten Peter Hanack und Jutta Rippegather

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