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Flughafenausbau Abschied vom aktiven Protest

Jossy Oswald gibt wegen seiner Krankheit die Verantwortung für die Montagsdemos ab.

Herbert Jossy Oswald agiert künftig im Hintergrund. Foto: Andreas Arnold

Es ist eine der schwersten Entscheidungen seines Lebens. Monatelang hat Herbert Oswald, besser bekannt unter seinem Spitznamen Jossy, mit sich gehadert. Doch die Krankheit schreitet gnadenlos voran. Lässt ihm keine andere Chance, als seine Aktivitäten im Flughafenwiderstand zurückzuschrauben. „Ich werde nicht mehr in der ersten Reihe kämpfen“, entschied der 56-Jährige. Das hat er gestern Abend den Teilnehmern der 108. Montagsdemonstration gesagt und sie dann zum letzten Mal eröffnet.

Kurz ringt er um Fassung. Sein Rückzug ist kein freiwilliger. Die Multiple Sklerose schreitet weiter fort, acht Jahre im Rollstuhl fordern ihren Tribut. „Es kostet Kraft, an Ort und Stelle zu sein. Ich krieg das immer weniger hin“, sagt der Aktivist aus Mörfelden-Walldorf, der seit Ende der 70er Jahre gegen die Expansion des Flughafens kämpft. „Die Restkraft, die ich habe, brauche ich für mich selbst.“

Einzig ein Zugeständnis an seine Krankheit sei das, betont er. Ein Rückzug aus dem aktiven Protest, aber bei weitem nicht aus der Bewegung. „Ich stehe mit meiner Erfahrung weiter zur Verfügung und werde weiter Sand im Getriebe des Flughafens sein.“ Aber nun vor allem mit dem Kopf und nicht mehr mit seinem Körper in der ersten Reihe. Jeden Montag mit dem öffentlichen Bus zur Demo an den Flughafen, mit dem Rollstuhl über holprige Waldwege zum Widerstandscamp im Treburer Wald – das sind Torturen für ihn. Das viele Sitzen hat das Zwerchfell geschwächt, atmen und reden bereiten ihm zunehmend Probleme. „Außenstehende können das nicht nachvollziehen“, sagt Jossy Oswald. Und auch er hat lange gedacht, dass es irgendwie geht, vielleicht auch mal wieder besser wird.

Jetzt hat er sich durchgerungen. „Ich möchte keine Funktion mehr ausüben.“ Wenn einer Arbeit übernimmt, dann müsse er sie gut machen, lautet sein Motto. Und dafür könne er mit seiner Pflegestufe 3 nicht mehr garantieren. Ein herber Verlust, den seine Mitkämpfer beklagen. Das Bündnis der Bürgerinitiativen dankt Oswald „für seinen unermüdlichen Einsatz und die vielen Ideen und Aktionen“. Die Nachricht habe sie bedrückt, schreibt Jürgen Lamprecht von den Naturfreunden Hessen. „Gleichzeitig wissen wir, dass du weiter mit deinem Herzen bei uns und unserem gemeinsamen Kampf gegen den Moloch Flughafen dabei bist und natürlich, wenn es dein Gesundheitszustand erlaubt, auch mit deiner direkten persönlichen Unterstützung.“

Politik als Lebenselixier

Denn wer Jossy Oswald kennt, weiß, dass der Startbahn-Veteran im Rollstuhl mit dem Drei-Tage-Bart jetzt nicht in seiner Wohnung in Walldorf Däumchen drehen wird. Die Verantwortung für die Ausrichtung der Montagsdemonstrationen im Terminal 1 hat das Team um den Frankfurter Jochen Krauß übernommen. Diese Pflicht lastet nicht mehr auf ihm. Jetzt kann er sich weniger kräftezehrenden Aktivitäten widmen, seine Zeit und Kraft nach Tagesform einteilen. Vielleicht auch ein Buch schreiben. „Ich bin ja nicht tot.“

Denn für den einstigen DKP-Mann gehört die Politik zum Leben. Und sie ist sein Elixier: Es hat ihm Kraft gegeben, dass der Widerstand nach Eröffnung der Nordwest-Landebahn breite Bevölkerungsgruppen erfasst hat. „Keiner hätte gedacht, dass die Montagsdemos so lange anhalten.“ Sein Wunsch für die Zukunft ist, dass nicht nur Lärm und Werteverlust der Immobilien im Mittelpunkt des Protests stehen, sondern der globale Zusammenhang, in dem der Flughafen agiert.

„Landschaftsverbrauch, die Folgen für die Pflanzen- und Tierwelt“ sei so ein Thema, der „Egoismus“ der Flughafenbetreiber, der die Rechte jahrtausendealter Siedlungen ignoriere. Das Jobmaschinen-Argument, das unterschlage, wie viele Arbeitskräfte durch die Flugverkehrswirtschaft verloren gingen: „Produkte, die früher hier hergestellt wurden, werden aus Billiglohnländern importiert.“ Deutsche Krabben würden zum Pulen nach Marokko geflogen. Der Wasserverbrauch des Flughafens entspreche einer Kleinstadt. „Wir müssen die Zusammenhänge deutlich machen“, sagt der 56-Jährige. Dafür werde er sich auch künftig engagieren. „Ich muss zwar auf meine Gesundheit achten, doch so weit es geht, werde ich mich weiter einmischen.“

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