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Flughafen Harsche Kritik am totalen Nachtflugverbot

Der Chef des Flughafens klagt über das nächtliche Flugverbot über Frankfurt - die Planungen der Fluggesellschaften seien "vollkommen über den Haufen geworfen“. Lufthansa-Chef Franz fordert, die Eröffnung der neuen Landebahn zu verschieben.

15.10.2011 14:33
Stefan Schulte vor einer Animation der neuen Landebahn am Frankfurter Flughafen. Foto: dapd

Turbulenzen um die neue Landebahn: Der Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport hat die Forderung von Lufthansa-Chef Christoph Franz, die Eröffnung der neuen Piste zu verschieben, entschieden zurückgewiesen. Man werde die Landebahn wie geplant am kommenden Freitag in Betrieb nehmen, teilte das Unternehmen am Sonntag in Frankfurt mit. „Eine zeitliche Verschiebung der Inbetriebnahme der neuen Bahn steht für Fraport nicht zur Debatte“, heißt es in der Mitteilung. „Wir gehen davon aus, dass die Landebahn wie geplant in Betrieb genommen wird“, sagte auch ein Sprecher des Wirtschaftsministeriums.

Franz hatte mit Blick auf die jüngste Entscheidung zum Nachtflugverbot im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ verlangt, die Nordwestbahn erst dann in Betrieb zu nehmen, wenn das Bundesverwaltungsgericht über die Nachtflugregelung entschieden hat. Die vom Hessischen Verwaltungsgerichtshof (VGH) getroffene Entscheidung sei völlig unverständlich und „ein klarer Rückschlag für den Standort Deutschland“, sagte der Manager.

Der VGH hatte vergangenen Dienstag ein komplettes Nachtflugverbot vom 30. Oktober an verhängt. In der Ausbaugenehmigung hatte die Landesregierung Nachtflüge zwar untersagt, aber 17 Ausnahmen zugelassen. Mit der Nordwestlandebahn soll die Zahl der Starts und Landungen in Frankfurt um bis zu 50 Prozent erhöht werden.

Der Flughafenverband ADV wies die Forderung der Lufthansa „bei allem Verständnis für die schwierige Lage“ des Unternehmens zurück. „Auf eine planmäßige Eröffnung der neuen Bahn kann und darf nicht verzichtet werden“, sagte Hauptgeschäftsführer Ralph Beisel.

Lufthansa-Chef Franz betonte, betroffen von dem Nachtflugverbot sei vor allem die Fracht, die sich teilweise andere Wege über ausländische Flughäfen suchen werde. „Der Preis für die neue Landebahn ist mit dem totalen Nachtflugverbot zu hoch.“

Der Fraktionsvorsitzende der Grünen, Tarek Al-Wazir, wertete die Forderung der Lufthansa unterdessen als einen „Gipfel des Irrsinns“. „Das Nachtflugverbot war der Preis für den Ausbau. Wenn der Preis zu hoch ist, hätte Lufthansa sich von Anfang an gegen den Ausbau aussprechen müssen“, sagte er.

Flughafen-Chef kritisiert Nachtflug-Verbot

Der Frankfurter Flughafen-Chef Stefan Schulte hat das gerichtlich verfügte Verbot sämtlicher Nachtflüge in Frankfurt am Main indes scharf kritisiert. Der Beschluss des Hessischen Verwaltungsgerichtshofs sei völlig überraschend gekommen, beklagte der Vorstandsvorsitzende der Fraport AG in einem Interview der Nachrichtenagentur dapd. Damit würden alle bisherigen Planungen der Fluggesellschaften „völlig über den Haufen geworfen“.

Noch schlimmer sei, dass so extrem kurzfristig vor Beginn des Winterflugplans Veränderungen in den weltweiten Flugplänen gar nicht mehr oder nur mit erheblichen Friktionen möglich seien. Schließlich seien die 14 von den Airlines beantragten Flüge zwischen 23 Uhr abends und 5 Uhr morgens vom Flughafen-Koordinator genehmigt worden. Und bei diesem handele es sich um eine unabhängige nationale Einrichtung, die mit den Flughafen-Koordinatoren anderer Nationen die weltweiten Verbindungen mit jedem Flugplan neu festlege.

Schulte wies darauf hin, dass Frankfurt der größte Umschlagplatz von Luftfracht in Deutschland und auch die Nummer Eins in Europa ist. „Natürlich ist diese vor allem so überraschende und kurzfristige Entscheidung weder für die betroffenen Airlines, den Hub Frankfurt noch die Logistik-Region Rhein-Main insgesamt positiv - ganz im Gegenteil“, fügte Schulte hinzu.

Nach seinen Angaben wird Fraport alles in allem 150 Millionen Euro in den passiven Schallschutz von Anwohnern investieren. Das Geld dafür werde ohne öffentliche Subventionen zu 100 Prozent durch den Luftverkehr aufgebracht. Finanziert werde dies unter anderem über das System von Tickets und Flugbewegungen. Schulte versicherte, es werde beim Schutz der Anwohner vor Fluglärm keine bürokratische Vorabfestlegung geben. Stattdessen werde auf der Basis individueller Begutachtung entschieden, welche baulichen Veränderungen nötig seien, um den gesetzlich vorgeschriebenen Dämmeffekt zu bewirken.

Koch sieht internationale Frachtversorgung in Gefahr

Der frühere hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU) hat das vom Hessischen Verwaltungsgerichtshof (VGH) verhängte Nachtflugverbot am Frankfurter Flughafen kritisiert. Das könne die Strukturen internationaler Frachtversorgung zerstören, sagte Koch der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (Samstag). Koch ist inzwischen Vorstandschef des Bau- und Dienstleistungskonzerns Bilfinger Berger. Er respektiere zwar die Entscheidung der obersten hessischen Verwaltungsrichter. Zum Teil könne er sie aber „nicht nachvollziehen“, sagte der Jurist.

Der VGH hatte am Dienstag ein Nachtflugverbot vom 30. Oktober an beschlossen. Endgültig Entscheiden muss das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig. Am 21. Oktober wird im Beisein von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die neue, umstrittene Nordwest-Landebahn eröffnet. Der Ausbau des Frankfurter Flughafens hat für Koch einen besonderen Stellenwert: Es sei sicher die wichtigste Entscheidung seines politischen Lebens gewesen.

Laut Koch wäre es sinnvoller gewesen, wenn die derzeit rund 50 Nachtflüge in zwei Stufen reduziert würden. Er verteidigte den Ausbau des größten deutschen Flughafens, an dem er politisch mitgewirkt hatte: „Der Nichtausbau des Frankfurter Flughafens hätte dauerhaft die Kapazität auf rund 50 Millionen Passagiere pro Jahr beschränkt und die Region im weltweiten Wettbewerb immer weiter zurückgeworfen.“

Für ihn sei es damals sehr schwer gewesen, dass eine geringe Zahl von Nachtflügen zugelassen werde, sagte Koch rückblickend. Angesichts der Proteste wegen des Fluglärms räumte Koch ein, dass der Luftverkehr den Menschen in der Region schon einiges zumute. „Politik hat aber nun mal die Pflicht, nicht nur Wohltaten zu verteilen, sondern sie ist auch für die Verteilung von Lasten zuständig.“ Das Rhein-Main-Gebiet müsse wissen, dass dies der Preis für den Wohlstand in „einer pulsierenden Herzkammer der Weltwirtschaft“ sei.
Der Geschäftsführer der Deutschen Flugsicherung, Ralph Riedle, sagte der „Frankfurter Neuen Presse“ (Samstag), zum Thema Landebahn und Fluglärm: „Im Luftraum ist noch Platz, es ist nur die Frage, wie man ihn nutzt, um mehr Flugverkehr sicher abzuwickeln.“ (dpa/dapd)

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