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Flughafen Frankfurt Fluglärm: „Wir halten es nicht mehr aus“

Seit der Eröffnung der Nordwestbahn stört der Fluglärm massiv. Viele Flörsheimer Hausbesitzer resignieren - manche nur noch schnell weg.

In wenigen hundert Metern höhe donnern die Flugzeuge über Flörsheim. Foto: Rolf Oeser

Petra Klee wollte nie aus Flörsheim wegziehen. „Ich bin in der Stadt aufgewachsen, meine ganze Familie lebt hier“, sagt die Mutter von drei Kindern. Das Haus in der Lahnstraße im Neubaugebiet Nord haben sie und ihr Mann in den 90er Jahren gebaut. „Es ist unser Traumhaus“, sagt Petra Klee. „Wir waren glücklich hier.“

Von Glück kann seit Inbetriebnahme der neuen Landebahn auf dem Frankfurter Flughafen keine Rede mehr sein. Die Klees sind verzweifelt. Im Minutentakt dröhnen seit dem 21. Oktober Flugzeuge über ihr Haus – mit brüllenden Turbinen und zur Landung ausgeklapptem Fahrwerk. Kaum mehr als 200 Meter sind die Flieger hoch. Sie kommen nur bei Ostwind. Doch Ostwind ist momentan fast immer. „Wir halten es nicht mehr aus“, sagt Petra Klee. Sie klingt resigniert. „Ich habe keine Hoffnung, dass es besser wird.“ Schon im Haus sei der Lärm kaum die auszuhalten, ganz zu schweigen vom Garten. „Den können wir überhaupt nicht mehr nutzen.“

Die Klees wollen weg. So schnell wie möglich. Der Gutachter, der das Haus in der Lahnstraße schätzen soll, ist schon bestellt. Die Fraport wird ihn schicken, denn das Haus steht in der sogenannten Kernzone des Casa-Programms, in dem der Flughafenbetreiber freiwillig Immobilien aufkauft, die von Fluglärm besonders stark betroffen sind. „Wir bekommen ein Angebot“, sagt Petra Klee. „Dann müssen wir weitersehen.“

Enttäuscht vom Angebot der Fraport

Gabriele Hartung hat bereits ein solches Angebot bekommen. Als sie den Brief der Fraport öffnete, sei sie entsetzt gewesen, erzählt sie. Der Gutachter hatte den Wert ihres Hauses in der Werner-von-Siemens-Straße um gut 20 Prozent niedriger taxiert, als sie und ihr Mann erwartet hatten. „Uns war klar, dass eine hochwertige Küche, ein handgefertigter Kachelofen und ein aufwendig gestalteter Garten den Wert nicht nach oben schrauben, aber mit so wenig haben wir nicht gerechnet“, sagt die Flörsheimerin. Wie der Preis zustande gekommen ist, weiß Gabriele Hartung bis heute nicht. Das von Fraport beauftragte Gutachten habe sie nicht einsehen dürfen, sagt sie.

Ein Jahr lang versuchten die Hartungs mit dem Flughafenbetreiber zu verhandeln. Stets kam nur die lapidare Antwort: „Das ist ein freiwilliges Angebot, sie müssen es ja nicht annehmen.“ Auch privat hätten sie und ihr Mann versucht, zu verkaufen, sagt Gabriele Hartung. „Wir hatten drei Makler da. Sie haben uns alle signalisiert: Diese Immobilie ist im Grund unverkäuflich.“

Nach monatelangem fruchtlosen Briefwechsel war das Paar mürbe. „Wir haben den Preis akzeptiert“, sagt Gabriele Hartung. „Uns war klar, dass wir nach Inbetriebnahme der Nordwestbahn hier nicht mehr würden leben können.“ Geld ist noch keines geflossen, doch der Vertrag in trockenen Tüchern. Das Paar will im kommenden Frühjahr umziehen. In einer ruhigen Ecke von Hochheim haben sie ein Grundstück gekauft. Dort entsteht ihr neues Haus, es ist im Rohbau fertig.

Der Flughafen in der Nachbarschaft

Eine Ecke weiter, in der Rudolf-Diesel-Straße, können Bettina und Gerhard Bill momentan nur davon träumen, Flörsheim zu verlassen. Ihr Haus, in dem sie mit ihren vier Kindern wohnen, steht ein paar Meter neben dem Korridor, in dem Fraport Häuser aufkauft. Leiser ist es deswegen nicht. Weil die Piloten sich offenbar nicht an die in den Plänen des Planfeststellungsverfahrens eingezeichneten Routen halten, donnert auch bei den Bills der erste Flieger um fünf Uhr morgens übers Haus. „Man meint, das Flugzeug landet im Schlafzimmer. Wir stehen dann alle kerzengrade im Bett“, erzählt die 42- Jährige. Bettina Bill hatte in den vergangenen zwei Wochen zwei schwere Migräneanfälle, leidet unter Herzrasen. Auch die Kinder seien komplett durch den Wind, sagt sie. Knapp 90 Dezibel hat ein Fernsehteam unlängst während eines Überflugs in ihrem Garten gemessen. Das ist so laut wie ein Presslufthammer.

Das permanente Dröhnen am Himmel treibt die Bills zur Verzweiflung. Auch sie wollen so schnell wie möglich weg. Doch wie, wenn das eigene Haus noch längst nicht abbezahlt ist und sich vermutlich noch nicht einmal ein Käufer auf dem freien Markt findet? Bettina Bill und ihr Mann haben ihr gesamtes Erspartes ins Haus investiert, einen Umzug könnten sie sich finanziell momentan nicht leisten. Als Ausgleich für den Lärm bietet Fraport eine einmalige Zahlung von 100 Euro pro Quadratmeter an.

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