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Flughafen Frankfurt Fluglärm Flucht aus der Lärmhölle

Viele Flörsheimer wollen ihre Stadt verlassen. Das Städtchen liegt genau unter der Einflugschneise für Rhein-Main. Flughafenbetreiber Fraport kauft derweil dort die Immobilien auf. Ein Drittel der Casa-Häuser hat Fraport bald.

Der Himmel über Flörsheim. Foto: Michael Schick

In ihrem Lärmtagebuch hat sich Monika K. (Name von der Redaktion geändert) den Frust von der Seele geschrieben: „Um 5.30 Uhr werden wir jeden Morgen aus dem Schlaf gerissen“, notiert die Flörsheimerin Ende Oktober 2011. „Dann geht es Schlag auf Schlag, bis in den Abend hinein. Wir kommen überhaupt nicht mehr zur Ruhe. Es ist die Hölle.“ Kurze Zeit später steht für sie fest: „Wir müssen hier weg. Sonst sind wir bald völlig am Ende.“

Monika K. möchte ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen. Zu oft haben sie und ihr Mann Hohn und Spott ertragen müssen, mokierten sich wildfremde Menschen darüber, dass sie überhaupt nach Flörsheim gezogen sind, „wo doch angeblich jeder wusste, wie laut es hier wird.“ Monika K. schüttelt den Kopf. Nichts hätten sie gewusst. Als die K.s Ende der 90er Jahre das Reihenhaus im Norden Flörsheims kauften, über das heute fast exakt die Einfluglinie zur Nordwest-Landebahn führt, hätten sie keine Ahnung gehabt, was auf sie zukommt. Erst Monate später habe der damalige Ministerpräsident Roland Koch (CDU) verkündet, dass die Landebahn im Kelsterbacher Wald gebaut wird. „Das war für uns ein unglaublicher Schlag ins Kontor“, erinnert sich Monika K.

Hart traf es die Familie, als am 21. Oktober vergangenen Jahres die Nordwestbahn in Betrieb ging. Mit Tränen in den Augen seien sie und die Nachbarn damals im Garten gestanden, über den im Zwei-Minuten-Takt die Jets mit ausgefahrenen Landeklappen und zur Landung bereitem Fahrwerk hinwegdonnerten. „Wir wussten: Jetzt haben wir alles verloren.“
Ein knappes Jahr später sitzt Monika K. auf der Couch im Wohnzimmer ihres Reihenhauses. Die 49-Jährige wirkt gefasst. Den Entschluss, Flörsheim zu verlassen, hat die Familie schon vor Monaten gefasst. Das permanente Getöse über ihrem Kopf könne sie einfach nicht ertragen, sagt Monika K. „Hilflos, eingeengt, ohnmächtig“ – Worte könnten nur unzureichend beschrieben, was in ihr vorgehe, wenn die Flieger in weniger als 270 Metern Höhe auf die Landebahn zusteuern, sagt sie.

Seit Monaten schaut sich die Familie nach einer neuen Bleibe um. Ihr Haus liegt in der erweiterten Kernzone des Programms Casa II – dort, wo Fraport wegen des Fluglärms freiwillig Immobilien aufkauft. Die K.s wollen ihr Haus dem Flughafenbetreiber zum Kauf anbieten. Die Antragsunterlagen haben sie aber noch nicht abgeschickt. „Wir wollen keinen hektischen Schnellschuss machen“, erklärt Monika K. Erst soll die Tochter ihr Abitur machen, dann werden sie die Stadt verlassen – schweren Herzens, weil sie sich einen Freundeskreis aufgebaut haben, in Vereinen engagieren, Flörsheim eine perfekte Infrastruktur für Familien hat.

Die Nachbarn links und rechts sind bereits ausgezogen, auch hinter vielen anderen Fenstern in der Straße hängen keine Gardinen mehr. Monika K.s beste Freundin hat ihr Haus an den Flughafenbetreiber verkauft. Zwei Dutzend Familien aus ihrem Bekanntenkreis wollen ebenfalls weg aus Flörsheim. „Wir wissen, wir sind nicht die einzigen“, sagt Monika K.

Familie T. (Name von der Redaktion geändert) ist schon einen Schritt weiter. Die T.s haben ihre Doppelhaushälfte, die ebenfalls in der Einflugschneise zur Nordwestlandebahn steht, vor wenigen Wochen an Fraport verkauft. Wenn Kathrin T. von dem Gutachter erzählt, der jedes einzelne Zimmer, den Balkon und die Terrasse haarklein vergemessen hat, wird ihre Stimme laut und hektisch. „Wir haben die Schätzung anschließend noch nicht mal zu Gesicht bekommen“, sagt die 47-Jährige. „Man fühlt sich vollkommen rechtlos.“ Die hochwertige Küche, der mit viel Liebe angelegte Garten, die teuren Granitböden – alles Dinge, die für Fraport offenbar keine Rolle bei der Ermittlung des Kaufpreises spielten. „Man hat uns gesagt: „Sie können das Angebot annehmen oder ablehnen, es ist freiwillig“, sagt Kathrin T.

Die T.s unterschrieben, zähneknirschend. Sie haben mittlerweile ein Grundstück zwischen Wiesbaden und Limburg gefunden, wo sie für sich und ihre Kinder ein neues Haus bauen wollen. Zum zweiten Mal werden sie sich hoch verschulden, den Kredit bis ins Rentenalter hinein abbezahlen.

Bis das neue Haus fertigt ist, mieten sie ihr altes für 7,50 Euro pro Quadratmeter von Fraport zurück. Drei Monatsmieten Kaution haben sie hinterlegt, müssen für den Stellplatz bezahlen, kleinere Reparaturen selbst erledigen. Kathrin T. spricht von einem „Knebelvertrag“ – „und das von dem Vermieter, der uns diese ganze Lärmmisere erst eingebrockt hat, der unsere gesamte Lebensplanung auf den Kopf stellt.“ Die Kinder der T.s hatten schwer damit zu kämpfen, dass sie aus Flörsheim wegziehen sollen. „Mittlerweile haben sie es verkraftet“, sagt Kathrin T. „Auch weil sie merken, dass sich unser ganzer Bekanntenkreis langsam auflöst.“

Noch zu Beginn dieses Jahres waren sich Kathrin T. und ihr Mann unschlüssig, ob sie aus Flörsheim flüchten oder bleiben sollten. Bei fast jeder Montagsdemo im Flughafenterminal war die Familie dabei, hat Reportern Interviews gegeben, in Zeitungen und im Fernsehen ihrer Verzweiflung Luft gemacht über das Dauerdröhnen über ihrem Haus, das so laut ist wie ein Presslufthammer. Im Internet wurden die T.s dafür übelst angegangen. „Man hat uns nur noch als blöde Querulanten hingestellt, die alles geschenkt bekommen haben“, sagt Kathrin T. „Wir haben abendelang geheult, weil wir nicht wussten, was wir machen sollen.“

Ihre letzte Hoffnung seien die Leipziger Bundesverwaltungsrichter gewesen. Als diese Ende Februar den Betrieb der Nordwestbahn durch ihr Urteil bestätigten, „war klar, dass uns hier nichts mehr hält. Wir haben noch unser halbes Leben vor uns, und wir müssen uns und unsere Kinder schützen“, sagt Kathrin T.

Die Flörsheimerin, die mittlerweile versucht, ihre blank liegenden Nerven mit Medikamenten zu beruhigen, will weiter auf Demonstrationen gehen, ihren Namen mag sie aber nicht mehr veröffentlicht sehen. „Aus Selbstschutz“, wie sie sagt. „Und weil ich keine Energie mehr in diese unbändige Wut und Verzweiflung stecken will. Ich will nur noch weg hier und nach vorne schauen.“

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