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30 Jahre Startbahn-West Protest ändert Politik

Am 12. April vor 30 Jahren wurde die Startbahn-West am Frankfurter Flughafen eröffnet. Vorausgegangen waren Proteste, die das Leben von Dirk Treber und vielen anderen Menschen in der Region nachhaltig verändert haben. Auch jetzt demonstrieren viele wieder gegen die Zerstörung der Lebensqualität.

Startbahn West wird 30
Ein Bild, das Geschichte schrieb: Hilflosigkeit im Hüttendorf bei der Räumung. Foto: dpa

Herr Treber, besitzen Sie noch Startbahn-Devotionalien?
Einen Strohhut, den uns damals die Delegation aus dem japanischen Narita bei ihrem Besuch überreicht hat. Das ist ein Flughafen bei Tokio. Dann habe ich noch einen Brocken aus Beton stehen, der damals aus einer Mauer rausgebrochen wurde.

Welche Szene fällt ihnen spontan ein zum Startbahnprotest?
Ganz wichtig war der Tag, als wir die BI-Hütte im Morgengrauen im Flörsheimer Wald aufgebaut haben. Das war eine bewusste Aktion des zivilen Ungehorsams. Wir wollten ein Zeichen setzen und sind damit auf große Resonanz und Solidarität gestoßen.

Der Flughafen hat ihr Leben geprägt?
Das kann man so sagen. Er hat mich seit Ende der 70er Jahre begleitet. Als 1984 die Startbahn West eröffnet wurde, haben wir in Mörfelden zum ersten Mal Fluglärm gespürt. Ein großes Stück Wald wurde abgeholzt. Die Umweltbewegung hat angefangen. Ich habe mich auch gegen den Bau von Atomkraftwerken engagiert und in der Friedensbewegung.

Haben Sie damals im Hüttendorf übernachtete?
Die BIs hatten sich die Tage aufgeteilt. Von Montag auf Dienstag war die Mörfelder BI im Wald. Als es später das Hüttendorf gab, habe ich immer in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag dort übernachtet, bin in der Früh heim zum Duschen gefahren und dann zur Arbeit nach Frankfurt. Man hat sich identifiziert mit dem Versuch eines alternativen und selbstbestimmten Lebens. Das war eine große Protestaktion, die viel Resonanz in der Bürgerschaft gefunden hat. Das hatten wir so nicht erwartet.

„Die Startbahnbewegung war 1982 ausgelaufen“

Die Startbahn wurde trotzdem vor 30 Jahren eröffnet. Was überwiegte – Frust oder Wut?
Einerseits gab es das Gefühl einer Niederlage, andererseits ist es uns gelungen, das politische Klima auch ökologisch zu sensibilisieren. Ich bin über die Startbahnbewegung als Grüner in den Hessischen Landtag gewählt worden. Wir haben in dieser gesellschaftspolitischen Situation vieles verhindern können.

Zum Beispiel?
In Nordhessen war eine Wiederaufbereitungsanlage geplant. In Biblis sollte noch ein Block C gebaut werden. Es gab noch einige Pläne wie die Verfüllung der Grube Messel mit Hausmüll, die Giftmülldeponie in Mainhausen, der dritte Block bei der HIM in Biebesheim und eine ganze Menge Straßenprojekte. Die wurden nicht realisiert, weil es eine entsprechende Stimmung in der Bevölkerung gab.

Kommen wir zu den Schattenseiten. Die Startbahn war eröffnet, es gab die Sonntagsspaziergänge, dann fielen die Schüsse. Was hat das mit der Bewegung gemacht?
Eigentlich nichts. Die Startbahnbewegung war 1982 ausgelaufen. Zu den Sonntagsspaziergängen kamen manchmal noch 1000 Menschen. Zur Inbetriebnahme am 12. April gab es eine große Satire-Aktion, aber ansonsten waren die BI-Aktivitäten nicht mehr besonders groß. Die Schüsse aus dem Umfeld von Autonomen und Linksradikalen hatte mit der Bürgerbewegung Startbahn West nichts zu tun.

Aber es hat Ihnen Sympathien bei den Normalbürgern verscherzt, oder?
Natürlich. Das war insofern der Schlusspunkt, als danach überhaupt nichts mehr passierte. Erst acht Jahre später gab es im Zusammenhang mit Cargo City Süd erste Bürgerproteste in ganz kleinem Umfang gab. Das Ende der Bewegung war, als das Hüttendorf geräumt worden ist und es den großen Streit wegen so genannten nackten Samstags gab.

Nackter Samstag?
Eine Delegation der Demonstranten, zum Schluss waren nur noch fünf übrig geblieben, sind spärlich bekleidet über den Zaun geklettert, um mit dem damaligen Innenminister Gries zu verhandeln, der dann auch ein Moratorium zugesagt hat. Dies Aktion war sehr umstritten, weil ursprünglich möglichst viele Demonstranten den Platz besetzen und zurückerobern sollten. Weil das nicht zustande kam, gab es stundenlange Diskussionen, wie man weiter vorgehen soll.

Und wie ging man weiter vor?
Am 14. November wurde die Unterschriftenliste für das Volksbegehren übergeben, tags darauf fand die sogenannte Besichtigungsaktion am Flughafen mit gewaltsamen Szenen statt, die das Bild in den nächsten Wochen bestimmte. Wir waren nicht mehr die gewaltfreie Bewegung.

Sie haben trotzdem weiter gemacht. Was treibt Sie an?
Die Belastung hat zugenommen. Es gibt auch Leute, die fühlen sich nicht betroffen, andere ziehen weg. Oder man versucht, weiter zu kämpfen. Es geht nicht nur um Fluglärm, sondern allgemein um mehr Lebensqualität hier im Rhein-Main-Gebiet. Dass nicht noch mehr Wald verloren geht, noch mehr Arbeitsplätze am Flughafen konzentriert werden, unter denen die ganze soziale und wirtschaftliche Struktur im Umland leidet.

Haben Sie dem SPD-Ministerpräsidenten Börner geglaubt, dass nach der Startbahn Schluss ist mit dem Ausbau?
Nein. Die SPD hat immer sehr vorsichtig agiert. Die Arbeitsplätze und die ganze Entwicklung des Flughafens hat bei ihr einen großen Stellenwert. Die erste rot-grüne Koalition Anfang der 90er Jahre hatte vereinbart, dass nur innerhalb des Zauns erweitert wird, den Wald rund um den Flughafen zum Bannwald erklärt. Das hat bis 2002 gehalten. Bis Eichel das Mediationsverfahren startete.

Ein geschickter Schachzug?
Ein Mittel, um Akzeptanz zu schaffen. Den Bürgern wurde versprochen, dass sie nach dem Ausbau das Nachtflugverbot bekommen. Das ist einer der Gründe dafür, dass nur sehr wenige protestiert haben. Die großen Betroffenheit kam erst, als der Fluglärm spürbar wurde.

Es wurde peu à peu weiter ausgebaut. Cargo City Süd, dann die Nordwestbahn. Im Vergleich war der Protest im Wald überschaubar. Erst als die Piste eröffnet war, ging es richtig los. Hat Sie das geärgert?
Das hat mich und andere, die lange aktiv waren, schon geärgert. Die Ursache für den Fluglärm ist der Ausbau. Deshalb hätte man von vornherein dagegen demonstrieren müssen.

Interessant ist auch, dass die Klientel eine andere ist als damals im Wald. Wie kommt das?
Die Flieger gehen jetzt über Wohngegenden hinweg wo Menschen leben, die besser verdienen. Viele haben in der Gesellschaft eine etwas herausgehobene Stellung und sehen sich jetzt massiv in ihrer Lebensqualität beeinträchtigt. Die gehen jetzt auf die Straße und protestieren, das ist hochinteressant. Es hat viele neue Kontakte gegeben.

Haben Sie nie mit dem Gedanken gespielt wegzuziehen?
Schon. Aber da würde ich mir die ganzen sozialen Wurzeln abschneiden. Es ist wichtig dass Menschen sich weiter für Lebensqualität einsetzen. Der Flughafen muss Grenzen haben, kann nicht immer weiter wachsen auf Kosten der menschlichen Gesundheit und der Natur.

Erwarten Sie Unterstützung von Schwarz-Grün in Wiesbaden?
Sie haben einiges zum Flughafen in ihren Koalitionsvertrag geschrieben. Aber bislang ist davon nichts zu merken. Selbst wenn es geringfügige Verbesserungen gibt, wird es nicht der große Wurf. Ich weiß nicht wie man einerseits die Wettbewerbsfähigkeit des Flughafens garantieren kann und andererseits die Lebensqualität der Menschen hier. Das ist die Quadratur des Kreises.

Interview: Jutta Rippegather

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