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Flüchtlinge Von Damaskus nach Isenburg

Innerhalb weniger Tage ist eine neue Flüchtlingsunterkunft in Neu-Isenburg entstanden. Die Hilfe vor Ort muss sich erst noch einspielen.

Die Geschwister Reyhan (6) und Bassira (10) kommen aus Kandahar in Afghanistan. Foto: Monika Müller

Ahmad Almasri ist überglücklich und extrem besorgt zugleich. Er sei froh, endlich in Deutschland und damit in Sicherheit zu sein, sagt der Syrer, der zuletzt in Damaskus als Mathelehrer gearbeitet hat und mit seiner Tochter Raghad vor dem Bürgerkrieg geflohen ist. Aber seine anderen drei Töchter seien immer noch in Damaskus, sagt Almasri und legt seine rechte Hand auf die Brust, dorthin, wo das Herz schlägt. „Es zerreißt mich, wirklich“, sagt er. „Ich habe so viel Angst, dass ihnen etwas zustößt.“ Jetzt, wo er in Deutschland sei, wolle er alle Hebel in Bewegung setzen, um seine restliche Familie nachzuholen.

Übers Wochenende ist die europäische Flüchtlingskrise mit all ihren Facetten in Neu-Isenburg angekommen. In der Rathenaustraße, auf dem ehemaligen Gelände der Druckerei der Frankfurter Rundschau, ist in Windeseile eine Notunterkunft aus dem Boden gestampft worden, am Zaun hängen noch die bunten Luftballons, die Helfer am Samstag aufgehängt haben, um die Flüchtlinge willkommen zu heißen. Hinter der Absperrung steht ein wahrer Fuhrpark von Caritas und Deutschem Rotem Kreuz, davor stehen Sicherheitsleute. Immer wieder verlassen Flüchtlinge in kleineren Gruppen das Gelände, um sich einen Eindruck von ihrer neuen Umgebung zu machen.

Ahmad Almasri und seine zehnjährige Tochter haben auf ihrem Weg nach Neu-Isenburg eine wahre Odyssee hinter sich gebracht. „Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn, Österreich, Deutschland“, zählt Almasri ihre Route auf. Zuletzt, in Ungarn, da sei es am schlimmsten gewesen, sagt er. „Ich hatte das Gefühl, alle Leute hassen uns. Sie haben immer nur gesagt: Geht doch zurück nach Syrien.“

Die Kinder posieren für Fotos

Vor allem die ungarische Polizei sei übel mit ihnen umgesprungen, an der Grenze seien sie sogar mit Pfefferspray besprüht worden, erzählt Almasri. Sie hätten keinen anderen Ausweg gesehen, als sich dem Flüchtlingsfußmarsch von Budapest in Richtung Österreich anzuschließen. Und jetzt, hier in Deutschland sei alles so viel besser, die Leute seien höflich, die Unterkunft zwar voll und trubelig, aber dafür sicher. „Ich wünsche mir wirklich, dass ich irgendetwas tun kann, um in diesem tollen Land nützlich zu sein“, sagt Almasri. „Und dass meine Tochter einmal studieren kann.“

Etwas weiter vorne, an einem der Eingangstore, steht Farzana Arsalahn. Die junge Frau, die in Stuttgart geboren und aufgewachsen ist und jetzt in Mörfelden-Walldorf lebt, will nach ihrem Cousin und dessen Familie sehen. Auch sie sind gerade erst in Deutschland angekommen, sie sind aus Kandahar im Süden Afghanistans geflohen. „Es ist für sie auf jeden Fall eine große Erleichterung, dass sie jetzt hier sind“, sagt Arsalahn, die für ihren Cousin übersetzt. „Auch wenn man noch nicht weiß, wie es jetzt weitergeht.“ 40 Tage sei die Familie unterwegs gewesen, mit unterschiedlichen Verkehrsmitteln, ebenfalls über Mazedonien, Serbien und Ungarn. Jetzt hofften sie vor allem, dass die zehnjährige Bassira und der sechs Jahre alte Reyhan eine gute Bildung und irgendwann einmal auch gute Jobs bekommen könnten. Die beiden Kinder posieren derweil ohne Scheu und mit sichtlichem Vergnügen für ein paar Fotos.

Farzana Arsalahn will ihren Verwandten die Ankunft in der nächsten Zeit ein bisschen erleichtern. Bislang dürfe sie allerdings nicht mal auf das Gelände der Unterkunft, sagt sie, beim zuständigen Regierungspräsidium Darmstadt erreiche sie auch niemanden. Sie würde ihre Angehörigen auch gerne mal mit zu sich nehmen, aber das sei wegen der bürokratischen Hürden nicht so leicht. „Aber das soll keine Kritik sein“, sagt Arsalahn. „Das muss sich ja erst alles einspielen.“
Auch die Hilfe für die Flüchtlinge muss sich in Neu-Isenburg erst noch richtig einspielen. „Wir werden gerade mit Anfragen und Spenden überflutet“, steht auf einem Poster, das die Stadt Neu-Isenburg und der Kreis Offenbach an den Eingangstoren zum Gelände aufgehängt haben. „Leider können keine Sachspenden in der Feuerwehr Neu-Isenburg mehr angenommen werden“, heißt es auf dem Schild weiter, und: „Wir können aus hygienischen Gründen keine Lebensmittel annehmen. Die Flüchtlinge sind ausreichend versorgt!“ Die Stadt sei gerade eben noch dabei, beim Dienstleistungsbetrieb Neu-Isenburg in der Offenbacher Straße eine Spenden-Annahmestelle einzurichten.

Die Organisation funktioniert noch nicht recht

Wenn es nach Renate Kaul und ihrer Mitstreiterin von der Flüchtlingshilfe Neu-Isenburg ginge, könnten die vielen hilfsbereiten Bürger vor Ort ruhig schneller eingebunden werden. „Wir sind echt stinkesauer“, sagt Kaul. Schon seit Tagen sammele und sortiere man Kleidung für die Flüchtlinge, aber man dürfe sie derzeit nicht in der Notunterkunft abgeben oder selbst verteilen. „Die Menschen haben oft keine richtigen Schuhe und nichts Warmes zum Anziehen“, sagt Kaul. „Ich hoffe wirklich, dass die Bürokratie jetzt schnell etwas runtergeschraubt wird.“
Auch das Pärchen, das mit drei großen Einkaufstüten voller Rasierer, Duschgel, Zahnbürsten und anderen Hygieneartikeln extra aus Frankfurt zu der Unterkunft gefahren ist, staunt nicht schlecht, als ihnen ein Sicherheitsmann sagt, dass sie ihre Spenden hier gerade nicht abgeben können. Ziemlich enttäuscht ziehen die beiden wieder ab, sie wollen versuchen, die Sachen woanders abzugeben.

Ahmad Almasri und Raghad wollen jetzt weiter, in Richtung Innenstadt. „Danke, vielen Dank“ sagt Almasri zum Abschied.

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