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Flüchtlinge Roma Hoffnungsreise

In Ost- und Südeuropa leben Roma benachteiligt als ausgegrenzte Randgruppe. Daher zieht es sie gerade in den letzten Monaten verstärkt nach Frankfurt - auf der Suche nach Arbeit und mit der Hoffnung auf bessere Lebenschancen. Doch es fehlt an Anlaufstellen.

Bis zu 400 Roma leben derzeit in Frankfurt - meist unter miserablen Bedingungen. Foto: Alex Kraus

An einem Mittwoch im Oktober sitzen sie auf einer Mauer hinter dem Frankfurter Hauptbahnhof und kauen lauwarme Pommes frites. Die zwölf Frauen, der Mann und die drei kleinen Kinder wissen nicht, wohin. Vor zwei Tagen sind sie mit dem Bus aus Rumänien gekommen, in der Hoffnung auf Arbeit, vielleicht eine Wohnung, kurz: ein besseres Leben.

„In Rumänien ist Katastrophe“, sagt Narcisa Gunici, die etwas Deutsch spricht und ihren einjährigen Sohn auf dem Arm wiegt, während sie redet. „Da haben wir kein Geld, keine Wohnung, gar nichts.“ Jobs gebe es nicht, sagt die 20-Jährige, zumindest nicht für sie und ihre Freundinnen und Verwandten, die sie mitgebracht hat. Man habe keine Chance, wenn man zur Gruppe der Roma gehöre. Gunici zuckt mit den Achseln.

Szenen wie diese kann man in der letzten Zeit öfter auf Frankfurts Plätzen und Straßen beobachten. Seit Monaten kommen verstärkt Roma in die Stadt, vor allem aus EU-Mitgliedsstaaten wie Rumänien und Bulgarien, weil sie hoffen, im reichen Frankfurt mehr Glück zu haben als in ihren Herkunftsländern.

Dort leben Roma, wie überall in Ost- und Südosteuropa, als ausgrenzte Randgruppe. Im Bildungswesen und auf dem Arbeitsmarkt werden sie benachteiligt, wie Menschenrechtsorganisationen immer von neuem dokumentieren. Wohnraum finden Roma vielerorts nur mit Schwierigkeiten, oft fehlt es ihnen am Nötigsten.

Kaum Perspektive

Rund 300 bis 400 Roma aus Osteuropa, so schätzen Beobachter, leben aktuell unter prekären Bedingungen in Frankfurt, manchmal nur für kurze Zeit, meist wenig beachtet. Viele halten sich mit Betteln, Sammeln von Pfandflaschen und Gelegenheitsjobs über Wasser, viele übernachten zumindest zeitweise auf der Straße. Im Vergleich zu anderen Wohnungslosen aus Rumänien und Bulgarien sind sie noch ärmer dran: Da ihnen oft eine Ausbildung fehlt und es auch hier Vorbehalte und Rassismus gibt, haben sie kaum Perspektiven.

Für Narcisa Gunici ist Frankfurt eine Art zweiter Heimat. Im letzten Sommer war sie eine der schwangeren Romni, die kurzzeitig im Protestcamp der Occupy-Bewegung an der Europäischen Zentralbank unterkamen. Mehrfach hat die Frankfurter Rundschau über ihr Schicksal berichtet, FR-Leser haben für sie gespendet.

Nach der Geburt ihres Sohnes habe sie zwei Monate in einem von der Stadt bezahlten Hotelzimmer gewohnt, berichtet Gunici, danach sei sie eine Zeit in Rumänien gewesen. „Keine Ahnung, wie lange ich diesmal bleibe“, sagt sie. In Frankfurt schlafe sie zwar auf der Straße, könne aber bis zu 15 Euro am Tag erbetteln: „Eigentlich brauche ich aber eine Arbeit und eine Wohnung für mein Kind.“

Solche Sätze hört Sonja Böttcher jeden Tag. Die 42-jährige Frankfurterin ist selbst Romni und seit September im Diakoniezentrum „Weser 5“ angestellt – ihre Stelle wird von der Stadt subventioniert. Weil sie Romanes spricht, die Sprache der Roma, kann Böttcher diese besser beraten.

Anfangs habe sie mit Misstrauen zu kämpfen gehabt, sagt Böttcher. „Aber mittlerweile läuft das positiv. Wenn ich durch die Stadt laufe, kommt immer einer, der beraten werden will.“ Der Bedarf sei riesig. Viele der osteuropäischen Roma, die sich in Frankfurt gerade eben über Wasser hielten, kämen aus ärmsten Verhältnissen, sagt Böttcher.

Da die meisten ihrer Klienten kaum Deutsch sprächen und keinen Anspruch auf Sozialleistungen hätten, entstünden echte Perspektiven nur im Einzelfall. Vor kurzem habe sie zum Beispiel mit viel Aufwand einer Frau mit kleinem Kind geholfen, der nach einem Klinikaufenthalt die Obdachlosigkeit drohte. „Da habe ich mich bemüht, wenigstens eine Notunterkunft zu organisieren“, sagt Böttcher.

Zu wenig Anlaufstellen

Trotz dieser mühsamen Kleinarbeit sieht Böttcher auch positive Entwicklungen: „Die meisten wollen sich integrieren und sagen, sie würden am liebsten arbeiten“, sagt sie. Zur Zeit treffe sie immer wieder Roma, die in ihrer Heimat als Übersetzer oder Koch gearbeitet hätten – bei denen hoffe sie, dass es ihnen gelinge, sich eine Existenz aufzubauen.

Ab dem 1. Januar 2014 haben rumänische und bulgarische Staatsangehörige vollen Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt. Renate Lutz, Leiterin des Weser 5, freut sich, dass die Verständigung mit den obdachlosen Roma durch Böttcher einfacher geworden ist.

„Das ist absolut hilfreich für uns“, sagt sie. Einrichtungen wie das Weser 5 seien aber trotzdem mit der Situation überfordert – es brauche mehr Anlaufstellen für die Roma aus Osteuropa. „Die Leute sind ja schließlich hier“, sagt Lutz. „Die brauchen unsere Hilfe.“
Die Forderung nach mehr direkter Hilfe speziell für die Gruppe der Roma erhebt auch der Frankfurter Förderverein Roma.

Bei der Stadt gibt es allerdings keine Planungen in diese Richtung, wie es im Büro von Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld (CDU) heißt. „Bei den Roma stellen wir immer Schwankungen fest“, sagt Robert Standhaft vom Sozialdezernat. Um die Weihnachtszeit, wenn die Spendenbereitschaft groß sei, kämen mehr osteuropäische Roma in die Stadt.

Alles in allem hielten sich deren Zahlen aber „noch in einem überschaubaren Rahmen“, so Standhaft. Aktuell schliefen rund 110 Menschen auf Frankfurts Straßen. Außerdem gebe es mit dem Förderverein und den Sprechstunden für Roma gute Hilfsangebote in der Stadt.

Im Umgang mit den Nachtlagern in den Grünanlagen der Stadt, die gerade die obdachlosen Roma in Ermangelung anderer Unterkünfte errichten, setzt die Stadtpolizei seit dem Sommer auf verstärkte Kontrollen. Ende September wurden rund 20 Roma, die an verschiedenen Stellen im Freien übernachtet hatten, auf eine Wache in der Berliner Straße verfrachtet, damit ihre Personalien geprüft werden konnten.

Gut vernetzte Hilfe

Am Frankfurter Hauptbahnhof ist inzwischen Hilfe für die 16 Neuankömmlinge aus Rumänien aufgetaucht. Hilfe in Gestalt von Novak Petrovic. Der umtriebige Immobilienhändler, gut vernetzt in der Stadt und stets auf eigene Faust in Sachen Roma unterwegs, hat für ein paar Nächte Unterkünfte besorgt – teils im Hotel, teils in leerstehenden Wohnungen.

„Wenn keiner mehr hilft, bin ich da“, sagt der 58-Jährige. „Es kann nicht sein, dass man diese Gruppe von Menschen so auf der Straße stehen lässt.“ Narcisa Gunici strahlt Petrovic an. Sie kennt den Immobilienhändler schon aus dem vergangenen Jahr, schon damals hat er ihr und ihrem Sohn aus der Patsche geholfen.

Gunici drückt den Kleinen an sich, dessen Namen sie aus Dankbarkeit ausgesucht hat. Der kleine Knopf heißt Novak.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Zuwanderung Rhein-Main

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