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Flüchtlinge in Hessen Das Jahr der Zivilgesellschaft

Nie war das Engagement für Flüchtlinge so hoch wie im Jahr 2015. Ehrenamtliche Helfer und Initiativen ziehen Bilanz – und schauen nach vorne auf die Aufgaben, die das neue Jahr mit sich bringt.

Migranten, Flüchtlinge und Besucher essen gemeinsam beim Grillfest der Sankt-Gallus-Gemeinde in der Mainzer Landstraße. Foto: Peter Jülich

Sie haben mit Flüchtlingen gekocht oder ihnen kostenlosen Deutschunterricht gegeben. Sie haben asylsuchende Akademiker mit Studierenden vernetzt, Menschen auf Behörden begleitet, sind für ihre Rechte auf die Straße gegangen oder haben mit ihren Kindern gespielt. Unzählige Bürgerinnen und Bürger haben sich in diesem Jahr für Flüchtlinge engagiert – manche intensiver als zuvor, manche auch zum ersten Mal. Und wen man auch fragt unter jenen, die in Frankfurt Initiativen auf- und ausgebaut haben: einmündig sagen sie, dass es ein besonderes Jahr war – und dass 2016 ihr Einsatz erst recht gefragt sein wird.

„Turbulent“ ist das Wort, das Pilar Madariaga nutzt, um das alte Jahr zu beschreiben. „Das Jahr war richtig turbulent, im positiven Sinne.“ Madariaga betreut bei der Freiwillig-Agentur der AWO das Programm „Herzlich ankommen“, das Ehrenamtler an Flüchtlingseinrichtungen in der Stadt vermittelt, damit sie Minderjährigen und Erwachsenen Freizeitangebote machen, ihnen Sprach- oder Computerkurse geben, Bibliotheken und Willkommenscafes betreuen, mit ihnen Sport treiben oder stricken.

Ende 2014 sei das Programm mit zwei kooperierenden Einrichtungen gestartet und habe 24 Ehrenamtliche in einem ersten Seminar geschult, sagt Madariaga – ein Jahr später kooperiere „Herzlich ankommen“ nun bereits mit 24 Einrichtungen und 380 Ehrenamtlichen, die sich langfristig und verbindlich engagierten. „In Orientierungsseminaren geschult haben wir sogar 800 Menschen“, erzählt Madariaga; dort könnten Interessierte prüfen, ob sie sich ein Engagement tatsächlich vorstellen können.

So groß sei das Interesse an dem Programm mittlerweile, sagt Madariaga, dass sie auch mehrfach von anderen Städten darauf angesprochen wurde und die AWO es nun bundesweit ausweiten werde. Auf dem SPD-Bundesparteitag wurde das Projekt jüngst mit dem 3.Platz des Wilhelm-Dröscher-Preises geehrt. „Überzeugend an unserem Konzept ist wohl, dass wir durch den engen Kontakt zu den Einrichtungen gewährleisten, dass das Engagement bedarfsorientiert ist – und dass wir die Ehrenamtlichen nicht nur vermitteln, sondern auch langfristig begleiten“, glaubt Madariaga.

Natürlich sei 2015 auch nicht alles glatt gelaufen. So gebe es immer wieder Hauptamtliche, die eher abwehrend auf die Ehrenamtler reagierten – und umgekehrt Freiwillige, die versuchten, die strengen Richtlinien des Programms zu unterwandern und auf eigene Faust in die Unterkünfte zu gehen. „Wer sich bei uns engagieren möchte, braucht ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis und unterzeichnet einen Vertrag – das stößt manchmal auf Unverständnis.“

Ehrenamtler genau auszuwählen und vorzubereiten auf ihre Tätigkeit, das ist vielen Akteuren in der Stadt wichtig. So hat das Amt für multikulturelle Angelegenheiten in den vergangenen Wochen etwa einen Pool mit mittlerweile 80 freiwilligen Dolmetschern aufgebaut. Diese bräuchten zwar keine formale Dolmetscherausbildung, sagt Kevin Gurka, Referent der Integrationsdezernentin Nargess Eskandari-Grünberg (Grüne). Aber sie würden genau überprüft, um zu gewährleisten, dass keine kriminellen oder salafistischen Organisationen den Pool unterwanderten. Mehr als 3000 Einsatzstunden in den Notunterkünften der Stadt hätten diese Übersetzer schon abgeleistet, sagt Gurka, der im Engagement dieser Muttersprachler, die auch von Moscheegemeinden oder Migrantenvereinen vermittelt wurden, einen Beweis dafür sieht, „was Migration Positives mit unserer Stadt macht“.

„Unheimliches Durchhaltevermögen“

Engagement „sinnvoll begleiten“ möchte auch die Evangelische Kirche. „Wir haben in diesem Jahr ziemlich viel Druck gehabt von Menschen, die gerne mitarbeiten möchten, die wir aber gar nicht alle unterbringen können“, schildert Jürgen Mattis vom Evangelischen Regionalverband seine Erfahrungen, „wir mussten im Sommer ein richtiges Beschwerdemanagement einrichten deswegen.“ Gleichwohl betont er, sich über „die vielen Menschen, die einen Beitrag leisten möchten“ zu freuen, die Bereitschaft lasse nicht nach. Aber jeder Ehrenamtliche binde eben auch hauptamtliche Kräfte, sagt Mattis. Wenn die Politik eine Willkommenskultur fordere, müsse sie mehr dafür tun, dass die entsprechenden Strukturen dafür aufgebaut werden können. „Das kostet Geld“, benennt er, was auch Pilar Madariaga von „Herzlich ankommen“ betont.

Besonders intensiv ausgewählt, geschult und begleitet werden etwa die ehrenamtlichen Mentoren im Programm Socius des Regionalverbands, die sich verpflichten einen Flüchtling über einen längeren Zeitraum regelmäßig zu begleiten. Mehr als 100 Mentoren engagierten sich bereits in diesem Programm „und zeigen ein unheimliches Durchhaltevermögen“, sagt Mattis. So träfen sich selbst die Tandems, die mit Projektbeginn vor vier Jahren starteten, weiterhin. Und das Interesse, neu bei Socius einzusteigen, sei riesig. Für den letzten Jahrgang hätten sich mehr als 120 Interessenten beworben. Trotzdem würden auch 2016 nur 36 neue Teams gebildet.

Das Mentorenprogramm sei auch nur ein Teil der freiwilligen Flüchtlingshilfe der evangelischen Kirche, betont Mattis. So gebe es Hunderte, die sich in Helferkreisen der einzelnen Kirchengemeinden engagierten oder punktuell in der von der Diakonie betreuten Notunterkunft bei der Essensausgabe oder dem Sortieren von Kleiderspenden helfen. Und die Gemeinden kooperierten auch mit anderen Initiativen – etwa indem sie Räume für Deutschkurse der Teachers on the Road zur Verfügung stellten.

Diese sahen sich 2015 von einer ähnlich großen Welle an Anfragen überrollt wie die Kirche, erzählt Gründer Ulrich Tomaschowski. Hunderte Freiwillige geben nun Deutschunterricht in zahlreichen Stadtteilen Frankfurts und anderen Städten. Zuletzt seien etwa Teachers-Ableger in Bad Homburg und Leipzig gegründet worden, im neuen Jahr sollen weitere Orte folgen. Außerdem hätten weitere Untergruppen ausgebaut werden können, etwa für Behördengänge, Sport, Kunst oder Übersetzungen, sagt Tomaschowski, der für die Teachers sowohl den hessischen, als auch den städtischen Integrationspreis entgegennehmen durfte.

Mobilität ein wichtiges Thema

In der großen Bereitschaft zu zivilgesellschaftlichen Engagement sieht er bei aller Freude darüber auch ein Zeichen dafür, „dass die Politik komplett versagt hat“. In dieser Hinsicht blicke er ambivalent auf das alte Jahr zurück. Denn die geforderte Willkommenskultur sei einhergegangen „mit den härtesten Asylgesetzverschärfungen seit Jahren“. Das habe die Arbeit der Ehrenamtler teilweise „sehr frustrierend“ gemacht. „Was nützt der beste Deutschkurs, wenn die Leute am Ende abgeschoben werden?“

2016 werde daher „ein sehr politisches Jahr“ für die Teachers werden, die sich ohnehin als politische Initiative verstehen und erst im Dezember eine große Demonstration gegen die Asylrechtsverschärfungen organisiert hatten. In Kooperation mit anderen Organisationen wie Project Shelter oder Academic Experience Worldwide wolle man daran arbeiten, „der erstarkenden Rechten entschieden begegnen zu können“ und Einfluss auf gesellschaftliche Diskurse zu nehmen, damit wirklich jeder Flüchtling an der Gesellschaft teilhaben könne.

Dieser Aspekt ist auch Merle Becker von Academic Experience Worldwide wichtig, einer Initiative die Tandempartnerschaften zwischen geflüchteten Akademikern und Studierenden vermittelt und sie regelmäßig in einem offenen Seminar an der Frankfurter Goethe-Universität zusammenbringt um Austausch auf Augenhöhe zu ermöglichen. Denn es werde zu häufig über Flüchtlinge gesprochen, statt mit ihnen, bemängelt Becker. Und manchmal seien es ganz profane Dinge, die nicht mitgedacht würden: „Uns ist wichtig, dass Mobilität 2016 zum Thema wird. Den Menschen fehlt einfach ein Fahrticket, um zu den vielen tollen Kursen und Angeboten kommen zu können.“

2015 ließ sich AE Worldwide als Verein eintragen und erhielt den Bürgerpreis der Stadt – beides habe „sehr geholfen, auch im konservativeren Bereich der Gesellschaft Anerkennung zu bekommen“ und neue Türen zu öffnen, etwa beim Fundraising, sagt Becker. Andererseits hätten verschiedene Institutionen, die das von Becker und ihrer Kommilitonin Melusine Reimers 2013 gegründete Projekt einst belächelten, nun versucht, es für sich zu vereinnahmen.

Auch wenn die Vielzahl an Unterstützeranfragen „manchmal anstrengend“ gewesen sei, etwa weil an den Zielen der Initiative vorbei auch Legosteine oder Gesangsunterricht offeriert wurden, habe das Jahr vieles vorangetrieben. 20 Ehrenamtler unterstützten Reimers und Becker nun im Organisationsteam und AE Worldwide gebe es nun auch an sechs weiteren Hochschulstandorten. „Unser langfristiges Ziel ist es, alle Uni-Standorte in Deutschland abzudecken“, sagt Becker.

Neu nach Frankfurt gekommen ist 2015 die Initiative „Über den Tellerrand kochen“, die in Berlin Rezepte von Geflüchteten und Kochkurse mit ihnen angeboten hat. Auch in Frankfurt soll der gleichberechtigte Austausch zwischen Geflüchteten und Bürgern über das gemeinsame Essen funktionieren, erzählt Gründerin Nadine Abu-Ghoush; sechs Veranstaltungen mit bis zu 200 Teilnehmern habe es bereits gegeben. „Wir sehen uns nicht als Helfer, sondern wollen die Flüchtlinge in unser Leben integrieren, indem wir sie als Freunde sehen. Essen bedeutet Nähe, es gemeinsam zuzubereiten und zu teilen ist ein menschliches Urbedürfnis.“

2016 möchte die Initiative auch die Vernetzung mit anderen Projekten stärken, sagt Abu-Ghoush. Und sie hofft auf einen Restaurantbetreiber, der dem „über den Tellerrand“-Team seine Räumlichkeiten regelmäßig am Ruhetag zur Verfügung stellen würde. „Wir suchen eine Heimat“, sagt Abu-Ghoush, die wie so viele andere in der Stadt ihren Teil dazu beiträgt, dass jene Menschen, die ihre alte Heimat verlassen mussten, hier eine neue finden.

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