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Flüchtlinge in Hessen Ausbildung mit „Kümmer-Faktor“

Stipendien fördern bundesweit Start-ups, die Geflüchtete bei der Integration ins Erwerbsleben unterstützen. Darunter sind auch junge Unternehmen aus dem Rhein-Main-Gebiet.

In der Schneiderwerkstatt Stitch by Stitch nähen geflüchtete Frauen für lokale Labels. Foto: christoph boeckheler*

Handwerk, Pflege, Gastronomie: Branchen, in denen händeringend Fachkräfte gesucht werden. Warum also nicht Geflüchtete für diese Bereiche qualifizieren und ihnen so eine nachhaltige Perspektive für den deutschen Arbeitsmarkt bieten?

Exakt dies tun viele der Start-ups, die sich für eines der bundesweit vergebenen Stipendien im Programm „Ankommer. Perspektive Deutschland“ qualifiziert haben.

Bereits zum zweiten Mal haben die KfW-Stiftung und das Gründerzentrum Social Impact Lab dafür aus rund 100 Bewerbungen 15 sozialunternehmerische Ideen zur sozioökonomischen Integration Geflüchteter ausgewählt.

Acht davon kommen aus Berlin, fünf aus dem Rhein-Main-Gebiet, weitere aus Hamburg und Duisburg, sagt Social-Impact-Lab-Geschäftsführer Norbert Kunz am Mittwoch auf der Pressekonferenz zum Start des zweiten Ankommer-Jahrgangs in Frankfurt – und präsentiert drei Beispiele für ebenjene Branchen, die schon allein deshalb für die Integration Geflüchteter prädestiniert sind, weil es ihnen an Nachwuchs fehlt. Besonders viele Bewerbungen seien aus dem Bereich der Gastronomie und des Handwerks gekommen, so Kunz

Pflege oder Schneiderei

Im Nebenraum der Pressekonferenz surren Nähmaschinen: junge Frauen aus Syrien und Afghanistan fertigen hier in der Werkstatt „Stitch by Stitch“ Mode und Accessoires für hiesige Labels, die Wert auf Produktion vor Ort setzen. Der Ort ist bewusst gewählt: Das Sozialunternehmen von Claudia Frick und Nicole von Alvensleben wurde bereits 2015 in den ersten Ankommer-Jahrgang aufgenommen und kann nach einem Jahr auf eine erfolgreiche Gründung zurückblicken. Fünf Frauen arbeiten in der Werkstatt im Frankfurter Nordend, werden zu Maßschneiderinnen ausgebildet oder nachqualifiziert, und produzieren für Auftraggeber von aufstrebenden Jungdesignern bis hin zum Ökomodelabel Hess-Natur.

Stitch by Stitch unterstützt sie dabei mit begleitendem Deutschunterricht, behördlichen Fragen oder organisiert Kinderbetreuung, erzählt Nicole von Alvensleben. „Wir sind hier wie eine große Familie.“
Dieses Zusatzengagement über die eigentliche Ausbildung hinaus, der „Kümmer-Faktor“, sei ein Grund, warum Arbeitsmarktintegration „fast nur über kleine und mittlere Unternehmen funktioniert“, sagt KfW-Stiftungsgeschäftsführer Bernd Siegfried.

Das „feine Nachsteuern“, die flexible Handhabung nicht stringent verlaufener Lebensläufe und Erwerbsbiografien, die von Krieg und Flucht unterbrochen wurden, sei in Großunternehmen mit stärker standardisierten Einstellungsprozessen oft weniger einfach möglich.

„Ökonomische Integration ist Schwerstarbeit“, sagt auch Norbert Kunz. Es reiche nicht, einfach einen Arbeitsplatz zur Verfügung zu stellen. Oft brauche es erhebliche Bemühungen zur Qualifizierung, Sprachförderung und auch sozialen Integration der Geflüchteten.

Das ist auch jenen Stipendiatinnen und Stipendiaten des neuen Ankommer-Jahrgangs bewusst, die ihren Projektstart noch vor sich haben und der achtmonatigen Förderung entgegenblicken, in deren Rahmen sie die Räume der Social Impact Labs in Frankfurt und anderen deutschen Großstädten nutzen können, beraten und gecoacht werden und die für Gründungen so wichtigen Netzwerke knüpfen können.

Birgit Schierbaum und Shilan Fendi sind darunter, die in Bonn das Projekt „Willkommen in der Pflege“ starten wollen, in dem binnen drei Jahren rund 100 Menschen für den Einstieg in einen Pflegeberuf fit gemacht werden sollen.

„Die Berufe der Altenpflege sind vielen gar nicht bekannt, weil Pflege in ihren Herkunftsländern Sache der Familien ist“, sagt Schierbaum. Sie und Fendi, die bereits Erfahrung aus anderen Projekten mitbringen, wollen deshalb einen niedrigschwelligen Einstieg in Pflegeberufe ermöglichen, der die Aufnahme einer Ausbildung ermöglichen soll. Teilnehmende können begleitend Deutsch lernen, ihren Hauptschulabschluss nachholen, auf eine Kinderbetreuung zurückgreifen, führt Fendi aus.

Stadtteilrestaurant in Höchst

Die Qualifizierung liegt auch Michael Bartels und Reinhard Graeff am Herzen, die kommendes Jahr in Frankfurt „Cooking Global“ zum Leben erwecken wollen. Bartels, der aktuell Jugendliche mit und ohne Fluchthintergrund in einem Ausbildungsprojekt der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Dietzenbach kochen und kellnern lässt, will diese Erfahrungen für ein Stadtteilrestaurant mit Cateringservice in Höchst nutzen.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Zuwanderung Rhein-Main

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