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Flüchtlinge in Hessen Afghanen leben in ständiger Angst

Sie gehen im Rhein-Main-Gebiet zur Schule, beginnen eine Ausbildung, spielen Fußball oder Theater. Dann kommt ein negativer Asylbescheid. Über die Verunsicherung afghanischer Geflüchteter.

Zaman Akhoundzadeh
„In unseren Augen ist er nicht mehr der Flüchtling aus Afghanistan. Er ist einer von uns geworden“, sagt sein Fußballtrainer über Zaman Akhoundzadeh. Foto: Rolf Oeser

Auf der Bühne ist Ali Salman Ahmadi plötzlich einfach da. Er taucht auf wie aus dem Nichts und stromert durch die Kioskkulisse, in der sich die Handlung von Ute Bansemirs „Monsieur Ibrahim“-Inszenierung in der Theaterperipherie Frankfurt abspielt. Er ist erst der schweigsame Fremde, den die anderen kaum wahrnehmen. Aber irgendwann gehört er einfach dazu.

Gut ein halbes Jahr ist seit seiner Schauspiel-Premiere vergangen, und auch abseits der Bühne ist der 2014 geflüchtete Afghane längst angekommen. Hat einen Job in einem Flughafen-Hotel gefunden, spricht fließend Deutsch, bereitet sich auf die Aufnahmeprüfung für die Realschule vor; zuvor hatte er bereits die InteA-Klasse einer Berufsschule besucht. In der Theaterperipherie wollen sie „Monsieur Ibrahim“ nach der Sommerpause wieder aufnehmen. Doch Ahmadis Zukunft in Deutschland ist ungewiss. Im Frühling hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge den Asylantrag des in Pakistan aufgewachsenen Afghanen abgelehnt. Ali Salman Ahmadi soll nicht mehr dazugehören. 

„Der Antragsteller wird aufgefordert, die Bundesrepublik Deutschland innerhalb von 30 Tagen nach Bekanntgabe dieser Entscheidung zu verlassen“, so steht es schwarz auf weiß auf solch einem Bescheid. „Das war“, hebt der 19-Jährige an und schweigt dann sehr lange.

„Das war schlimm, als ich das las.“ Auch Theaterleiterin Ute Bansemir, in deren Ensemble „rund ein Drittel Fluchterfahrungen“ hat, war schockiert: „Ich war mir vorher ganz sicher, dass das klappt mit Alis Asyl. Aber in meiner Position muss ich auch pragmatisch denken.“ So organisierte sie einen Solidaritätsabend und half Ahmadi, eine Anwältin zu finden, die Klage einreichte gegen den Asylbescheid. „Aber das war gar nicht so einfach.“

Denn so wie Ahmadi bangen derzeit unzählige Afghanen im Rhein-Main-Gebiet um ihre Zukunft – in Frankfurt stellen sie die größte Gruppe unter den Asylsuchenden, rund 32 Prozent der mehr als 4500 Geflüchteten in der Stadt kommen aus Afghanistan, unter den rund 500 unbegleiteten Minderjährigen sind es rund die Hälfte. Mehr als 80 000 Asylanträge von Afghanen hat das Bundesamt in diesem Jahr bereits beschieden – mehr als im gesamten Vorjahr. Und gut die Hälfte dieser Entschiedungen fiel negativ aus.

Die Betroffenen sind verängstigt – und mit ihnen jene, zu denen sie in der Zeit des Wartens Beziehungen geknüpft haben. „Mein Schützling hat jetzt auch eine Ablehnung bekommen, was kann ich tun?“, schreiben Ehrenamtliche in Onlineforen. Schulkinder formulieren Briefe für ihre abgelehnten Freunde und schicken sie an die FR. Und in Vereinen beschäftigen Fragen des Asylrechts plötzlich Menschen, die mit den Geflüchteten eigentlich bloß Theater spielen wollten. Oder Fußball.

Mehrmals die Woche steht Zaman Akhoundzadeh auf den Mainwasen in Sachsenhausen. Läuft über das Grün an der Gerbermühlstraße, ist mittendrin dabei im vorderen Mittelfeld oder im Sturm. Das ernste Gesicht des 26-Jährigen hellt sich merklich auf, als er sich im Training mit Coach Jamal Er-rjah abklatscht. „Der Sport ist sehr wichtig für mich. Man kann im Sport fröhlich miteinander sein.“

Seit rund einem Jahr spielt er in der Inklusionsmannschaft des Frankfurter Turnvereins 1860 und des SV 1894 Sachsenhausen, die sich ab Mitte Juli auf die neue Saison in der Soma-Runde der Kreisliga A vorbereitet. Psychisch Kranke kicken hier mit Gesunden zusammen.  Trainer Er-rjah hat Akhoundzadeh auch für die erste Herrenmannschaft angeheuert. „In unseren Augen ist er längst nicht mehr der Flüchtling. Er ist einer von uns geworden.“ Aber seit der Ablehnungsbescheid kam, sei der 26-Jährige nicht mehr der alte. „Er ist körperlich anwesend, aber mit den Gedanken woanders.“

Seit seiner Ankunft im November 2015 hat Akhoundzadeh Deutsch gelernt, seine Frau hat hier ein zweites Kind geboren. Wie die junge Familie, die in einer Frankfurter Gemeinschaftsunterkunft lebt, haben auch zwei weitere afghanische Spieler des Soma-Teams Ablehnungen erhalten. „Menschlich ist das eine Katastrophe“, findet Jan Zwingenberger, der die Inklusionsmannschaft als Sozialarbeiter betreut. Die Asylentscheidung konterkariere alle Integrationsbemühungen: „Hier sind junge Menschen, die sich integriert haben und dann wieder herausgerissen werden, da fehlt mir jedes Verständnis. Und das sind ja keine Einzelschicksale, die Ablehnungsbescheide an Afghanen gehen ja gerade massenhaft raus.“

Das spüren auch Maria Lüning und Felicitas Traudes, die sich als Sozialarbeiterinnen der AWO in Wetterau und Kreis Offenbach im Betreuten Wohnen um Geflüchtete kümmern, die als unbegleitete Minderjährige kamen und nun in Wohnungen leben. „Früher wurden bei uns alle Jugendlichen aus Afghanistan anerkannt, da mussten wir uns gar keine Sorgen machen“, sagt Lüning. Heute, ergänzt Traudes, „hat das etwas von Willkür, und das verunsichert enorm. Die meisten sind ohnehin traumatisiert. Wenn dann neben dem Stress der Wohnungs- und Ausbildungssuche die Ablehnung dazukommt, ist das kaum auszuhalten.“

Zum Gespräch haben Traudes und Lüning zwei junge Afghanen mitgebracht. Saeed ist 19, Nawid 20, beide kamen vor rund dreieinhalb Jahren nach Hessen. Sie haben hier ihren Realschulabschluss gemacht, Saeed schreibt eine Ausbildungsbewerbung nach der anderen, Nawid ist bereits Lehrling zum Kaufmann für Büromanagement in Eschborn. Beide haben unlängst ihren Ablehnungsbescheid erhalten. Seither kann Nawid sich kaum noch auf die Arbeit konzentrieren. Er erzählt, dass er tagelang unkontrolliert gezittert und geweint habe. „Ich wollte mich vom Balkon stürzen. Wenn ich zurück nach Afghanistan muss, bringt mein Schwager mich um, der ist ein Taliban“, sagt der 20-Jährige, Er nimmt Medikamente gegen die Angst. Nachts könne er nur schlafen, wenn er zwei Schlösser an der Tür abgesperrt habe. Seinem Nachbarn habe er die Telefonnummer von Lüning gegeben, „damit er sie anruft, wenn die Polizei vor der Tür steht, um mich zu holen“. Lüning sagt: „Bei jedem Termin beruhige ich ihn, dass er sich keine Sorgen machen muss.“ Wie bei Saeed läuft auch Nawids Klage beim Verwaltungsgericht: so lange ist er sicher. Alternativ hat er Aussicht auf eine Ausbildungsduldung. „Mit dem Kopf hat er das verstanden, aber emotional kann er das nicht fassen.“

Zaman Akhoundzadeh und Ali Salman Ahmadi versuchen derweil, die Hoffnung nicht zu verlieren, einfach weiterzumachen. „Ich habe ja keine Wahl, es liegt nicht in meiner Hand, was mit mir passiert.“ Im Hintergrund kräht Ute Bansemirs Fünfjähriger: „In Afghanistan ist Krieg!“ Dass es dort nicht sicher sei, verstehe offenbar selbst ein kleines Kind, sagt die Mutter. Die Bundesregierung hat derweil für kommende Woche einen Abschiebeflug nach Afghanistan angesetzt.

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