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Flüchtlinge in Frankfurt Konflikte durch menschenunwürdige Unterkunft

Helga Dieter engagiert sich gegen Rassismus in Rödelheim, wo eine Sammelunterkunft für 500 Flüchtlinge entsteht. Im Interview mit der FR spricht sie über Vorurteile und Köln.

Helga Dieter engagiert sich gegen Rassismus. Foto: chrisoph boeckheler

Frau Dieter, am Samstag äußerten 70 Bürger bei einer CDU-Veranstaltung zur Flüchtlingsunterkunft In der Au Bedenken. Den Widerstand kennt man aus Rödelheim nicht. Was ist los?
Helga Dieter: 70 Leute am Rande Rödelheims, von denen ein Teil Volkes Stimme aufnehmen will in Vorwahlzeiten, ich weiß nicht, ob das repräsentativ ist. Mit Verlaub, die CDU in Rödelheim bewegt sich in Teilen am rechten Rand, sie repräsentiert nicht unbedingt die aufgeklärten Teile der CDU. In unserem Stadtteil gibt es viele Aktionen wie Rödelheim gegen Rassismus oder Willkommen in Rödelheim.

Es gibt einen offenen Brief der Anwohner Rödelheim-West, ebenfalls mit Kritik.
Der Brief der Anlieger ist im Kern in den Forderungen ähnlich wie die der Initiative Welcome für das Neckermann-Gelände, wo die Umstände längerfristig unzumutbar sind. Die Konflikte, die es dort in Bälde geben wird, sind vorprogrammiert. Dann heißt es wieder: Die Flüchtlinge sind nicht dankbar usw. Der Brief enthält vernünftige Forderungen, dass man niemanden in abgeteilten Zellen, nach oben offen, über Wochen, Monate, Jahre beherbergen kann. Deshalb halte ich diesen Brief nicht unbedingt für ein Zeichen der Abschottung oder Fremdenfeindlichkeit.

In einem Brief an Sozialdezernentin Birkenfeld schreiben dieselben Anwohner, dass sie sich vor jungen Männern fürchteten, die Frauenrechte nicht achteten.
Das ist natürlich Populismus. Dort wird Islamophobie verschoben auf Männer einer bestimmten Altersgruppe und Herkunft, die man andererseits als Arbeitskräfte sucht. Entgegen diesem rassistischen Generalverdacht ist die Belästigung von Frauen bis zu Vergewaltigungen immer noch im sozialen Umfeld eklatant hoch und nicht durch Fremde. Sexuelle Verfehlungen von Männern gab es auch schon in der Rödelheimer Lokalpolitik. Die inneren Widersprüche der Menschen führen dazu, dass auf der einen Seite Frauen Angst haben, auf der anderen Seite aber auch den humanitären Impuls haben, helfen zu wollen. In dieser Ambivalenz kann man nicht sagen, diese 70 Leute waren Rechtsradikale.

Steigen die Vorurteile mit der Anzahl der Flüchtlinge?
Nein, den Bodensatz nationalistischer, rassistischer Einstellungen gab es immer. Als wir mit der Aktion Stadtteil gegen Rassismus große Resonanz hatten, sind diese Leute still gewesen. Durch die aktuelle Stimmung wird das nun wieder hochgespült.

Warum trauen die sich jetzt wieder raus?
Das liegt an der Verschiebung der Ebenen: die Flüchtlinge als Fremde auszugrenzen, sie wirtschaftlich zu verwerten und dem Impuls, die „Frauen schützen müssen“. Ich will nicht bagatellisieren, was an Silvester passierte, aber in dem Zusammenhang findet eine Verschiebung statt von kollektiven Ängsten auf eine bestimmte Gruppe. Dann heißt es: Flüchtlinge allgemein sind gut, aber alleinreisende Männer sind nicht gut.

Das heißt, Köln hat etwas in der Stimmung verändert?
Das scheint so zu sein. Ob das dumpfe Ängste sind oder Ergebnisse von Erwägungen, das steht auf einem anderen Blatt.

500 Menschen in einer Halle, ohne Privatsphäre. Das ist eine enorme Herausforderung. Wie kann Rödelheim so viele Menschen integrieren?
Wir sollten uns nicht spalten lassen in der Stimmung des Willkommenheißens. Die ist aber gebunden an menschenwürdige Unterkünfte. Es kann nicht sein, dass Nachbarn darunter zu leiden haben. Am Samstag waren sicher Leute dabei, die Dinge gesagt haben, von denen ich mich distanziere. Aber die Bedenken, die geäußert werden gegen eine solche Form der Unterkunft, kann ich verstehen. Das sind Forderungen, wie sie die politisch eher links angesiedelte Unterstützergruppe Welcome auch stellt. Es ist ein Unterschied, ob irgendwelche Dumpfbacken sagen, dass sie keine Ausländer haben wollen oder ob Leute sagen, im Prinzip ja, aber es muss passend angelegt werden.

Welche Konflikte befürchten Sie?
Wenn man Hunderte von Leuten fünf Jahre mit Wänden, die aus Betttüchern bestehen, einsperrt – dass es dort Streit gibt, dass sie sich viel im Freien aufhalten werden, dass es Lärmbelästigungen geben wird, das kann man ohne viel Fantasie voraussehen. Und das wird am Ende den Flüchtlingen in die Schuhe geschoben.

Interview: Miriam Keilbach

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