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Flüchtlinge in Frankfurt Eine Menschenkette für Hilfsgüter

Bewegende Momente am Frankfurter Hauptbahnhof: Unzählige eilen mit Essen und Getränken herbei, um die angekündigten Flüchtlinge zu begrüßen. Als klar wird, dass die meisten am Fernbahnhof am Flughafen ankommen, werden die Lunchpakete per Menschenkette in einen Sonderzug verladen.

Per Menschenkette wechseln Hilfsgüter das Gleis. Foto: dpa

Ein Zug wird kommen. Man weiß nicht wann, man weiß nicht wo, man weiß nur eins: Hunderte von Flüchtlingen sollen an Bord sein, so steht’s im Internet geschrieben. Hunderte von Menschen, von denen man nicht genau weiß, aus welchem Land sie geflohen sind. Aber man weiß, dass sie die vergangenen Tage in Ungarn verbringen mussten, wo sie nicht gerade freundlich behandelt wurden. Frankfurt will es besser machen.

Zwei 13 Jahre alte Mädchen stehen am frühen Abend des letzten Feriensamstags an den Gleisen, sie halten Schilder mit fremden Schriftzeichen in die Höhe. Die Schriftzeichen sind auch ihnen fremd, freundliche Mitbürger mit Fremdsprachenhintergrund haben sie für sie gemalt, aber sie wissen, was draufstehen soll: „Willkommen in Frankfurt – Frankfurt liebt Euch!“ Die Mädchen wissen auch nicht, wann und wo der Zug kommen wird. Aber kommen wird er, da sind sie sich sicher, und sie wissen auch, woran man die Flüchtlinge erkennen kann: „An der Verzweiflung.“

Wenn es alleine danach ginge, dann wären zumindest an diesem Abend auch die Mitarbeiter der Deutschen Bahn Flüchtlinge. Vergebens fordern diese die immer zahlreicher erscheinenden Helfer und Begrüßer auf, doch bitte an den Bahnsteigen bis nach hinten aufzurücken, damit man vorne wieder durchkomme. Genauso gut könnten sie die Nordsee bei Springflut auffordern, doch bitte mal halblang zu machen.

Um die vor Ort geschmierten Brote, die Wasserflaschenmassen, die mit frischem Obst bestückten Lunchpakete vor dem Zertrampeltwerden zu schützen, bilden die Helfer eine Menschenkette um die Hilfsgüter, was das Durchkommen freilich auch nicht leichter macht. Die Bahn-Mitarbeiter kapitulieren schließlich vor der höheren Gewalt.

Gerüchte machen die Runde. Der Zug komme gegen 20 Uhr aus München, sagen die einen. Er komme gegen 21.30 Uhr aus Kassel, sagen die anderen. Er komme gar nicht, fürchten einige, nachdem auch um 21.30 Uhr nichts kommt, vielmehr würden die Flüchtlinge, wie bereits seit Tagen gängige Praxis, am Südbahnhof aussteigen und dann mit Bussen zur Registrierung zur Wache der Bundespolizei am Hauptbahnhof gebracht werden. Die Bundespolizei selbst weiß zu diesem Zeitpunkt nichts von einem Zug voller Flüchtlinge.

Es ist ein buntes Volk, das sich zur Begrüßung am Hauptbahnhof versammelt hat. Deutsche mit und ohne Migrationshintergrund, Ausländer, die vielleicht hoffen, ein paar Landsmänner und -frauen begrüßen zu können. Kinder, die sich leichten Herzens dazu entschlossen haben, ein paar ihrer Stofftiere aufzugeben. Alte Leute, die sich schweren Herzens an Momente erinnern, in denen sie selbst Flüchtlinge waren. Organisierte Linke, die noch von der Tierrechtsdemo am Nachmittag in Frankfurt hängengeblieben sind. Und Gutbürgerliche, die zumindest vom Dresscode her auch bei Pegida mitmarschieren könnten. Die wenigen wütenden Stimmen, die laut werden, gehören meistens Obdachlosen, die neidisch auf die Lunchpakete blicken, die so nah und doch so fern sind. „Ich bin auch Flüchtling, ich lebe auf der Straße“, brüllt einer, aber die Menschenkette wankt nicht.

Sonderzug zum Flughafen

Selbst natürliche Feinde werden an diesem Abend zu Freunden. Einträchtig stehen junge Anhänger der FDP mit einem sauber durchdesignten „Refugees Welcome – Frankfurt gewinnt – FDP!“- Plakat neben Altersgenossen von der Antifa, die was Selbstgemaltes dabeihaben. Alle warten, alle bangen, alle hoffen.

Der Zug kommt nicht. Zumindest nicht der angekündigte Superzug mit 700 Flüchtlingen, dessentwegen alle hier sind. Der Zug, der 700 Menschen in ihre neue Heimat bringen soll, in diesem Fall erst einmal in die ehemalige Druckerei der Frankfurter Rundschau am südlichen Neu-Isenburger Stadtrand.

Stattdessen kommen zwei kleinere Züge: einer gegen 22 Uhr, einer kurz nach Mitternacht. Doch der bringt lediglich ein paar Flüchtlinge auf Durchreise. Diese werden zwar beklatscht und mit Sprechchören und Lunchpaketen begrüßt, ein paar steigen sogar kurz aus, aber die ganz große Begrüßung entfällt.

Als klar ist, dass die Musik hauptsächlich am Fernbahnhof am Flughafen spielt, geschieht etwas ganz und gar Wunderbares: Die Deutsche Bahn stellt spontan einen Sonderzug zum Flughafen bereit. Die Helfer bilden sofort eine Menschenkette, die die Tonnen an Hilfsgütern in die S-Bahn bugsiert, damit sie doch noch die Flüchtlinge erreichen. Einer der Organisatoren gibt denen, die zum Flughafen fahren, noch ein paar Verhaltensregeln mit auf den Weg: „Diese Menschen brauchen erste einmal ein freundliches ,Salem Aleikum‘.“ Und dann das Lunchpaket.

Am Sonntagmorgen kurz nach 6 Uhr kommt noch ein Zug an. Diesmal am Südbahnhof. 55 Flüchtlinge steigen aus, darunter 20 Kinder, die dann nach Gießen gebracht werden. Diesmal gibt es keinen großen Bahnhof, kein Empfangskomittee. Diese Arbeit übernimmt die Bundespolizei, die darin bereits wochenlange Routine hat. Auch die beiden 13-jährigen Mädchen halten keine Willkommensschilder hoch, sie liegen vermutlich noch im Bett, um sich vom Vorabend zu erholen.

Aber das nimmt ihnen keiner übel. Frankfurt liebt sie trotzdem.

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