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Flüchtlinge in Frankfurt Duschwasser juckt auf Haut

Zwei Darstellungen zu Neckermann. Der Verein Welcome Frankfurt berichtet von Missmanagement in der Unterkunft. Das Sozialministerium teilt mit, dass die Vorwürfe nicht nachvollziehbar seien. Die Initiative fordert die Schließung der Erstaufnahmeeinrichtung des Landes.

Gegenwärtig wohnen 1600 Flüchtlinge auf dem ehemaligen Neckermann-Gelände in Frankfurt-Fechenheim. Foto: Alex Kraus

Nicht nur der Verein Welcome Frankfurt berichtete von Missmanagement in der Flüchtlingsunterkunft auf dem einstigen Neckermanngelände. Auch der Geschäftsführer vom Kolping-Bildungswerk Frankfurt, Michael Schenk, hat Hinweise auf untragbare Zustände. Seine Quelle sind 20 Bewohner der Einrichtung, die er derzeit in Deutsch unterrichtet. Was seine Schüler ihm erzählen, sagt er der Frankfurter Rundschau, sei „beschämend“. Zweifel am Wahrheitsgehalt hat er keine. Unabhängig von Nation oder Geschlecht werde ihm immer wieder das gleiche berichtet: Das Duschwasser sei gelblich und jucke auf der Haut. Heißes Wasser sei knapp, so dass die Flüchtlinge kalt duschen müssten. Wer nach einem Arzt verlange, erhalte ein Stück Schokolade und den Tipp, Wasser zu trinken. Zusätzliche Decken gebe es nicht. Am Samstag hat er mit seinen Schülern gekocht. Und jetzt weiß er auch, dass die Essensrationen wirklich knapp sein müssen. „Die haben reingeschaufelt, als hätten sie die letzten fünf Wochen nichts bekommen“, sagt Schenk. „Zwei bis drei Teller, die haben richtig reingeschoben.“

Der Verein Welcome Frankfurt hatte in einem offenen Brief am Freitagnachmittag auf diese und andere Missstände, etwa einen aggressiven Sicherheitsdienst, hingewiesen. Die Initiative fordert die Schließung der Erstaufnahmeeinrichtung des Landes, in der nach Auskunft des Sozialministeriums vom Montag mittlerweile 1600 Menschen leben. Es gebe weder soziale Angebote noch eine ausreichende medizinische Versorgung, so Welcome. Die Menschen stünden unter erheblichem seelischen Druck: „Vor diesem Hintergrund ist es klar, dass die psychische Last ein Klima der Resignation, der Gereiztheit und der Aggression hervorruft.“

Das Sozialministerium hatte am späten Freitagabend mitgeteilt, die Vorwürfe seien nicht nachvollziehbar. „Das zuständige Regierungspräsidium Darmstadt hat den Eindruck, dass der Betreiber ASB alle Tätigkeiten gut im Griff hat und auch die beiden Einrichtungsleitungen sehr erfahren agieren.“ An einem „Info-Point“ und bei wöchentlichen Vollversammlungen könnten Bewohner ihre Anliegen vortragen.

Diese widersprüchlichen Versionen auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen, ist schwierig. Medien ist der Zutritt zu Erstaufnahmeeinrichtungen des Landes nur mit Genehmigung und Begleitung gestattet.

Auch der Chef des Kolping-Bildungswerks und die Aktivisten von Welcome kennen die Unterkunft in Fechenheim nicht von innen. „Wir haben so eine Art Besuchsverbot“, sagt Schenk. „Wir müssen uns vor der Einrichtung treffen oder in der Stadtbücherei, die die Flüchtlinge kostenlos nutzen können“, berichtet Aitak Barani von Welcome der FR am Montag. Sie wundert sich, dass den Behörden die Missstände nicht bekannt sind: „Wir haben täglich Kontakt zu den Geflüchteten und kriegen ständig diese Berichte zu hören.“ Der Verein habe jede Menge Beweise gesammelt wie Audiodateien und schriftliche Aufzeichnungen von Bewohnern.

Auch Schenk hat Fotos gesehen. „Von einem Reissalat, bei dem es einen schüttelt.“ Er habe Verständnis dafür, dass die Organisation einer so großen Einrichtung eine größere Herausforderung ist. „Das ist nicht zu organisieren wie eine Jugendherberge.“ Doch der Arbeiter Samariter Bund (ASB) erhalte als Betreiber immerhin ein erkleckliche Summe Steuergeld. „Das muss schon einen gewissen Standard haben“, fordert der Geschäftsführer des Kolping-Bildungswerks Frankfurt.

Trotz mehrerer telefonischer Anfragen war der Betreiber ASB auch Montag für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Vor den Kopf gestoßen hat er Andreas Droßmann, der als AWO-Ehrenamtlicher in der sogenannten Überlaufeinrichtung in der Fabriksporthalle in Fechenheim geholfen hatte. „Ich bin dort ein- und ausgegangen, habe mit den Syrern gegessen und ihnen dabei Deutsch beigebracht“, berichtet Droßmann. Der Kontakt mit den Flüchtlingen habe ihm Spaß gemacht. „Die Stimmung war gut.“ Nach dem Umzug auf das einstige Neckermann-Areal hätte er gerne als „Leih-Ehrenamtlicher“ für den ASB weitergemacht. Doch nicht zu dessen Konditionen: Ehrenamtliche dürften das Gelände nicht betreten, teilte man ihm mit. „Man will uns da nicht drin haben. Wie soll das funktionieren?“

Rigide, versichert Regierungssprecher Michael Bußer, seien die Zutrittsregeln nicht. Das Land müsse die Persönlichkeitsrechte der Bewohner wahren. „Das ist ja ihre Wohnung.“ Medien oder Politiker hätten ausreichend Möglichkeiten, sich an bestimmten Besuchsterminen selbst ein Bild zu machen: „Wir haben nichts zu verbergen.“ Die Linksfraktion im Landtag sieht das anders: „Mit dem Argument Persönlichkeitsrechte sollen die zum Teil unhaltbaren und skandalösen Zustände unter den Teppich gekehrt werden“, sagt Pressesprecher Thomas Klein. Die Linke unterstützt die Forderung von Welcome Frankfurt nach einer unabhängigen Beobachtungsgruppe, die ungehindert Zugang zu den Unterkünften erhält.

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