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Flüchtlinge Deutschlehrer, ehrenamtlich

Die „Teachers on the road“ geben in und um Frankfurt ehrenamtlich Sprachunterricht für Flüchtlinge. Sie entwickeln dabei auch eigene Arbeitsblätter, die sich etwas enger am Leben der Kursteilnehmer orientieren.

Bei Sabine Künzel (links) stehen heute Adjektive auf dem Stundenplan. Foto: Rolf Oeser

Es ist 19 Uhr, der Sprachunterricht kann beginnen. Das erste Wort, das es heute zu lernen gilt, ist „Aufrutschen“, denn es ist mal wieder sehr voll im Oberurseler Alfred-Delp-Haus. In einem zur Verfügung gestellten Raum in der Einrichtung für Behinderte bekommen Flüchtlinge an diesem Abend Deutsch beigebracht, ehrenamtlich und gratis. Möglich machen das die „Teachers on the road“, ein organisierter Zusammenschluss von freiwilligen Lehrern.

Sabine Künzel, 32, ist eine von ihnen. Sie arbeitet in einer Bad Homburger PR-Agentur. Seit einem Dreivierteljahr gibt sie ehrenamtlich Unterricht. Es folgt eine Vorstellungsrunde. Die Schüler sind zwischen 20 und 44 Jahre alt. Junge Männer dominieren die Runde , unter 18 Teilnehmern des Anfängerkurses gibt es heute nur drei Frauen. Die meisten der Schüler kommen aus Eritrea und Äthiopien, einige wenige aus Pakistan, Afghanistan, Syrien.

Samson, Fortun, Bisram. Die Namen stehen auf selbstgebastelten Namensschildern auf dem Tisch. Die meisten sind schon rund ein Jahr in Deutschland, einer aber kam erst vor drei Wochen an. Sie alle hoffen auf einen Neuanfang.

Heute geht es um Adjektive und ihre Steigerungen. „Groß, größer, am größten“, schreibt Künzel an die Tafel und „schön, schöner, am schönsten“. Ihre Schüler sind aufmerksam, beteiligen sich und schreiben konzentriert mit. Sie haben sonst in aller Regel keine Chance auf Sprachunterricht. Wenn sie in Deutschland Fuß fassen wollen, das wissen sie, brauchen sie Deutschkenntnisse.

Melden muss man sich nicht, man ruft einfach, wenn man es weiß. Auch eine Anwesenheitsliste gibt es nicht. Wer will, kann kommen. Ob als Asylbewerber „anerkannt“ oder nicht, das spielt hier keine Rolle. Die allermeisten Schüler kennt Künzel, vereinzelt kommen mal neue Gesichter hinzu. Sie erklärt die Wörter und ihre Bedeutung geduldig, wiederholt alles bei Bedarf. Manchmal lässt sie auch übersetzen, wenn sie nicht weiterkommt: Wörter wie ‚praktisch‘ und ‚gemütlich‘ sind, wie sich zeigt, wirklich nicht so einfach zu vermitteln, nicht mal in englischer Sprache, mit der sich die Lehrerin manchmal beim Erklären behilft.

Schulbücher für Flüchtlinge

Ein weiteres Problem sind die Unterrichtsmaterialien. „Klassische Schulbücher haben halt oft nichts mit der Realität von Flüchtlingen zu tun“, sagt Sabine Künzel. „Etwa, wenn die Figuren darin überlegen, was sie sich jetzt Schönes kaufen oder wenn sie in einen tollen Urlaub fahren.“ Eigentlich alle der Flüchtlinge haben große Strapazen durchgemacht, um nach Europa zu kommen. Die „Teachers“ entwickeln daher auch eigene Arbeitsblätter, die sich etwas enger am Leben der Teilnehmer orientieren. Nach Möglichkeit sollen sich auch noch Kurse für Fortgeschrittene herausbilden, um auf die unterschiedlichen Sprachniveaus der Teilnehmer einzugehen.

Zu der Lehrerinitiative kam Sabine Künzel über ein Netzwerktreffen an der Uni in Frankfurt. „Dort wurden alle möglichen Initiativen, die Flüchtlingen helfen, vorgestellt.“ Dort wurde ihr klar, dass sie unterrichten wollte, und sie schloss sich den „Teachers“ an. Von ihnen gibt es mittlerweile in Hessen und Rheinland-Pfalz 250, allein in Frankfurt sind es um die 100. Und das Projekt wächst stetig.

Im Oberurseler Kurs ist die Atmosphäre nach Unterrichtsschluss gelöst. Man sitzt noch beisammen und unterhält sich ein wenig, der Unterricht ist eine willkommene Abwechslung für viele der Flüchtlinge. Dann geht es zurück in die Unterkünfte.

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