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Filmaufnahmen in Frankfurt/Darmstadt In den Fängen der Psychose

Mit „Halt!Los!“ dreht Moritz Becherer in Frankfurt und Darmstadt einen Film über die diffusen Zukunftsängste junger Erwachsener.

Keine Gage, aber volle Konzentration: Blick auf die Dreharbeiten mit Moritz Becherer (Mitte) in einer Privatwohnung. Foto: peter-juelich.com

An den Zimmertüren einer Wohnung im Frankfurter Nordend hängen selbstgebastelte Schilder, die an WG-Zeiten erinnern: „Technik“ oder „Maske und Kostüm“ sind mit Filzstift drauf geschrieben. Das Filmteam quetscht sich in das Schlafzimmer, dem Drehort. Die eigentliche Mieterin ist eine Bekannte des Regisseurs und hat ihr Wohnreich für eine Szene bis zum Abend zur Verfügung gestellt. Hauptdarsteller Tim Bettermann kommt aus der Maske, lächelt, aber kann nicht die Hand zur Begrüßung geben. Das sind keine verfrühten Star-Allüren. „Ihm wurde gerade eine Handverletzung von der Maske drauf gemalt“, sagt Moritz Becherer, Autor und Regisseur von „Halt!Los!“. So heißt der Debütfilm von Becherer. Noch bis Ende August wird in Frankfurt und Darmstadt gedreht.

„Es geht um Max. Er ist Anfang 20 und wohnt noch bei seinen Eltern, die sich nichts mehr wünschen, als dass ihr Junge beruflich endlich in die Puschen kommt“, sagt Becherer. Der 37-jährige Darmstädter erzählt aber keine schweighöfermäßige Tralala-Komödie. Sein Protagonist Max trommelt lieber in Clubs zu elektronischer Musik und möchte sich an der Musikakademie bewerben.

Sein Vater sieht aber die „letzte Karrierechance“ für seinen Sohn in seiner eigenen Versicherungskanzlei. „Max fühlt sich hin- und hergerissen. Er will seine Eltern nicht enttäuschen, andererseits sich selber nicht untreu werden. Dieses Spannungsfeld wird immer stärker, so dass er letztendlich an einer Psychose erkrankt.“ Die Flucht in eine Scheinwelt wird zur Lösung vor den Problemen in der realen Welt.

Der Regisseur selbst litt fünf Jahre an der Krankheit, im Alter von Max brach sie aus. „In der Schulzeit ist alles noch geplant und geordnet. Nach dem Abitur hat man dann vermeintlich so viele Möglichkeiten. Aber 80 Prozent von den Berufen, die man machen kann, sind nicht die, die einen erfüllen. Es ist mir nicht explizit so gegangen wie Max in der Geschichte, aber es gab schon Berührungspunkte. Ich wollte auch Musik machen.“ Becherer hat leicht ergrautes Haar und ein schönes und freundliches Gesicht. Er überlegt immer sehr genau, was er sagt und wie er es am besten formuliert.

Ängst, von den Eltern übertragen

Als Autor wollte Becherer das Thema auf eine andere Ebene heben, denn die wenigsten Menschen könnten sich in eine Psychose hineinversetzen. „Es geht bei dem Film um Leistungsdruck sowie um die oft diffusen Zukunftsängste von jungen Erwachsenen, die die Eltern auf ihre Kinder übertragen.“ Er wolle mit diesem Film jungen Erwachsenen Mut machen, auf ihre eigenen Fähigkeiten zu vertrauen.

Becherer, der an der Kunsthochschule Kassel Schauspielführung studiert hat, erzählt nicht nur aus eigener Erfahrung. Denn der Darmstädter arbeitet mit vielen jungen Menschen zusammen. Er gibt Schulungen für Hostessen und Marketing-Seminare. Oft habe er dann in einem wenig begeisterten Ton gehört: „Ich studiere Jura.“ Und er ergänzt: „Ich habe gemerkt, dass ihre Berufswahl nur ein Kompromiss ist, der ihnen eine vermeintliche Sicherheit gibt.“ Da könne man auch die Frage stellen: „Warum man ständig nach dieser Sicherheit sucht?“

Das Drehbuch sei so geschrieben, dass der Zuschauer des 90-minütigen Spielfilms in das Erleben des Protagonisten hineingeführt wird, als würde es ihm selbst irgendwann widerfahren können. „Jeder kennt den Moment, in dem man merkt, dass man nicht den richtigen Weg eingeschlagen hat, sich das aber nicht eingesteht. Bis zu dem Moment, wo es umkippt in etwas Krankhaftes. Die Psychose ist nur ein Stellvertreter für eine psychische Erkrankung. Das kann auch ein Burnout oder eine Depressionen sein.“

Der Film soll im Frühjahr 2017 zunächst auf Festivals gezeigt werden. „Und wir sind bereits mit Fernsehsendern im Gespräch.“ 49 000 Euro gab es von HessenFilm. Das reicht nicht, um die Kosten zu decken. Das 25-köpfige studentische Filmteam arbeitet ohne Gage. „Auch die Schauspieler. Und trotzdem sind alle sehr konzentriert und engagiert dabei.“

Es gibt einige Sponsoren. Als regionalen Sponsor hat Becherer die MBF Filmtechnik, die ihm mit 70 000 Euro das Equipment für einen Monat stellt. „Die Caritas kocht für uns, das Staatstheater Darmstadt macht Requisite und Kostüme. Das ist schon ein Vertrauen, das uns ausgesprochen wird.

Vielleicht auch mit der Hoffnung, dass Hessen noch mehr als Filmland auch für Nachwuchs-Regisseure populär wird. “
Für den 20. August werden noch Komparsen für eine nächtliche Partyszene gesucht. Details und Bewerbungen unter: www.facebook.com/spielfilmhaltlos. Alle Infos zum Film unter: www.spielfilmhaltlos.de

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