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Oberursel Ehrung für die Unangepassten

Unangepasst, sperrig, frech: Der Kunstgriff-Verein formierte sich in den Achtzigern als Kultur- und Kunsttruppe, seine Anhänger entstammten der linken Szene. Der Kunstgriff organisiert den „Orscheler Sommer“ und erhält im Oktober die Bürgermedaille der Stadt Oberursel.

Beim Orscheler Sommer gibt es regelmäßig was für Radler, Filmfans, Seifenkistenbauer – und Skater. Foto: Michael Schick

Aus dem kulturellen Leben der Stadt ist der „Orscheler Sommer“ nicht mehr wegzudenken. In jedem Jahr werden zwischen 20 und 30 Veranstaltungen der unterschiedlichsten Kategorien auf die Beine gestellt, von Sport und Spaß über Film bis Musik, einschließlich solcher Klassiker wie dem Seifenkistenrennen. All das geht auf das ehrenamtliche Engagement des federführenden Vereins „Kunstgriff“ zurück, der auch regelmäßig beim Karnevalszug teilnimmt und viele weitere Events auf die Beine stellt. In diesem Jahr wird der Verein die Bürgermedaille der Stadt erhalten; die Verleihung geht am 6. Oktober beim Bürgerempfang in der Stadthalle über die Bühne.

Zu Gründungszeiten, da sind sich Bürgermeister Hans-Georg Brum und der heutige Kunstgriff-Vorsitzende Dirk Müller-Kästner einig, wäre eine städtische Ehrung des eigenwilligen Vereins nur schwer vorstellbar gewesen.

„Vertragen wir uns mit fast allen“

Mitte der Achtziger ging es politisch hoch her. Der erbitterte Streit um den Bau der Frankfurter Startbahn West und den geplanten Feldbergzubringer prägte die Zeit. Der Kunstgriff wurde zum Sammelbecken für Kreative aus dem linken Milieu. Man formierte sich in jener Zeit, um abseits des Gewohnten und Etablierten kulturell etwas zu bieten, aber auch, um aufzurütteln. Unbequem und sperrig wollte man ganz bewusst sein. So ist es auch heute noch, doch die Vorzeichen haben sich geändert. „Inzwischen vertragen wir uns mit fast allen“, schmunzelt Dirk Müller-Kästner. Das bedeute aber keineswegs, dass man nun gänzlich zahm und unpolitisch geworden sei.

Spektakuläre Auftritte beim Taunus-Karnevals-Zug gehören dazu – anfangs noch als Guerilla-Aktion, ganz unangemeldet reihten sich die Kunstgriffler damals in den Zug ein. Es ging auch darum, den noch immer bewusst ziemlich unpolitisch gehaltenen Oberurseler Karneval wachzurütteln, in aller Regel mit bissigen Slogans. Als etwa der Bahnhof noch sein unsaniertes, trauriges und durchaus unsauberes Gesicht trug, dichtete der Kunstgriff zum Zug 2006 mundartlich korrekt: „Orschels Bahnhof stinkt nach Klo, Champagnerluft weht annerswo“. Das Dauerthema Fluglärm wurde 2012 zum Schwerpunkt gemacht, nachdem der Flughafen im Jahr zuvor erweitert wurde: „Lustiger als Rinderwahn ist die neue Landebahn“.

Während der Verein sich sein politisches Profil mit diesen Auftritten bewahrt, geht es beim „Orscheler Sommer“ eher darum, mit bescheidenen Mitteln ein Kulturprogramm für möglichst viele Menschen zu schaffen. Und das ist ganz im Sinne von Bürgermeister Brum.

Publikumsmagnet mit knappem Budget

„Wir sind nicht wie Bad Homburg oder Eschborn, die sich was einkaufen und damit den ganzen Sommer über einen Riesen-Hype veranstalten können“, sagt er. Improvisiert und mit wenig Geld gehe es auch. Das beweise der Kunstgriff jedes Jahr aufs Neue, lobt Brum. Auch wenn heute natürlich alles etwas professioneller und eingespielter abläuft als noch vor 30 Jahren.

„Der Orscheler Sommer hat an Statur gewonnen“, wie Brum es nennt. Fest verankert, man müsste fast sagen, etabliert, sind Seifenkistenrennen und Fischerstechen. Dazu kommen eine Reihe von Sportevents, Konzerten, Filmvorführungen und Veranstaltungen, die ohne das Engagement Ehrenamtlicher nicht stattfinden würden. Aus städtischer Kasse bekommt der Verein dafür jährlich einen Zuschuss von rund 14 000 Euro.

Doch das reicht längst nicht aus für das immer anspruchsvollere Programm, das den Bogen von Techno bis Klassik spannt. „Öfter mal überweisen uns zufriedene Besucher Geld“, berichtet Müller-Kästner. Das sei erfreulich, auch wenn das natürlich immer eher kleine Summen seien. „Wir sind halt inzwischen bei Dimensionen angelangt, da helfen uns auch große Beträge.“

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