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Bad Homburg Der Magistrat geht ab

Die närrische Sitzung der Stadtregierung wirft grundsätzliche, aber nicht ernsthafte Fragen auf. Etwa warum sich närrische Würdenträger mit so vielen Orden beladen, dass es quasi ausgeschlossen ist, Menschen zarterer Statur höhere Narrenämter zu übertragen?

Verkaufte als Zeitungsmann das allerneueste „Homburger Blahblah“: Sozialdezernent Dieter Kraft. Foto: Monika Müller

Für die Narren ist so ein Abend geübte Routine, die Show läuft mehr oder weniger wie geplant, die Pointe sitzt gut oder auch mal schräg und das Bier läuft. Für den närrisch Ungeübten hinterlässt eine närrische Magistratssitzung grundsätzliche Fragen, über die er noch lange grübeln wird – ohne einer Beantwortung je ernsthaft näherzukommen.

Da wäre das Mysterium des Männerballetts. Wie kann es sein, dass ausgewachsene Mannsbilder nur dann ihrem Spaß an rhythmischer Bewegung finden, wenn sie diese Gaudi einmal im Jahr nur zur fünften Jahreszeit öffentlich ausleben dürfen?

Warum kein Männerballett zum städtischen Jahresempfang, denn die Leistung der Tanzkerle vom HCV kann sich sehen lassen. Flott, abwechslungsreich und sogar mit Hebefiguren, die meisten geglückt. Zu bewährten Gassenhauern wie „Y.M.C.A.“ starteten die Männer in Seemannskleidung wie einst die Chippendales, doch außer nackten Schultern gab’s natürlich nichts zu sehen.

Zweitens: Warum beladen sich närrische Würdenträger mit so vielen Orden, dass es quasi ausgeschlossen ist, Menschen zarterer Statur höhere Narrenämter zu übertragen? Wer’s nicht glaubt, Stephan Hett, in gefühlter 142. Generation in der Homburger Fassenacht tätiger Neu-Träger des Närrischen Magistratsordens, kann‘s bezeugen.

Zweieinhalb Kilo am Hals

Der Standartenträger und Spielmannszug-Trommler zählt das närrische Lametta auf seiner breiten Brust und verweist dann ehrfurchtsvoll auf die, die weit schwerer zu tragen hat: Prinzessin Lisa I.. Zweieinhalb Kilo habe die am Hals und letzte Woche auf der Küchenwaage abgelesen. Das Kreuz muss man erst mal haben. Narrenkappe ab, Frau Prinzessin! Das wäre kein Job für Germany’s next oder frühere Topmodels.

Alsdann stellt sich drittens die Frage: Wie geht es wirklich im Magistrat der Stadt zu? Nichts dringt (offiziell) nach außen aus jenem Treffen der Stadtväter und -mütter, doch nach dem Studium der Magistratsmitglieder bei jener närrischen Sitzung lassen sich Schlüsse ziehen: Im Magistrat geht der Punk ab. Stühle fallen, Zoten werden gerissen, Rollenbilder ausgelebt: Kämmerer Krug im strengen Vogt-Rock, Beate Fleige unterm Hexenhut, Alfred Etzrodt mit der ewigen Pappnase.

Oder es verhält sich ganz anders und Oberbürgermeister Alexander Hetjes fühlt sich im närrischen Magistrat wohler als im echten. Ausgelassen wie ein Fünfjähriger hüpfte und sprang das Stadtoberhaupt mit den Krawallos des Club Humor über die Bühne und zog rotzlöffelfrech und schlagfertig seine Show auch in der Bütt ab. Auf dieser Bühne zumindest steht der neue OB schon mal ganz fest.

Aber auch die letzte Frage des närrisch Ungeübten wird wohl für immer im Konfettiregen stehen bleiben: Was zwingt das textliche Niveau von Fastnachtsschlagern so unter die Gürtellinie? Man möchte doch auch mitsingen können, wenn das Gehirn nicht jenseits aller gesundheitsbedenklicher Promillegrenzen betäubt ist.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Fastnacht Rhein-Main

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