Lade Inhalte...

Familiendrama Das Ende des Schweigens

Als junges Mädchen wurde Katja Schneidt in eine islamische Parallelwelt entführt. 18 Jahre später beschreibt sie ihr Martyrium in einem Buch und sagt gegen ihren gewalttätigen Exfreund aus.

24.09.2011 21:21
Heike Sommerkamp

Als Katja Schneidt den schwarzhaarigen Mahmud mit den großen dunklen Augen kennenlernte, war sie gerade 18 geworden. Erst aus Liebe, dann aus Angst ließ sie es geschehen, dass der junge Mann sie mitten in Deutschland in eine islamische Parallelwelt entführte, sie zunehmend absonderte und verhüllte, entrechtete – und mehrfach halb totschlug. Erst nach dreieinhalb Jahren gelang ihr die Flucht. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen ihren Exfreund – und Katja Schneidt fürchtet erneut um ihr Leben.

Sie ist inzwischen vierzig Jahre alt, hat ihr Martyrium gut verarbeitet, lebt mit ihren zwei Kindern und ihrem langjährigen Lebensgefährten, der ebenfalls zwei Kinder mit in die Beziehung brachte, in der Nähe von Frankfurt – unter Polizeischutz. Denn statt weiterhin zu schweigen, hat die sympathische Blondine ihre damaligen Erlebnisse im Januar als Buch veröffentlicht. Mit ihrem Erstling „Gefangen in Deutschland“ (mvg-Verlag) gelang ihr für 12 Wochen der Sprung auf die Spiegel-Bestsellerliste.

„Ich möchte Frauen helfen, die sich in ähnlichen Lebenssituationen befinden wie ich damals“, erklärt die Autorin ihre Motivation. Mit ihrer erschütternden Schilderung möchte sie keinesfalls den Islam, sondern die Gewalt gegen Frauen anprangern. „Männer, die ihre Frauen schlagen, gibt es in allen Kulturen – auch unter deutschen Paaren“, betont sie.

An der türkischen Lebensart weiß sie bis heute die engen familiären Bindungen, den Zusammenhalt unter den Frauen und die landestypische Küche besonders zu schätzen. Dank ihrer differenzierten Kritik erntet Katja Schneidt von allen Seiten Zustimmung.

Auch türkische Männer haben sich positiv über ihr Buch geäußert. „Ich habe bis heute nicht eine einzige negative Mail bekommen“, freut sich die Autorin über eine Vielzahl beifälliger Zuschriften.

Demnächst könnte Katja Schneidt und ihrer Familie allerdings weit mehr zustoßen als „nur“ ein böser Brief: Auf Druck der Staatsanwaltschaft hat sie nun umfassend gegen ihren Exfreund und gegen Kerim, den Expartner ihrer Freundin Petra, ausgesagt. „Ich habe mich lange dagegen gewehrt“, berichtet sie. „Erst nachdem mein Haus durchsucht, mein Computer beschlagnahmt, ein Ordnungsgeld von 1000 Euro wegen Nichtaussage verhängt und Erzwingungshaft in Aussicht gestellt wurde, habe ich mich zu einer Aussage entschlossen.“

Begründung ist die Angst: „Ich wusste, dass ich mich in dem Moment, wo ich aussage, in akute Lebensgefahr begebe“, erklärt sie. Immerhin werde gegen ihren Exfreund nun wegen zweifachen versuchten Totschlags ermittelt. Der Vorwurf gegen Kerim laute gar auf versuchten Mord, erläutert Schneidt: „Er hat versucht, meine Freundin Petra mit einem Gürtel zu erwürgen.“

„Frau Schneidts Buch ist von uns intensiv gesichtet und ausgewertet worden. Das unsererseits Erforderliche ist veranlasst“, bestätigt Oberstaatsanwalt Uwe Braun die laufenden Ermittlungen. Schneidt beobachtet diesen Ermittlungseifer mit gemischten Gefühlen: „Hier wird ein Exempel statuiert“, konstatiert sie. „Nachdem die Medien aufgrund meines erfolgreichen Buches wiederholt nachgehakt haben, will die Justiz diesen Prozess um jeden Preis – und in anderen, ähnlich schweren Fällen kommen die Täter mit Verfahrenseinstellung oder Bewährungsstrafen davon.“ Ihr kritisches Urteil stützt sie auch auf Lektüre: „Ich habe nach dem Erscheinen meines Buches Hunderte von erschütternden Mails bekommen. Und ich habe sie weiß Gott alle gelesen.“

Katja Schneidt wird also weiter um Öffentlichkeit kämpfen – „für alle Frauen, die der Gewalt ihrer Männer ausgesetzt sind, gleich welcher Kultur und Religion sie angehören“.

Weitere Informationen gibt es im Internet unter der Adressewww.katjaschneidt.de

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen