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Falschmeldung Das erfundene Waffenlager

Das hessische CDU-Vorstandsmitglied Ismail Tipi verbreitete eine Falschmeldung über Funde bei Islamisten.

Es war eines jener Gerüchte, die sich im Internet wie ein Lauffeuer zu verbreiten pflegen: Bei einem „Top-Secret-Einsatz“ in Nordrhein-Westfalen habe ein Spezialeinsatzkommando (SEK) der Polizei ein Waffenlager islamistischer Terroristen ausgehoben – schwere Kriegswaffen, versteckt im Kühlraum eines Gemüsehändlers in der Nähe einer Moschee. Die vermeintliche Nachricht entbehrte jeder Grundlage, doch in den sozialen Netzwerken, auf rechten und rechtsextremen Websites machte sie schnell Karriere. Denn anders als sonst gab es diesmal eine scheinbar seriöse Quelle: einen führenden CDU-Politiker aus Hessen.

Der Landtagsabgeordnete Ismail Tipi, Mitglied im Landesvorstand der Union und integrationspolitischer Sprecher seiner Fraktion, hatte den angeblichen Kriegswaffenfund Mitte Juni auf seiner Internetseite publik gemacht. Das sei das Ergebnis seiner „Recherchen“, schrieb der Exjournalist aus Heusenstamm. Seinem Text gab er den nicht eben zurückhaltenden Titel: „Vorsicht – Dschihadisten in Deutschland bewaffnen sich“.

Beharren auf Behauptung

Obwohl sich sehr schnell herausstellte, dass keine Polizeibehörde von einem solchen SEK-Einsatz wusste, hielt Tipi zunächst weiter an seinen Behauptungen fest. Erst vier Wochen später räumte er in einem weiteren Beitrag ein, dass es sich um eine Falschmeldung gehandelt habe. Wobei er das Wort „Falschmeldung“ allerdings lieber vermied: „Gottseidank“, schrieb der 57-Jährige, hätten sich seine Recherchen „bislang nicht bewahrheitet“.

Im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau verteidigt Tipi seinen ursprünglichen „Bericht“: Er sei „von zwei unabhängigen Quellen informiert“ worden, sagt er. Und, nein, der rechtslastige Verschwörungsjournalist Udo Ulfkotte sei keiner dieser beiden Informanten. Ulfkotte, einst Redakteur der FAZ und heute auf Dauerfeldzug gegen die „Lügenpresse“, hatte nahezu wörtlich dieselbe Falschmeldung in die Welt gesetzt. Noch bevor Tipi mit seinem Text eine Lawine im Internet lostrat.

Vor der Veröffentlichung, beteuert der CDU-Politiker, habe er bei der Polizei in Köln und beim Bundeskriminalamt angerufen. Und weil er damals noch kein klares Dementi bekommen habe, sei er umgehend zur Tat geschritten. „Vielleicht war ich zu schnell, ich weiß es nicht“, sagt er. „Vielleicht hätte ich noch zwei oder drei Tage warten sollen.“ Aber er fühle sich eben verpflichtet, die Menschen zu warnen. „Für mich ist es wichtig, die Bürger wachzurütteln und zu sensibilisieren“, erklärt der streitbare Kämpfer gegen Islamismus und Dschihadismus. Und da sei es letztlich doch egal, ob es den SEK-Einsatz nun gegeben habe oder nicht.

Dass man es nicht allzu verantwortungsvoll finden kann, wenn ein derart brisantes Gerücht von einem Landtagsabgeordneten ohne jede Bestätigung weiterverbreitet und damit aufgewertet wird, erschließt sich dem Unionsmann nicht. Er denke, er habe richtig gehandelt, sagt er. „Lieber dreimal falscher Alarm als einmal zu wenig.“ Seine Falschmeldung geistert derweil weiter durch das Netz, verbunden mit dem Vorwurf an die Medien, diesen dramatischen Waffenfund zu verschweigen. Trotz seiner späten Richtigstellung wird Ismail Tipi dabei nach wie vor als Kronzeuge angeführt.

„Es ist ein gefährliches Spiel, was alles im Internet veröffentlicht wird“, meint der Politiker. Weise gesprochen.

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