Lade Inhalte...

Fachhochschule Frankfurt Die geschrumpfte Stadt

Forscher wollen mit einem Computerprogramm beweisen, dass der demografische Wandel Kommunen bedroht. Von Lilith Becker

30.06.2009 00:06
Lilith Becker
Rentner auf einer Bank: Wohl ein häufiges Bild in den Stadtparks der Zukunft. Foto: dpa

Dieses Stichwort spukt seit Jahren durch die Flure der Universitäten: der demografische Wandel. Die Deutschen werden immer älter und der Nachwuchs fehlt. Die Alterspyramide steht bald auf dem Kopf. Mögliche Generationenkriege wurden schon prognostiziert. Denn die Jungen, die heute in die Sozialversicherungssysteme einzahlen, werden kaum etwas herausbekommen, wenn sie selbst alt sind.

"In den Köpfen der Entscheidungsträger sind die Konsequenzen des demografischen Wandels nicht verankert", sagt Sven Stadtmüller vom Forschungszentrum für Demografischen Wandel (FZDW) an der Fachhochschule Frankfurt. Gemeinsam mit dem Institut für Neue Medien hat das Zentrum ein Computerprogramm entwickelt, um den demografischen Wandel für Städte und Gemeinden sichtbar zu machen.

"Auf dem Land wird der Wandel als Erstes erfahrbar", sagt Gerd Doeben-Henisch, Leiter des FZDW. "Schulen müssen schließen, der Pflegebedarf nimmt zu und Wohnungen stehen leer." Wenn eine Stadt auf eine solche Entwicklung zusteuere, dann sollte sie das vorher wissen, findet Doeben-Henisch. Das Computerprogramm der Forscher erstellt eine Prognose: Wie wird sich die Struktur der Bevölkerung verändern? Wie viele Alte und wie viele Junge wird es geben?

In vielen Städten könnten sich die verschiedenen Fachabteilungen und Parteien nicht einigen, sagt Doeben-Henisch. "Welches sind die Vorhaben, die für unsere Stadt wichtig sind?", formuliert sie die wichtigste Frage. Um die zu beantworten, brauchten die verschiedenen Stimmen in einer Stadt eine von allen akzeptierte Entscheidungshilfe. Sven Stadtmüller und Gerd Doeben-Henisch hoffen, ihr Computerprogramm könnte diese Entscheidungshilfe sein.

Die Software OKSIMO wird mit Bevölkerungsdaten des Statistischen Landesamtes der letzten Jahre gefüttert. Geburten und Sterbefälle sind verzeichnet und wie viele Menschen in eine Stadt und aus ihr fort zogen. In einem ersten Versuch testeten die Forscher ihr Programm in der Kleinstadt Rödermark. Sie liegt südöstlich von Frankfurt in einem leicht hügeligen Teil der Untermainebene, hat rund 26000 Einwohner. Die Forscher legten die Bevölkerungsdaten der Jahre 1997 bis 2007 zugrunde. Die Prognose: Im Jahr 2025 leben nur noch 23000 Menschen in Rödermark. Der Grund: Mehr Menschen ziehen aus der Kleinstadt weg.

"Das war Rödermark nicht bewusst", sagt Stadtmüller. Aufgrund anderer Statistiken, die die Entwicklungen von ganzen Landkreisen abbilden, sei die Stadt von einer gleich bleibenden Bevölkerung ausgegangen. "Unser Modell hat aber einen Vorteil", erklärt Stadtmüller. "Wir schauen uns die jeweiligen Kommunen an und können Besonderheiten berücksichtigen."

Vor allem der Kämmerer in Rödermark sei von den Ergebnissen entsetzt gewesen. Denn eine kleinere Bevölkerung bedeutet schließlich geringere Einnahmen für eine Stadt. Die Ergebnisse wurden dem Magistrat in Rödermark vorgelegt. Dieser möchte nun herausfinden, was die Menschen dazu bewegt, Rödermark zu verlassen. "Das kann unser Programm natürlich nicht", sagt Stadtmüller. Welche Motive die Abwanderung aus Rödermark hat, darüber gebe es bisher keine Daten. "Aber es hat in Rödermark zu der Frage geführt: Wie gehen wir eigentlich mit unseren Bürgern um?", sagt Doeben-Henisch.

Das FZDW nennt sein Programm "Computergestütze Politikberatung für Kommunen". Bis jetzt haben es die zwei Forscher nur in Rödermark angewandt. Doch die Software OKSIMO könne sich jeder frei herunterladen, sagt Doeben-Henisch. Das Programm solle den Beteiligten Arbeit abnehmen. "Wer hat schon Zeit in der Politik, sich mit Grundsatzfragen zu beschäftigen?", fragt er. Entscheidungsträger sollten die Ergebnisse als eine gemeinsame Wahrheit akzeptieren. "Denn wenn ich nicht sicher weiß, dass ich gegen die Wand fahre, dann mache ich auch nichts."

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum