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Europas größtes Tourismusprojekt Provinzbürgermeister mit großen Plänen

Der ehrgeizige Heinrich Sattler will einen gigantischen Freizeitpark in Nordhessen bauen. Der Dokumentarfilmer Klaus Stern hat ihn begleitet. Der FR sagt er, warum jetzt Funkstille herrscht.

12.02.2009 00:02
Hoffnungen vor Palmen und Hotels: Bürgermeister Sattler auf Investorensuche in Südfrankreich. Foto: Verleih

Sie haben den RAF-Terroristen Andreas Baader porträtiert, den Aufstieg und Fall des New- Economy-Stars Tan Siekmann dokumentiert - was hat Sie an der Person des Hofgeismarer Bürgermeisters Heinrich Sattler gereizt?

Ich mag Menschen mit Visionen, Menschen, die Ambitionen haben, die - und ich sage bewusst "vielleicht" - nichts mit der Realität zu tun haben. Das interessiert mich. Menschen, die etwas wollen, die etwas anpacken, was möglicherweise auch unrealistisch ist, solche Figuren begleite ich gerne.

Sie haben Sattler drei Jahre dabei beobachtet, wie er sein gigantisches Ferienpark-Projekt mit dem Architekten Tom Krause entwickelt und weltweit Investoren sucht. Wie ist es Ihnen gelungen, so nah an die beiden Protagonisten heranzukommen?

Vertrauen. Vertrauen gegen Vertrauen. Ich bin niemand, der tagesaktuell berichtet. Laut Zeitplan sollte das Projekt bereits im Bau sein, wenn ich mit dem Film in die Kinos komme. Bewusst habe ich alle Dinge, die ich vor oder während des Drehs erfahren habe, keinem erzählt und natürlich vorher nichts veröffentlicht.

Trotz der Nähe zu den beiden Hauptfiguren entsteht keine Kumpanei. War es schwer, diese Balance zu halten?

Nein, ich sieze mich weiterhin mit Henner Sattler. Und es ist so: Ich mag Herrn Sattler, ich mag alle meine Figuren. Selbst an Andreas Baader habe ich sympathische Seiten entdeckt. Man kann nur eine gute Geschichte erzählen, wenn man sich lange und intensiv auf seine Figuren einlässt. Wenn man seine Protagonisten verteufelt und seine Helden nicht mag, dann wird auch der Film nichts werden.

Hat es Sie verblüfft, mit welcher Offenheit Ihre beiden Helden agiert haben?

Nein, nicht unbedingt. Wenn ich diese Offenheit nicht von Anfang an gespürt hätte, hätte ich mit dem Film erst gar nicht angefangen.

Kannten Sie Heinrich Sattler und Tom Krause schon vorher?

Nein. Ich wusste noch nicht einmal, dass Heinrich Sattler Bürgermeister von Hofgeismar ist. Es war so, dass ich Tom Krause angerufen habe. Ich habe ihn irgendwo in Dubai oder Abu Dhabi auf dem Handy erwischt. Er war sofort von der Idee begeistert und hat mich anderthalb Stunden nicht mehr losgelassen. Bei einem anderen Projekt, bei dem er der Architekt war, hatte Tom Krause die Chance einer Dokumentation verpasst. Natürlich wollten Heinrich Sattler und Tom Krause auch ihre eigene Erfolgsgeschichte verfilmt sehen.

Ist "Henners Traum" ein Heimatfilm, ein Wirtschaftsfilm oder ein politisches Lehrstück mit offenem Ausgang?

Alles zusammen. Ich glaube, er hat Facetten von allem, was Sie aufgezählt haben. Besser kann man es nicht umschreiben. Auf jeden Fall ist das ein topaktueller Film zur Wirtschafts- und Immobilienkrise.

Bleiben wir bei den schönen Formulierungen. Eine Kritikerin hat über Ihren Film "Weltmarktführer" geschrieben: "Darin unterscheidet sich der Film von den meisten Märchen: Hinterher weiß man nicht genau, wer die Guten und die Bösen sind." Das könnte ich doch jetzt über "Henners Traum" ebenso schreiben, oder?

Durchaus. Das ist immer der Anspruch meiner Filme. 2001 habe ich mal einen Film über einen Elternmörder gemacht. Es war nicht klar, ob er tatsächlich seine Eltern getötet hatte und ob er zu Unrecht verurteilt wurde. Meine Cutterin hat sich jeden Tag umentschieden, ob er es nun getan hatte oder nicht. Diese Ambivalenz in Dramaturgie und Inhalt - die zugegeben manchmal schwer auszuhalten ist - sollten möglichst alle meine Filme haben.

Sie haben als Postbote gearbeitet, als Handelslehrer, wie kamen Sie zum Film?

Mein Einstieg war beim Hessischen Rundfunk. Ich habe als Praktikant bei "Live aus dem Schlachthof" gearbeitet. In den ersten Tagen habe ich da einen Talkgast kennen gelernt, mit dem ich mich 14 Jahre später nochmals beschäftigt und einen Dokumentarfilm gedreht habe. Er hieß: "Lawine - Leben und Sterben des Werner Koenig". Der Film hat letztes Jahr den Hessischen Filmpreis gewonnen.

Warum Dokumentarfilme?

Weil ich unspezifisch neugierig bin. Ich weiß ja nicht, wie Sie zum Journalismus gekommen sind - wahrscheinlich haben Sie mit 17 bereits für die hiesige Tageszeitung geschrieben. Ich habe nichts dergleichen gemacht. Ich bin eigentlich sehr faul und habe mit 24 mein erstes Praktikum gemacht. Vorher habe ich studiert, aber mit Journalismus hatte ich nichts zu tun. Ich bin auch nicht wie ein Wilder mit Super-8-Kamera jeden Tag unterwegs gewesen, mitnichten.

Wie waren die ersten Reaktionen auf "Henners Traum", der in Kassel seit einigen Wochen zu sehen ist? Sind die Leute entsetzt über das Projekt oder finden sie den Bürgermeister toll?

Dem Film eilt ein Ruf voraus. Der Film war in Kassel acht Mal hintereinander mit fast 300 Plätzen ausverkauft. Wir haben hier in einem Kino schon fast 5000 Zuschauer. Viele CDU-Anhänger sagen, Henner Sattler macht keine so gute Figur, und deswegen sind sie auch nicht Freunde des Films. Aber es gibt Menschen - auch CDU-Anhänger aus der Region -, die auf mich zugekommen sind und sagen: Toll, der Henner ist doch gut getroffen. Der Film kommt in der Region und bei den Kritikern gut an. Ich habe noch nicht gehört, dass sich jemand gelangweilt hätte. Man kann sagen, der Film spaltet. Neulich habe ich eine sehr schöne Reaktion erlebt. Eine Frau sagte, sie sei vor lauter Wut eingeschlafen. Das hatte ich noch nie gehört. Sie fand den Film nicht etwa langweilig, aber sie meinte, sie habe sich über die Dialoge und nach ihrer Ansicht hohlen Phrasen so geärgert, dass sie erst mal eine Viertelstunde im Kinosessel schlummern musste.

Und wie reagiert der Bürgermeister? Spricht der noch mit Ihnen?

Nein, zurzeit nicht. Aber ich bin guter Dinge, dass das wieder besser wird. Ich mag Henner Sattler sehr. Ich finde, dass er ein guter Bürgermeister ist, einfach ein kommunikativer Typ Ich glaube, wenn viele nordhessischen Kleinstädte solche Bürgermeister hätten, das Projekt mal ausgeklammert, würde es ihnen gut tun.

Findet Henner Sattler für sein Tourismusprojekt noch Investoren?

Um offen zu sein, ich glaube, in der jetzigen Lage wird die Realisierung des Projekts immer schwieriger.

Interview: Volker Trunk

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