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Ethikberatung Wichtige Fragen am Lebensende

Der Palliativexperte Boris Knopf spricht im FR-Interview über ambulante Ethikberatung.

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Am Ende des Lebens stellen sich manchmal Fragen, die Angehörige und Ärzte überfordern. (Symbolfoto) Foto: Mascha Brichta (dpa-tmn)

Am Ende des Lebens stellen sich manchmal Fragen, die Angehörige und Ärzte überfordern. Die von der Landesärztekammer initiierte ambulante Ethikberatung bietet Unterstützung. Nach der Projektregion Marburg-Biedenkopf nimmt am Donnerstag das Großstadtteam Frankfurt-Offenbach offiziell die Arbeit auf. Verantwortlich ist der gelernte Pfleger Boris Knopf, Leiter des Palliativteams Frankfurt.

Herr Knopf, was sind die Schwerpunkte einer ambulanten Ethikberatung?
Die meisten Fragen betreffen Situationen am Lebensende. Da kann es um die Entscheidung für Therapieziele gehen. Oder es gibt Unklarheiten über den Willen des Patienten, der sich nicht mehr äußern kann. Das kann zu Konflikten führen.

Sie bieten Ihre Hilfe an. Wer kann sich bei Ihnen melden?
Eine ambulante Ethikberatung ist primär ein Angebot für jene, die in der ambulanten Versorgung unterwegs sind. Sie ist eine Unterstützung für den Hausarzt, den Facharzt, aber auch die Familie oder Pflegekraft. Wir helfen, wenn es zu Konflikten kommt.

Was sind das für Konflikte?
In der Familie gibt es zum Beispiel Unklarheiten darüber, was der Patient in dieser Situation gewollt hätte oder nicht.  Der Hausarzt ist in einem Dilemma. Er wendet sich an die Ethikberatung. Wir laden alle an der Versorgung Beteiligten zu einer Fallbesprechung ein – Familienmitglieder, Pflegedienst, Sozialarbeiter, Hausarzt. In dem Gespräch werden die Fragestellungen gemeinsam bearbeitet. Der Berater ist die neutrale Instanz, er hat die Aufgabe zu moderieren.

Das heißt, Sie versuchen, die Akteure auf eine gemeinsame Linie einzuschwören, fällen aber keine Entscheidung?
So ist es. Wir unterstützen mit sachlichem und fachlichem Know-how. Die ambulante Ethikberatung hat einen reinen Empfehlungscharakter. Beim Arzt bleibt die Entscheidung, wie die medizinische Behandlung fortgesetzt wird. Höchste Priorität hat aber immer der (mutmaßliche) Wille des Patienten.

Haben Sie noch ein Beispiel?
Ein Patient liegt in einer Pflegeeinrichtung, und die Kinder sagen: Das hätte mein Vater so nicht gewollt. Wir schauen gemeinsam die Patientenverfügung an, klären ab, wie der Hausarzt die Situation einschätzt; „man will ja niemanden verhungern und verdursten lassen“, wie also mit einer solchen Situation umgehen? Das sind klassische ethische Fragestellungen.

Erschwert es die moderne Medizin, das natürliche Ende zuzulassen?
Es muss einen guten Dialog geben. Es muss klar sein, dass alles medizinisch Notwendige unternommen werden kann, wenn der Patient es möchte. Aber es gilt auch, nach der Sinnhaftigkeit zu fragen. Die Palliativversorgung ist auch dazu da, diese Sinnfrage zu stellen. Medizin macht vieles möglich. Es geht darum, Menschen zu befähigen, selbst für sich entscheiden zu können, was sie wollen und was nicht. Deshalb ist eine Patientenverfügung so wichtig! Sie ermöglicht, bis zum Ende in Autonomie leben zu können.

Gehört zur Autonomie nicht auch, den Wunsch nach Sterbehilfe zu erfüllen?
Nein. Aber es darf nicht bei dem Nein bleiben. Man muss die Gründe für die Frage nach dem tödlichen Medikament finden und sich darum kümmern, Symptome oder Beschwerden zu behandeln. Sieht ein Mensch sich nicht mehr als in Würde lebend an, müssen wir ihn begleiten. Es muss ein Umdenken in unserer leistungsorientierten Gesellschaft stattfinden. Wir müssen uns diesen Menschen an die Seite stellen, sie nicht alleinlassen.

Die Ethikberater haben bereits erste Gespräche geführt. Wer hatte sie initiiert?
Hausärzte haben sich an uns gewandt. Wichtig ist, dass wir bei den Ärzten bekanntwerden, den ambulanten Pflegediensten und auch in den Pflegeeinrichtungen; wobei es in Frankfurt schon eine Ethikberatung im stationären Bereich gibt, da verstehen wir uns als Ergänzung.

Hat Ihr Verein genug ehrenamtliche Mitarbeiter?
Im Moment zwölf geschulte Ethikberater. Sozialarbeiter, Seelsorger, Ärzte, Pflegekräfte, Psychologen. Wir würden uns freuen, wenn noch mehr hinzukämen. Aber wir rechnen auch nicht mit Hunderten von Anfragen. Angesichts der Erfahrung andernorts gehen wir von 20, 30 Beratungen im Jahr aus.

Sie prognostizieren aber auch eine Zunahme ethischer Fragestellungen in der ambulanten Versorgung. Wieso?
Weil das Prinzip „Ambulant vor stationär“ gilt. Der Wunsch, zu Hause bleiben zu können, kann immer häufiger erfüllt werden. Außerdem eröffnet die moderne Medizin wahnsinnig viele Möglichkeiten. Und man merkt erst nach einer gewissen Zeit, welche ethischen Fragestellungen sich hieraus ergeben.

Interview: Jutta Rippegather

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