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Ernst May Alles neu macht der May?

Viele zu klein für moderne Ansprüche: 80 Jahre nach dem Kongress für Neues Bauen werden die Ergebnisse des Frankfurter Baumeisters neu diskutiert. Von Grete Götze

23.10.2009 00:10
Grete Götze
Muster ohne Wert? Das original hergerichtete May-Haus in der Römerstadt. Foto: FR/Hartung

Dass Ernst May Frankfurt zum Zentrum der modernsten Architekturdebatte seiner Zeit machen konnte, liegt auch am "Zweiten internationalen Kongress für Neues Bauen". Der fand 1929 statt - unter der Federführung von Le Corbusier. Thema: Die Wohnung für das Existenzminimum.

Anders formuliert: Wie kann ein Arbeiter für maximal ein Drittel seines Einkommens auf kleinster Fläche komfortabel wohnen? 80 Jahre nach dem geschichtsträchtigen Kongress untersuchen nun an diesem Wochenende Architekten und Architekturhisoriker erneut, was unter sozialem Wohnen verstanden werden kann. "Das Neue Wohnen 1929/2009" heißt die Tagung, in der durch Vorträge Konzepte von damals und heute einander gegenüber gestellt werden sollen.

"Wir müssen uns überlegen, wie Wohnungen heute aussehen sollen", sagt Michael Peterek vom Bund Deutscher Architekten. Schließlich würden nur noch sieben Prozent der Bevölkerung der klassischen Kleinfamilie entsprechen, für welche die Wohnungen in den 20er Jahren einst konzipiert worden seien. Der Grundriss mit großem Wohnzimmer, mittelgroßem Elternschlafzimmer und kleinen Kinderzimmern habe ausgedient.

Drei Ansätze zum Kongress

Professor Christian Freigang hat eher einen historischen Ansatz, den "Congrès International d´Architecture Moderne" unter heutigen Gesichtspunkten aufzuschlüsseln: Er nennt als Stichworte Internationalität, Nachhaltigkeit und Rationalität.

Als 1927 in Genf der Völkerbundpalast errichtet wird, fragen sich Architekten erstmals, welchem Stil eigentlich ein Gebäude entsprechen soll, "das für alle Völker gedacht ist". Dabei heraus kommt alles andere als neuartige Architektur, nämlich "monumentaler Klassizismus". Als empörte Reaktion auf diese Art zu bauen entsteht 1929 der zweite "Internationale Kongress für Neues Bauen" (CIAM) in Frankfurt.

Antiquierte Siedlungen?

In seiner Folge wird heftig darüber gestritten, ob die im Kongress angestoßene und in der Charta von Athen (1933) festgelegte, funktionalistische Art des Bauens überhaupt als Kunst bezeichnet werden kann. Denn durch "Neues Bauen" entstehen in der Weimarer Republik vor allem weiße, geometrische Flachdach-Häuser.

Fest steht, dass diese schnörkellöse Architektur zur internationalen Grundlage aller städtebaulichen Planungen der Nachkriegszeit geworden ist. Ernst Mays Siedlungen, etwa in Westhausen, bestimmen noch heute Frankfurts Architektur mit.

In der Tagung soll es auch darum gehen, ob sein Wohnkonzept inzwischen antiquiert ist, nicht mehr genug den Anforderungen im globalen Kontext entspricht. "Die Leute wohnen gerne in den Siedlungen", meint Eckhard Herrel von der Ernst-May-Gesellschaft.

Multifunktionale Räume

Regina Gödecke von der Technischen Universität Cottbus, die während des Kongresses einen Vortrag über Gender-Fragen in der modernen Architektur halten wird, ist anderer Meinung. Sie wünscht sich als ein Ergebnis der Tagung, "die bürgerliche Kleinfamilie als Idealmodell aufzugeben" und mehr auf "multifunktionale, enthierarchisierte Räume" zu setzen.

Für Freigang ist es dagegen angesichts der "Musealisierung der Siedlungsidee" umso erstaunlicher, dass "auf dem Campus Riedberg viele Siedlungskonzepte aus den 20er Jahren wieder aufgenommen werden".

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