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Erdogan in Wiesbaden Der goldene Erdogan

In Wiesbaden steht eine riesige Erdogan-Statue. Die Kunstaktion der Wiesbaden-Biennale bringt Migranten in Rage.

Goldene Erdogan-Statue in Wiesbaden
Kunst, die aufrütteln will: Das Erdogan-Standbild erregt viel öffentliche Aufmerksamkeit. Foto: Arne Dedert (dpa)

Vor den Füßen des goldenen Erdogan spielen sich tumultartige Szenen ab. Es wird gespuckt, geschimpft, geschubst und geschrieen. „Das provoziert uns Kurden“, ruft ein wütender Mann, „Erdogan ist ein Bastard, Kindermörder“, während ein anderer versucht, mit goldener Farbe die Schmähungen auf der Figur zu übertünchen, weil er sie unanständig und für „seinen Präsidenten“ nicht angemessen findet. „Warum beschäftigen sich die Deutschen mit der Türkei, die haben genug eigene Probleme“, sagt ein Jugendlicher, „Erdogan steht doch im Recht.“ Andere Leute, die sich gestern Mittag vor dem vier Meter hohen Standbild auf dem Platz der deutschen Einheit in Wiesbaden versammeln, befürchten, dass das Kunstwerk nur Streit in ihr Viertel bringe. Man sollte die Türken nicht so provozieren, ist von vielen zu hören. Die Situation könnte eskalieren – wie in Chemnitz.

In der Nacht zum Dienstag ist die tonnenschwere Statue, die den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan darstellt, als Kunstaktion der Wiesbaden Biennale positioniert worden. Die Landeshauptstadt hatte genehmigt, eine menschenähnliche Figur aufzustellen. Dass sie Erdogan zeigen würde, war nicht bekannt. Trotz der Aufregungen entschied der Magistrat, sie aus Gründen der Kunstfreiheit stehen zu lassen, solange davon keine Gefahr für die öffentliche Ordnung ausgehe. Polizisten bewachen das Kunstwerk.

„Die Statue steht da, damit die Leute über die Figur diskutieren“, erklärt Uwe Eric Laufenberg, Intendant des hessischen Staatstheaters und verantwortlich für die Biennale, einem Jugendlichen, der an Deutschland kein gutes Haar lässt. „Ihr mit eurer Meinungsfreiheit“, schleudert dieser dem Intendanten entgegen. Warum da nicht Merkel stehe oder Trump? Über eine Stunde stellt sich Laufenberg den Fragen und Beschimpfungen der aufgebrachten Leute. „Kunst zeigt, was ist, das müssen wir aushalten“, wiederholt er sich.
Manche Menschen freuen sich, dass „ihrem Präsidenten“ so viel Ehre zuteil wird; einige Frauen lassen sich vor der Statue fotografieren. Andere erbost zutiefst, dass Erdogan für Kunst herhalten solle, um ihn damit zu kritisieren.

Wer der Künstler ist, möchte Laufenberg nicht verraten, nur so viel: Er ist Schweizer. „Bad News“ ist das Motto der diesjährigen Biennale, die sich ganz bewusst zu den Bruchstellen unserer Gesellschaft aufmacht, geografisch und inhaltlich.

Die Orte, wo Theater gespielt und Installationen gezeigt werden, sind im „Hinterland“ an der Schwalbacher Straße, dort, wo viele Migranten wohnen. Dort kommen die Künstler mit Menschen in Kontakt, die sie auf der Prachtallee Wilhelmstraße nie treffen würden.

25 internationale Künstler, Kollektive und Ensembles legen den Finger dorthin, wo es wehtut: Es geht um die vergessenen Schlecker-Frauen, schuldige Landschaften und das Elend Afrikas. Der Migrantenstadl im Theater Wartburg beschäftigt sich in vielen bissigen und spaßigen Veranstaltungen mit Migration in Deutschland. „Integriert euch nicht“, steht auf dem über dem Eingang angebrachten Banner. „Wir sind uns bewusst, dass die aufgestellte Statue kontroverse Reaktionen und Debatten auslöst, die, so glauben wir, für eine offene und starke Zivilgesellschaft jedoch unerlässlich und gerade in diesen Zeiten absolut wichtig sind“, teilen die Kuratoren Maria Magdalena Ludewig und Martin Hammer am Abend mit. Es gehe ihr nicht darum, einer Seite, etwa den Deutschen oder der AfD, Schuld an den gesellschaftlichen Problemen zu geben, hatte Ludewig vor einigen Wochen im FR-Interview gesagt. „Uns interessiert: Woher kommt die Wut, die Demütigung, die Verunsicherung? Warum geht der Dialog kaputt?“ Es bildeten sich geschlossene Kreise, und jeder meine, auf der richtigen Seite zu sein. Eine Antwort habe sie nicht, aber Kunst müsse die Fragen dazu stellen. Zudem sei die Biennale der Versuch, ein Gefühl der Verunsicherung zu schaffen, weil Installationen plötzlich auftauchten, über die die Leute sich fragen sollten: „Ist das Kunst oder kann das weg?“ Mit der Erdogan-Statue ist dies gelungen.

Die Europa-Union versteht dies jedoch nicht. „Diese Aktion ist völlig inakzeptabel“, teilt ihr Vorsitzender Peter Niederelz mit und fordert das Entfernen der Statue. Wer für die demokratischen Grundrechte einstehe, könne nicht mit dem türkischen Staatspräsidenten werben. Auch die Junge Union befürchtet, die Statue könnte zur Pilgerstätte von Teilen der Parallelgesellschaften werden.

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