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Engel-Apotheke in Bad Homburg Engel-Apotheke verlässt den Schulberg

Nach 270 Jahren verlässt die Engel-Apotheke in Bad Homburg den Schulberg und wechselt in die Louisenstraße. Das denkmalgeschützte Haus ist ein Sanierungsfall.

Engel-Apotheke
Viel Holz und 160 Schubladen: Die denkmalgeschützte Inneneinrichtung darf nicht umziehen. Foto: Rolf Oeser

Das Zubereiten und Verkaufen von Heilmitteln im Haus Schulberg 7 endet nach 270 Jahren. Die „Engel-Apotheke“ zieht um, verlässt den angestammten Ort, um sich in der Louisenstraße 32 neu zu etablieren. Dort, wo gerade Bauarbeiten im Gange sind und früher ein Teppichhändler residierte, will Apotheker Christoph Burggraf sein Angebot ausweiten.

170 Quadratmeter sind dann zu bespielen – „mehr Kosmetik, größere Lagerfläche und Sichtwahl“. Alles Wesentliche, so Burggraf, müsse in Zeiten stärker werdender Online-Konkurrenz im Laden vorrätig sein. Ein Vorteil, den die alte „Engel-Apotheke“ nicht bieten kann. Wer hier in denkmalgeschützter Umgebung arbeitet, muss beengte Verhältnisse, einen 30 Quadratmeter messenden Verkaufsraum und veraltete Technik in Kauf nehmen. „Wir leben von den Stammkunden der Altstadt, die Laufkundschaft nimmt uns nicht wahr.“ Deshalb also 200 Meter weiter in die frequentierte Homburger Fußgängerzone, dorthin, wo mittlerweile sechs Apotheker ihrem Handwerk nachgehen.

Was am Schulberg zurückbleibt, ist stadtbildprägend und historisch wertvoll. Es ist die Offizin in ihrer hölzernen, kleinteilig-musealen Anmutung, von Louis Jacobi zu Beginn des 20. Jahrhunderts entworfen. Homburgs bedeutender Baurat hat in jenen Jahren die beiden Nachbarhäuser mit den Nummern 7 und 9 verbunden, reichlich Zierrat integriert, eine sehenswerte Dachlandschaft geschaffen. Im Bewusstsein, die älteste, 1684 gegründete Apotheke der Stadt vor sich zu haben, geizte Jacobi nicht mit Verweisen aufs Mittelalter. Seit etwa 1749 befindet sich die von einer Engelsfigur beschützte Gesundungsstätte auf der Höhe des Schulbergs, nahe des Landgrafenschlosses.

Als der langjährige Eigentümer und Hobby-Historiker Michael-Peter Stoll sein Haus in neue Hände gab und bald danach verstarb, wechselten die Besitzverhältnisse in rascher Folge. Heute gehört das Ensemble mit dem auffallenden, den Eckeingang betonenden Polygonalerker dem Apotheker Marc Schrott. Als Inhaber von vier, dem Label „Ihre Apotheker“ zugeordneten Offizin-Standorten habe er sich spontan für das Gebäude begeistert. Eine „Liebhaberei“, die um die Tücken des Objekts weiß. „Das Haus ist eine Wundertüte“, sagt Schrott. Und: „Der Zustand ist viel schlechter als es den Anschein hat.“

Mit dem Abnehmen einer an der Fassade angebrachten Weihnachtsbeleuchtung im Januar 2017 kam eine Lawine ins Rollen. Darunter liegende Balken entpuppten sich als morsch, die ganze Hausecke wurde rasch wegen Einsturzgefahr gesichert. Verschiedene Bohrstellen in dem hellen Putz verweisen auf den Einsatz von Gutachtern, große Teile des Balkenwerks gelten als angegriffen. Marc Schrott: „Im Dachgeschoss haben wir Schädlingsbefall, Feuchtigkeit dringt über den Sockel ins Gebäude.“ Derzeit untersuchen Fachleute die Substanz nebst Statik. Was nach der Bewertung kommt, lässt sich zur Stunde noch nicht entscheiden. Eines aber steht für den „Engel“-Besitzer fest: „Wir wollen bei der Sanierung wenig in den Bestand eingreifen – aber auch für die kommenden 100 Jahre Ruhe haben.“

Dass Cousin Christoph Burggraf die historische Inneneinrichtung nicht ins neue Domizil schaffen kann, hat zu Diskussionen mit dem Landesdenkmalamt geführt. „Dabei hätte uns die Stadt durchaus unterstützt, Wiesbaden hat aber kategorisch abgelehnt.“ Laut Denkmalschutz bilden Haus und Einrichtung eine Einheit. Übergangsweise wird ab Ende Oktober ein Sockenladen – zuvor beheimatet in dem abgerissenen „Büro-Becker“-Bau – einziehen. Gastronomisch soll der wunderbare Raum mit seinen abgetretenen Fliesen, 160 geheimnisvollen Schubladen und der ominösen Spiegeltür ins „Laboratorium“ jedenfalls nicht genutzt werden. Drei Wohneinheiten sollen entstehen, die historische Offizin bleibt Gewerbefläche.

Apotheken-Mitarbeiterin Petra Nestle wird die Atmosphäre des klassisch Gewordenen vermissen: „Für unsere Altstadt-Kunden war das hier immer wie im Wohnzimmer.“ In der Louisenstraße 32 wird dann nur noch das große Aquarium und das gerahmte „Privilegium“ von 1684 an das Original erinnern. Nicht umsonst ist der Blick des von August Stenger geschnitzten und in Gold getauchten Raphael-Engels durchaus nachdenklich in eine ungewisse Zukunft gerichtet.

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